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Was wir von Bernhard Michels lernen ­können Donnerstag, 06 Oktober 2016 09:34 Foto: Peter Pohl

Was wir von Bernhard Michels lernen ­können

Aus seinem Büro im Steinkohlekraftwerk Mehrum schaut Geschäftsführer Bernhard Michels auf den Deister und den Salzberg in Lehrte – und auf viele Windräder. Er ist sozusagen umzingelt von Windkraftanlagen. »Das ist die Energiewende. Der Ansatz ist vernünftig«, kommentiert er. »Jedem vernünftigen Menschen muss daran gelegen sein, Emissionen zu verringern, Energie einzusparen und Ressourcen zu schonen. Dazu gehört auch die Nutzung von Sonnen- und Windenergie und Biogas aus Pflanzenmasse. Wenn Gesellschaften dann die Nutzung von Kernenergie ausschließen, müssen sie sich auf diesen Weg begeben. Die Umsetzung ist allerdings eher fragwürdig.«

Grundsätzlich stört den Diplom-Ingenieur, dass zu viel Ideologie im Spiel ist: »Ideologie ist das Schlechteste, was es gibt. Dann bewegt sich vieles nicht in die richtige Richtung.« Der Transformationsprozess werde 50 bis 60 Jahre dauern – »bedingt durch die Demokratie, in der Mehrheiten gesucht werden müssen«. »Deshalb finde ich es schlecht, dass angstgetriebenes Handeln ein Treiber ist – Stichwort: von Menschen gemachter Klimawandel. Dass emittiertes Kohlendioxid – etwa durch Verbrennen von Kohle und Öl – einen Klimawandel auslöst, ist bisher nicht bewiesen. Und die Klimaberechnungen und Prognosen einer globalen Erwärmung sind ja kein wissenschaftlicher Beweis, sondern beruhen auf Simulationsmodellen. Selbst bekannte »Klimasimulanten« geben den Lösungs-Code ihrer mathematischen Modelle aber nicht preis.«

Alternativen für »langfristig zu Ende gehende Ressourcen« zu suchen, sei indes ein guter Weg. »Aber es muss ein Konsens hergestellt werden, dass man auch in dem Transformationsprozess eine lange Zeit konventionelle Kraftwerke benötigt. Diesen Tatbestand verändert man nicht dadurch, dass man Kohle verflucht oder CO2 als Menetekel aller Dinge hervorhebt.«

»Das große Fragezeichen«

Das große Fragezeichen des Energiewandels sei: Gelingt es, eine marktwirtschaftlich bezahlbare Speichertechnologie für den Strom zu ent­wickeln, den wir aus Wind und Sonne produzieren? So dass dieser Strom gespeichert wird, wenn er nicht benötigt wird – für die Zeit, in der Sonne und Wind nicht genug Strom produzieren. »Im Winter kann das ohne Weiteres bis zu zwei Wochen lang passieren. Dann ist auch offshore kein Wind verfügbar. Den Gedanken, dass der Strom dann aus unseren Nachbarländern kommt, kann ich nicht nachvollziehen – denn dann scheint ja in ganz Mitteleuropa zu wenig Sonne und es weht zu wenig Wind.«

»Droht ein deutschland­weiter Blackout?«

Haben wir Glück gehabt, dass wir noch keinen deutschlandweiten Blackout der Stromnetze hatten? »Glück nicht unbedingt«, antwortet Bernhard Michels. »Natürlich arbeiten die Netzbetreiber mit Hochdruck am Dispatching. Wir werden dann angefordert oder abgeschaltet. Aber wenn es durch den immer weiteren Verfall der Marktpreise dazu kommt, dass immer mehr Kraftwerke stillgelegt werden oder dass man Braunkohlekraftwerke stilllegt, kann es dazu kommen, dass wir in einem solchen Wetter-Szenario nicht genügend Ersatzkapazitäten am Netz haben. Energiewandel ja, aber man darf dabei nicht vergessen, dass man über viele Jahre noch eine Backup-Lösung braucht. Das sind die konventionellen Anlagen. Die müssen natürlich bezahlt werden.«

Aktuell, macht er deutlich, seien die Zeiten für Kraftwerksbetreiber finanziell schwierig. »Der Verdienstausfall aufgrund der fallenden Großhandelspreise durch das Überangebot an Strom ist signifikant. Das macht uns schon Sorgen. Wir müssen die Kosten deutlich optimieren. Damit verbunden ist auch eine Anpassung des Personals auf 108 Mitarbeiter.« Derzeit dient das Kraftwerk Mehrum in erster Linie dazu, Schwankungen im aus erneuerbaren Quellen gespeisten Stromnetz auszugleichen. Es hätte indes die Kapazität, um den gesamten Stromverbrauch in der Region zu decken.

Bernhard Michels berichtet: »Die Bundesnetzagentur handelt mitunter außerhalb einer politischen Diskussion. Sie kauft fossile Ersatzkapazitäten im Ausland, vor allem in Italien und Österreich. Sind insbesondere im deutschen Süden die Kapazitäten nicht mehr vorhanden, weil Kernkraftwerke abgeschaltet wurden, werden diese Ersatzkapazitäten letztlich von uns bezahlt, über die EEG-Umlage und Netzentgelte. Das Ausland macht dann den Strom für uns.«

Zur EEG-Umlage mit ihren Mindest-Vergütungspreisen für EEG-Öko-Strom sagt der 60-Jährige: »Hat man einmal einen Subventionsapparat in Gang gesetzt, wird er nie abgeschafft werden.« Die Anpassung des EEG-Gesetzes gehe nun in die richtige Richtung. »Aber die regenerativen Energien wurden so stark gefördert, dass man das nicht von heute auf morgen zurückdrehen kann. Das hat Firmen hervorgebracht, es wurde investiert. Das kann man nicht kurzfristig auf null zurückfahren. Mittelfristig muss sich die regenerative Energieeinspeisung aber an den Großhandelspreisen orientieren. Der Weg dahin wird hart und lang.

»Wir sollten die Fehler der Vergangenheit nicht ­wiederholen«

Schon jetzt gibt es Subventionsruinen durch übertriebene Subventionierung. In Deutschland mussten bereits vor zwei Jahren einige Photovoltaik-Fabriken schließen. Durch die Reduzierung der EEG-Einspeisevergütung ist auch sehr große Unruhe bei den Herstellern von Windkraftanlagen eingetreten.« Seine klare Meinung: Subvention auf lange Sicht hat keine Berechtigung in einer sozialen Marktwirtschaft. »Jetzt kann man sagen: Die Kernenergie wurde ja auch subventioniert, aber man muss ja nicht die Fehler der Vergangenheit in der Zukunft fortführen.« Alles in allem wird in Deutschland nach wie vor die gleiche Menge Strom erzeugt, »aber mit vielleicht 20 000 Leuten mehr, die alle in der Bürokratie arbeiten«.

»Michels klarer sozial­markwirtschaftlicher Blick«

Von Bernhard Michels können wir den klaren sozialmarktwirtschaftlichen Blick lernen. Einen Tag vor unserem Gespräch hat Volkswagen die Zukunft der Diesel-Technologie in Frage gestellt. Ein Kernthema stattdessen: die Elektromobilität. Wie bewertet er diese Entwicklung? »Elektromobilität ist ja nichts Schlechtes«, sagt er. »Deutschland hatte ja bereits vor dem Ersten Weltkrieg E-Lastwagen, die in Berlin anstatt der Pferdegespanne Bier ausgeliefert haben. Die Frage ist nicht, ob man das kann, sondern welche Kapazitäten man hat und welche Reichweiten. Da müssen die Batterien noch stark weiterentwickelt werden. Idealerweise müssten sie die Kapazität eines 60-Liter-Tanks erreichen – also 600 kWh und das Laden müsste so schnell gehen wie das Tanken.«

»Die Klippen der ­Elektromobilität«

Eine wichtige Frage sei: Können die Kosten so angepasst werden, dass man mit einer konventionellen Motorausstattung gleichzieht? »Tesla setzt bei der Entwicklung der Elektromobilität auf vermögende Kunden, denen am Umweltschutz gelegen ist. Die sind mit hochpreisigen Luxuslimousinen eingestiegen. Mit einem Verkaufspreis von 100 000 Dollar haben sie die Produktentwicklungskosten zumindest zum Teil refinanziert.« Die Möglichkeit, durch Elektro­mobilität Emissionen und Lärmbelästigung zu verringern, sei in jedem Fall hervorragend. Bei den Lithium-Ionen-Batterien müsse man indes auch eine gewisse Abhängigkeit hinnehmen. »Die notwendigen Rohstoffe gibt es nicht in Deutschland. Und aus der Nutzung resultieren auch Umwelteingriffe.«

Bernhard Michels diskutiert gern, auch im Rahmen des Industrie- und Wirtschaftsvereins für Peine und Umgebung, dessen Vorsitzender er im achten Jahr ist. Zuletzt war Ursula von der Leyen zu Gast. Wie gelingt es, die Bundesverteidigungsministerin für einen Vortrag zu gewinnen? »Mit Hartnäckigkeit. Ein Kriterium ist natürlich auch, dass jemand in der Nähe von Peine wohnt. Dann muss man ein Zeitfenster von eineinhalb Monaten anbieten, bei den Tagen flexibel sein, ab und zu nachhaken, nicht zu früh aufgeben und dann funktioniert das.«

»In Berkum zuhause«

Bernhard Michels stammt von der Mosel und wohnt heute in Berkum bei Peine, einem Dorf mit 364 Einwohnern. Auch hier ist der Vater von zwei Kindern gern mittendrin. Die EM-Spiele schaut er im Dorfgemeinschaftshaus. »Viele erzählen, einer stellt sich an den Grill und sorgt für Bratwürste. So wächst Gesellschaft zusammen, so kann man etwas bewirken.« Er ist auch Mitglied des Bürgervereins und war zehn Jahre Schiedsmann, während seine Frau in Peine ein erfolgreiches Nachhilfeinstitut leitet. »Peine ist ein sehr netter, kommunikativer, gesellschaftlich offener Standort. Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden und gut vernetzt.« Begeistert erzählt er auch von den Reisen mit seiner Frau: »Wir waren schon mit einer Forschungsexpedition in der Antarktis. Das ist herrlich, wenn man am Ende der Welt vorbeifährt.« Als weitere Hobbys nennt er Schach (»Am Computer, mit Menschen weltweit«) und Golf. »Mir gefällt die Bewegung«, berichtet er. »Oft bin ich in Sehnde-Rethmar morgens um sieben allein auf dem Platz. Rehe, Vögel, Hasen, Natur. Das ist wunderbar. Letztens habe ich einen Mäusebussard beobachtet, der eine Maus gefangen hat. Meine Frau ist eine notorische Langschläferin. Da bringe ich dann Brötchen mit, und wir frühstücken gemeinsam.« Auch das können wir von Bernhard Michels lernen: den Moment zu genießen.

geschrieben von  wo