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Was wir von der International Women‘s Association lernen können Freitag, 02 Dezember 2016 10:03 Foto: Frank Bierstedt

Was wir von der International Women‘s Association lernen können

Wenn ausländische Familien von Fach- und Führungskräften in die Region Braunschweig kommen, geht es zunächst darum, ihnen die Eingewöhnungszeit zu erleichtern. »Jede Geste ist ein Signal«, sagen Marianne Wandt und Maria Cáceres Guerrero, »ein Signal der Wertschätzung und des Respekts.« Marianne Wandt ist seit der Gründung der International Women‘s Association (IWA) vor zehn Jahren Präsidentin, Maria Cáceres Guerrero ihre Stellvertreterin. Der Verein von Frauen für Frauen bietet eine Plattform für soziale Kontakte, Networking, Unterstützung und Aktivitäten vom Literaturkreis bis zum Unternehmensbesuch.

»Ausschlaggebend für die Gründung war eine Spanierin. Sie lebte in Braunschweig und hat sich hier überhaupt nicht integriert. Sie wurde depressiv. Am 26. Januar 2006 haben wir uns bei einer Tasse Kaffee zusammengesetzt und gesagt: Wir müssen etwas machen«, erzählt Marianne Wandt. Viele Frauen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, litten unter Einsamkeit. »Oft ist ihr Mann hierher versetzt worden, aber er muss in der Welt herumreisen und ist selten zu Hause. Oder die Frauen sind hochqualifiziert, aber dürfen zunächst nicht in Deutschland arbeiten. Sie waren anerkannte Persönlichkeiten und sind hier No-­Names. Damit muss man erst mal zurechtkommen.«

»154 Mitglieder mit 26 Nationalitäten«

Die IWA startete mit elf Teilnehmerinnen aus sieben Nationen. »Die Idee sprach sich schnell herum. Jeder kannte eine, die auch dazu passt. Beim Kick-off im Kongresssaal der IHK waren wir schon 40«, erinnert sich Marianne Wandt. Heute gehören dem Verein 154 Mitglieder mit 26 verschiedenen Nationalitäten an. »Am häufigsten Amerikanerinnen und Französinnen und dann eine bunte Mischung, zum Beispiel aus Japan, Italien, Indonesien, Ghana, Israel und dem Iran. Vor einigen Jahren hatten wir sogar mal jemanden aus der Mongolei.«

40 Prozent der Mitglieder sind Deutsche. Die IWA richtet sich auch an Deutsche, die neu in der Region sind, sowie an Deutsche, die aus dem Ausland zurückgekommen sind. VW und VW Financial Services sind dabei nicht unbedingt das Hauptklientel. »In Braunschweig gibt es ja zum Beispiel auch Siemens und viele Mittel­ständler, die Ausländer beschäftigen. Unter unseren Mitgliedern sind auch Frauen von Doktoranden der TU oder von Instituts­mitarbeitern – aus der gesamten Region.«

»Wodurch eine gewisse Lockerheit entsteht«

Alle duzen sich: »Das bringt schon eine gewisse Lockerheit.« An jedem ersten Donnerstag im Monat gibt es ein Newcomer-Café. »Da kann jeder kommen. Viele Interessentinnen sind zunächst etwas schüchtern. Dann rufen wir andere dazu. Man muss ein Auge darauf haben, dass sich jeder angenommen fühlt. Man braucht Feingefühl: Wer könnte gut zusammenpassen – vom Lebenslauf oder vom Land her oder vielleicht weil beide Kinder haben«, so Maria Cáceres Guerrero. Frauen, die mit Kindern nach Deutschland ziehen, finden schneller Kontakt, so ihre Erfahrung. »Frauen ohne Kinder sage ich immer aus Spaß: Schafft euch einen Hund an«, ergänzt sie. »Zwei haben das gemacht, und es brachte sie tatsächlich ins Gespräch. Man trifft sich im Park und verabredet sich.«

»Die IWA-Vereinssprache ist Englisch«

Lernen von der IWA könne man vor allem den gegenseitigen Respekt, egal gegenüber welcher Kultur, sagen die beiden. »Mich stört immer dieses Wort Toleranz. Das heißt ja, ich dulde den anderen. Bei uns ist keine Duldung. Jeder wird so genommen, wie er ist«, so Maria Cáceres Guerrero. »Natürlich muss man sich auch ein bisschen unseren Gepflogenheiten anpassen. Das heißt aber nicht, dass die Menschen zum Beispiel aufhören müssen, ihre Muttersprache zu sprechen. Ich finde es zum Beispiel falsch, wenn Mütter in Kindergärten nicht mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache sprechen dürfen. Das sind Kulturen, die man erhalten muss. Der Erhalt ist wertvoll, aber die deutsche Sprache muss auch dazugehören, wenn man hier lebt.« Die IWA-Vereinssprache ist Englisch. »Nicht selten sagt dann jemand: Sprich Deutsch mit mir, ich bin jetzt in Deutschland«, erzählt Marianne Wandt. »Unsere Klientel ist ja in der Regel nur zwei, drei Jahre hier, aber das stimmt natürlich. Wer sich integrieren möchte, muss auch die deutsche Sprache lernen. Es ist ein Geben und Nehmen.«

Die IWA charakterisieren beide als positives Signal: Hier ist jemand, der sich um den Partner kümmert. Ein Special Event Team organisiert zum Beispiel Ausflüge, Theaterbesuche und Firmenbesichtigungen. Es gibt Literatur- und Konversationsgruppen, sportliche Aktivitäten, Kochen, einen Stammtisch und eine Couple Night. Im Dezember wird wieder ein Floß auf dem Weihnachtsmarkt gebucht. »Wichtig ist, ein Netzwerk zu schaffen. Bei uns finden sich auch Freundschaften, die halten, obwohl man später auf anderen Kontinenten lebt. Eine Frau sagte mal: Einige Kontakte hier waren wie Schwestern. Das bindet fürs Leben«, erzählt Marianne Wandt.

»Kulturelle ­Missverständnisse«

Kulturell lernen alle regelmäßig dazu. »Bei anderen Mentalitäten kann man auch schnell mal ins Fettnäpfchen treten. Ein Klassiker ist die Pünktlichkeit. Oder die unterschiedliche Bedeutung eines Wortes. Da lernt etwa eine Iranerin Deutsch und die Lehrerin lobt, in Form der Daumen-hoch-Geste: super. Das hat u. a. im Iran die Bedeutung wie bei uns der Mittelfinger«, berichtet Maria Cáceres Guerrero. Bei einem Vortrag hat sie vor Kurzem ein Fallbeispiel gesehen. Das Publikum sollte die Situation interpretieren. »Der Mann ging voran, die Frau hinter ihm. Er saß auf einem Stuhl. Die Frau auf dem Boden. Er hat zuerst eine Nuss gegessen. Wir dachten, die Frau hat es schwer. Aber dann wurde erläutert: Sie hat Bodenhaftung zur Erde, sie ist gesegnet von der Erde. Deshalb darf sie näher an der Erde sitzen als der Mann. Und er hat vor ihr eine Nuss gegessen, weil sie so wertvoll ist. Er möchte sicherstellen, dass sie gutes Essen bekommt. Das Vorangehen bedeutete, für sie den Weg zu ebnen, damit sie sicher gehen kann.«

»Was man im Ausland unter einer richtigen Party versteht«

Gelernt haben die beiden auch, was viele Mitglieder unter einer Party verstehen. »Bei unserer Fünfjahresfeier gab es ein Theaterstück, Klaviermusik und viele Reden. Ein langes Programm. Da bekamen wir von unseren internationalen Mitgliedern zu hören: Feiern ist bei uns etwas anderes. Feiern heißt bei uns tanzen und Spaß haben, nicht herumsitzen und essen«, berichtet Marianne Wandt. »Fiesta in Spanien, das verbinde ich auch mit Musik und großer Geräuschkulisse. Es wird gesungen, getanzt und gelacht«, bestätigt Maria Cáceres Guerrero. Zum Zehnjährigen im Waldhaus Oelper haben sie nun eine mitreißende Liveband engagiert.

Bild ganz oben: Marianne Wandt (l.) und Maria Cáceres ­Guerrero.

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