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Was wir von Volkmar Neubert lernen ­können Freitag, 20 Oktober 2017 10:28 Foto: Frank Bierstedt

Was wir von Volkmar Neubert lernen ­können

Viele kluge Köpfe haben Dinge erfunden, die uns Menschen das Leben leichter machen. Wenige kluge Köpfe haben Dinge erfunden, die uns Menschen wirklich weiterhelfen. Volkmar Neubert zählt zur zweiten Gruppe. Er gehört zu den Wegbereitern einer Knochenschraube, die sich aus einer neuen Magnesiumlegierung zusammensetzt. Das Bahnbrechende: Nachdem der Knochen geheilt ist, löst sich die Schraube auf – und erspart dem Patienten eine zweite Operation.

Drei Unternehmen in einer Gruppe

Die Firmengruppe von Professor Volkmar ­Neubert mit Sitz in Clausthal-Zellerfeld besteht aus drei Unternehmen: dem Institut für Materialprüfung und Werkstofftechnik, dem Zentrum für Funktionswerkstoffe und dem Materials Science and Engineering Werkstoffzentrum. Die Ingenieure und Wissenschaftler der Gruppe sind Experten auf dem Gebiet der Metallurgie – von der Forschung und Entwicklung über die Konstruktion und Produktion bis hin zur Qualitätssicherung.

Wer nach neuen Möglichkeiten sucht, um Metalle gewinnen, verarbeiten und nutzen zu können, den führt der Weg in den Harz – so wie vor zehn Jahren jenen kühnen Visionär, der Volkmar Neubert fragte, ob er sich die Entwicklung eines resorbierbaren, also vom Körper abbaubaren Implantats auf Metallbasis vorstellen könne. »Alle anderen hatten ihn weggeschickt – ich tat es nicht, weil es eine interessante Aufgabe war und ich noch nie Nein gesagt habe«, erzählt Volkmar Neubert.

Eine durch und durch gute Entscheidung. Denn Volkmar Neubert und sein Team aus 15 Mitarbeitern haben es geschafft, einen Werkstoff zu entwickeln, der zwei wichtige Eigenschaften hat: Er ist so stabil, dass er gebrochene Knochen fixieren kann; und er ist, wenn sich im Körper die Magnesiumlegierung auflöst, für den Menschen unschädlich. Ob das Prinzip dieses Implantats nicht ein kleines Wunder sei? Nein, betont der Erfinder, »das ist schlicht und ergreifend Korrosion. Ein Wunder ist, dass wir die Auflösungsgeschwindigkeit steuern können – mit Blick darauf, wie weit die Heilung fortgeschritten ist.«

Das Hauptprodukt der ­Syntellix AG

Mittlerweile ist das Implantat patentiert, zugelassen und auf dem Markt, wo es herkömm­lichen Produkten aus Titan Konkurrenz macht. Es ist das Hauptprodukt der Syntellix AG. Das Medizintechnik-Unternehmen aus Hannover – Mehrheitsaktionär ist der Unternehmer und Investor Utz Claassen – vertreibt die Knochenschraube in mehr als vierzig Ländern.

Mehrere Jahre hat es gedauert, bis die Technologie reif war. Geholfen hat Volkmar Neubert das, was jeder gut gebrauchen kann: Scharfsinn, unerschütterliches Selbstvertrauen und die Hartnäckigkeit, auch nach Rückschlägen weiterzumachen. Und seine, wie er sagt, »hervorragende Ausbildung an der Technischen Universität Clausthal«. Zwölf Jahre arbeitete er nach dem Studium am Institut für Schweißtechnik und trennende Fertigungsverfahren als Ober­ingenieur – bis er sich selbstständig machte.

Den Erfahrungsschatz teilen

Seiner Hochschule ist er bis heute treu geblieben. Zwei Stunden wöchentlich unterrichtet er Studierende am Institut für Erdöl- und Erdgastechnik. Seine Schwerpunkte: Korrosion und Korrosionsschutz. »Wenn ich den jungen Leuten in den ersten zwei, drei Wochen in die Augen schaue, sehe ich schwarze Löcher – und dann, ganz plötzlich, fängt es in ihren Augen an zu glimmen. Ich empfinde es als sehr befriedigend, mein Wissen weitergeben zu dürfen.«

Die Hochschule, findet er, ist der richtige Ort, um seinen Erfahrungsschatz zu teilen. Ganz einfach deswegen, weil sie viel zurückgibt – auch seiner Branche: »Die besten Forschungsergebnisse kommen von den Universitäten.«

Ein gern gesehener Redner

Mit seiner Expertise in Werkstoffwissenschaften und -technik hat sich Volkmar Neubert einen hervorragenden Namen gemacht. Er ist ein gern gesehener Redner – weltweit. »Dieses Jahr geht es noch nach China und Singapur.« Der 72-­Jährige hat einen Weg gefunden, um das große Interesse an seinem Wissen nicht in zu viel Stress ausarten zu lassen. »Ich halte mir zugute, dass ich das nur mache, wenn mich die Reise nicht zu sehr anstrengt. Also fliege ich los, halte meinen Vortrag und mache vor Ort eine Woche Urlaub oder mehr.«

Die Vorträge sind ein Nebenerwerb. Das Hauptgeschäft spielt sich unter dem Institutsdach ab mit Werkstoffprüfungen korrosiver oder mechanischer Art. Und mit der Schadens­analytik: Im Büro von Volkmar Neubert stapeln sich die Gerichtsakten, denn er ist vereidigter Sachverständiger für Werkstoffwissenschaften, Gießerei- und Schweißtechnik. Jemand strengt eine Klage gegen seinen Lieferanten an, weil die – sagen wir einmal – Rohre grobe Mängel aufweisen? Die Gerichte vertrauen auf seine Stellungnahme, um die richtige Entscheidung treffen zu können. Über seinen Schreibtisch gehen jährlich etwa 150 Schadensfälle.

Weitere Einsatzbereiche denkbar

Seit einigen Jahren sammelt er Kunst, inzwischen gehören ihm siebzig Gemälde. Sein liebstes Motiv: die Hüttenindustrie. Harte Arbeit also, die auch ihn nicht loslässt. Es gebe weitere Bereiche, in denen seine Magnesiumlegierung gute Dienste leisten könne, sagt er – etwa in der Zahnmedizin. »Unsere Aufgabe ist, das Implantat weiterzuentwickeln und die Produktion sicherzustellen. Auf der Welt sind wir die Einzigen, die den Werkstoff herstellen können.«

geschrieben von  boy