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Was wir von Anja, Inge und Günter Kohlmann ­lernen können Freitag, 27 Oktober 2017 10:14 Foto: André Pause/oh

Was wir von Anja, Inge und Günter Kohlmann ­lernen können

»Wir haben unser ganzes Leben eigentlich nur gearbeitet, aber der Beruf war auch unser Leben«, sagt Inge Kohlmann und klingt dabei recht zufrieden. Noch bis vor zwei Jahren führte die 80-Jährige gemeinsam mit ihrem acht Lenze älteren Mann Günter das Haarhaus Braunschweig in Eigenregie. Mittlerweile hat Tochter Anja das Ruder unternehmerisch komplett übernommen, doch so ganz loslassen möchten die beiden Senioren »ihr« Geschäft bis heute nicht. »Wir sind beratend für unsere Tochter da. Außerdem freuen wir uns, unsere lieben Kunden, die wir ja teilweise fast 60 Jahre bedient haben, ab und an mal zu sehen.«

Das Vertrauen ist die Basis

Tiefe Beziehungen seien da entstanden, versichern alle drei Kohlmanns. Was nur natürlich ist: Haarteile, Toupets oder Perücken in Kunst- und Echthaar sind mitnichten Dinge, die Menschen bevorzugt von der Stange kaufen. Des Öfteren verbergen sich zudem schwere krankheitsbedingte Schicksale hinter den Biografien der Kunden – das schweißt zusammen. »Die Vertrauensbasis muss absolut da sein«, sagt Anja Kohlmann. Die Mutter nickt. Mitfühlend zu agieren sei sehr wichtig: »Manchmal bauen wir unsere Kunden sogar psychologisch auf.« Das nötige Fingerspitzengefühl für persönliche Angelegenheiten sollte man, neben einem geschulten Auge für Proportionen und etwas Modebewusstsein, also auch mitbringen, wenn es um das Haar als schönsten Schmuck des Menschen geht.

Eine schicksalhafte ­Begegnung

Inge und Günter Kohlmann haben sich das ihnen entgegengebrachte Vertrauen über Jahrzehnte hinweg erarbeitet. Ihren beruf­lichen Werdegang, der untrennbar mit dem privaten Weg verbunden ist, bezeichnen die beiden selbst als »absolute Kuriosität«. Günter Kohlmann der in seiner Geburtsstadt Leipzig das Handwerk des Damenfrisörs und Perückenmachers erlernt hat, kam 1948 mit Rucksack und Kleingeld in der Hosentasche nach Braunschweig, heuerte vorübergehend in der Zuckerfabrik Wierthe an und arbeitete im Anschluss für verschiedene Salons im Stadt­bezirk. Nach dem Bestehen der Meisterprüfung und dem Abschluss der kaufmännischen Abendschule im Jahr 1956 sollte eine Begegnung mit einer Kundin im Bad Harzburger Salon am Casino (hier arbeitete Kohlmann in seiner ersten Saison) sein Leben schlagartig verändern. »Kurze Zeit später erfolgte ein Gespräch mit dem Ehemann dieser Kundin, einem Fabrikanten, der mir zu einem eigenen Geschäft verhelfen wollte. Am Ende stand die Zusage, eine Bankbürgschaft für einen hohen Geldbetrag zur Gründung eines Friseurgeschäfts in Braunschweig zu übernehmen. Er machte jedoch zur Auflage, dass ich eine tüchtige Berufskollegin heirate«, skizziert der ehemalige Inhaber des Haarhauses Braunschweig schmunzelnd. »Da war guter Rat für mich natürlich teuer.«

Beruflich und privat ein gutes Team

Doch der Zufall eilte dem gründungswilligen Friseurmeister abermals zur Hilfe. Bei einem Fachseminar lernte Kohlmann eine hübsche junge Frau kennen, die alle ausformulierten Bedingungen des Fabrikanten erfüllte: Inge ­Walter. »Wir trafen uns öfter in der Milchbar in Bad Harzburg. Ich erzählte ihr von diesem Angebot und fragte sie, ob sie sich ein Leben mit mir vorstellen könnte. Normalerweise würde eine Frau in einer solchen Situation wahrscheinlich die Polizei rufen und sagen: ich habe einen Verrückten vor mir. Der Fairness halber muss ich aber betonen, dass eine gewisse Zuneigung zwischen uns schon vorhanden war«, lächelt der Senior. Und so führte Günter Kohlmann seine Inge bereits nach rekordverdächtigen vier Wochen zum Traualtar in der Braunlager Holzkirche.

Durch die Hochzeit am 30. August 1957 war der Weg zum eigenen Salon frei. Drei Monate später eröffnete das Paar in der Kannengießerstraße sein erstes Friseurgeschäft. Als der Kredit von insgesamt 35 000 DM im Jahr 1964 getilgt war, folgte in der Schützenstraße das Haarhaus Braunschweig und drei Jahre später eine weitere Filiale in Hannover. »Wir hatten das Glück, in unseren drei Geschäften immer gute Fachkräfte als Mitarbeiterinnen zu haben, waren beruflich wie privat immer ein gutes Team. Und außerdem gehörten wir zu den ersten Spezialhäusern für Perücken und Haarersatz. Das war ja noch nicht weit verbreitet«, erzählen Inge und Günter Kohlmann, die in diesem Jahr ihre diamantene Hochzeit gefeiert haben. Millionäre seien sie zwar nicht geworden, wie sie augenzwinkernd berichten, aber der Spaß an der Arbeit für die Menschen habe für sie ohnehin immer stärker im Vordergrund gestanden als finanzielle Aspekte.

Diese Arbeitsethik haben die Kohlmanns ihrer Tochter, die das Haarstudio Braunschweig heute quasi als Einzelkämpferin betreibt, ins Stammbuch geschrieben. Der Unterstützung ihrer Eltern kann sich Anja Kohlmann, die als Friseurmeisterin und Perückenmacherin neben der Maßarbeit in Sachen Zweithaar, Perücken, Haarteile und Toupets auch ein umfassendes Dienstleistungsspektrum von der Pflege bis zur Reparatur anbietet, freilich sicher sein. Schließlich freuen sich nicht nur Inge und Günter ­Kohlmann noch heute auf die Begegnungen mit den vielen Stammkunden, umgekehrt ist es ebenso. Was liegt da also näher, als »ab und an« mal im Geschäft vorbeizuschauen.


Bild ganz oben: Zwei Generationen, eine Leidenschaft: das Haar. Vor zwei Jahren hat Tochter Anja das Haarstudio Braunschweig von ihren Eltern übernommen. Nichtsdestotrotz sind Inge und Günter Kohlmann noch oft im Geschäft.

geschrieben von  pau