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Schuldner­beratung: Der Weg zurück in eine wirtschaftliche ­Existenz Montag, 31 Juli 2017 12:07 Foto: Jörg Scheibe

Schuldner­beratung: Der Weg zurück in eine wirtschaftliche ­Existenz

Was Thomas Mann als den »bürgerlichen Tod« bezeichnete – die drohende Insolvenz – kann heute dank einer rechtzeitigen und erfolgreichen Schuldnerberatung der Weg zurück in die wirtschaftliche Existenz sein. So jedenfalls sieht es Rechtsanwalt Dr. Hans-Georg Fey, der bereits vielen Insolvenz-Gefährdeten aus einer Notlage helfen konnte. Die Betroffenen, die aus allen sozialen Schichten kommen, erhalten derzeit innerhalb einer Woche bei ihm einen Termin. Knapp die Hälfte der Hilfesuchenden, die zu ihm kommen, sind Unternehmer gewesen. Das Erstgespräch, für das sich Fey viel Zeit nimmt, ist kostenlos.
 


wirtschaft: Herr Dr. Fey, zu Ihnen kommen auch sehr viele Unternehmer und Selbstständige. Sind Sie für gewerblich Tätige überhaupt der richtige Ansprechpartner?

Dr. Fey: Ja, wenn sie ihr Gewerbe abgemeldet oder ihre Selbstständigkeit aufgegeben haben. Sollten Sie aber noch Verpflichtungen aus Arbeitsverhältnissen haben, kommt nur die Firmeninsolvenz in Frage, für die ein Insolvenzverwalter zuständig ist. Aber wenn sie das nicht mehr haben, sondern lediglich Schulden aus Einkäufen zum Beispiel von Maschinen, dann kommen sie in großer Zahl zu uns und wir ziehen das dann durch.

»… und schon bricht alles zusammen«

wirtschaft: Wie sieht so ein typischer Fall eines Gewerbetreibenden aus?

Dr. Fey: Gerade gestern bat mich ein Inhaber einer ehemaligen Autowerkstatt im Landkreis Helmstedt um Unterstützung. Der hatte die erforderlichen technischen Geräte und Computer etwa zur Vermessung von Achsen und zur Überprüfung von Motoreinstellungen erworben. Aber die Werkstatt lief dann nicht so, wie er es erwartet hatte. Hinzu kam, dass er von einem anderen betrogen worden ist. So geriet er in eine ausweglose Situation. Solche Fälle kommen bei uns in großer Zahl vor.

Oder nehmen Sie einen Fall eines Handelsunternehmens. Jemand betreibt einen kleinen Laden in der Ernst-August-Galerie in Hannover. Es kommt zu einem Wasserrohrbruch, durch den ein großer Teil der Waren vernichtet wird. Der Inhaber war nicht ausreichend versichert und es gab auch niemanden, der den Schaden verursacht hat, den man also hätte haftbar machen können. Und schon bricht alles zusammen. Solche Beispiele sind bei uns der Regelfall.

»Überwiegend tragische Schicksale«

wirtschaft: Gibt es typische Ursachen, die Menschen an den Rand einer Privat-Insolvenz bringen?

Dr. Fey: Ich habe nur zwei, drei Fälle erlebt, die aus einer »Was kostet die Welt-Haltung« in eine solche Situation gekommen sind. Überwiegend sind es ziemlich tragische Schicksale, bei denen man nicht sagen kann, dass die Menschen durch Mutwillen in diese Lage gekommen sind, weil zum Beispiel die Ehe nicht gehalten hat, der Arbeitsplatz verloren gegangen ist oder sie krank geworden sind. Ich habe mehrere Fälle gehabt, die nach dem dritten Selbstmordversuch zu mir gekommen sind, weil sie keinen Ausweg mehr gesehen haben.

wirtschaft: Herr Dr. Fey, Sie sind nun schon einige Jahre in diesem Bereich tätig. Wie viele Beratungen haben Sie bisher durchgeführt und mit welchem Erfolg?

Dr. Fey: Es sind einige Hundert. Vielen konnte ich helfen, wieder ein besseres Leben zu führen.

»Der Weg in die ­Schuldenfreiheit«

wirtschaft: Wie sieht der Weg in die Schuldenfreiheit aus?

Dr. Fey: Zunächst muss man sich einen Überblick über die Forderungen aller Gläubiger verschaffen und ich betone »alle«. Wenn man einzelne Gläubiger nicht nur fahrlässig vergisst, können diese »vergessenen« Gläubiger beantragen, dass am Ende des Verfahrens die gesamte Restschuldbefreiung versagt wird. Das Insolvenzverfahren hätte in diesem Falle dann nicht geholfen.

In einem nächsten Schritt werden die Gläubiger angeschrieben, um zu klären, in welcher Höhe die Forderung noch besteht. Danach haben wir einen Überblick und können einen Vergleichsvorschlag erarbeiten. Dieser enthält einen Betrag, der den Gläubigern, die alle gleichbehandelt werden müssen, angeboten wird.

Nun muss der Gläubiger entscheiden, ob er damit einverstanden ist. Sollte die Mehrheit der Gläubiger, soweit sie auch die Mehrheit der Schuldensumme repräsentieren, zustimmen, kann das Gericht das fehlende Einverständnis einzelner Gläubiger ersetzen. Mit diesem »Schuldenbereinigungsprogramm« ist die Insolvenz sozusagen vom Tisch, unter der Voraussetzung, dass sich der Schuldner fünf Jahre lang an die vereinbarten Bedingungen hält. Das klappt bei vielen eigentlich ganz gut.

Erst wenn der überwiegende Teil der Gläubiger »nein« sagt, weil der Schuldner für die nächsten fünf Jahre eine zu geringe Monatszahlung angeboten hat, kommt es zu einer Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

»Bei Mietschulden geht es an die Existenz«

wirtschaft: Viele Überschuldungen könnten relativ schnell aus der Welt geschaffen werden, wenn …

Dr. Fey: … die Leute nicht erst dann zu mir kommen, wenn nichts mehr geht. Dann sind wir nämlich schon voll in dem gerade geschilderten Gläubigerverfahren drin und die Beträge, die der Schuldner anbieten kann, sind dann häufig zu gering.

Schlimmer noch: Meine erste Frage an den Überschuldeten betrifft immer die Mietschulden in der Wohnung, denn dann besteht die Gefahr, dass die Stadtwerke den Strom abstellen und der Eigentümer die Wohnung kündigt. Hier geht es dann um die unmittelbare Existenz. Ein unnachsichtiger Geschäftspartner ist auch der Beitragsservice (früher GEZ), der die Mittel für ARD und ZDF eintreibt.

wirtschaft: Gibt es Erfahrungen, wie hoch der Anteil der Insolvenz-Gefährdeten ist, denen durch Schuldnerberatungen zu einem erfolg­reichen Neustart verholfen werden konnte?

Dr. Fey: Nein, dazu gibt es in Deutschland keine Statistik, aber es werden sehr viele sein.

»Ein krasser Fall«

wirtschaft: Welches war Ihr krassester Fall?

Dr. Fey: Eine Dame hatte vor 20 Jahren ein paar Rechnungen der Telekom über geringe Summen bekommen und diese im Laufe der Jahre permanent ignoriert. Über 15 Jahre ist sie von einem Inkassounternehmen verfolgt worden, so dass aus diesem geringen Betrag durch Vollstreckungsmaßnahmen schließlich 15 000 Euro geworden sind. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die finanziellen Belastungen galoppieren, wenn man den Kopf einfach in den Sand steckt. Und viele werden am Ende dann so verfolgt, dass sie nicht mehr ein noch aus wissen.

Es wird den Leuten durch E-Bay, Amazon & Co. ja auch leicht gemacht, auf Pump zu kaufen. Wenn es um den Erwerb von Waren geht, sind diese Unternehmen eigentlich immer dabei. Und wenn sie dann eigentlich finanziell bereits am Ende sind, gibt ihnen PayPal noch eine allerletzte Luftzufuhr.

wirtschaft: Ihr oberstes Anliegen ist es, dass den Betroffenen ein erfolgreicher Neustart gelingt. Wie viele nutzen diese zweite Chance?

Dr. Fey: Es gibt nur einen relativ kleinen Prozentsatz derer, die es nicht durchhalten. Ich habe den Eindruck, dass Frauen in einer solchen bedrohlichen Lage eher zu kämpfen bereit sind als Männer. Die meisten Männer bekommen die Kurve, wenn sie eine neue Freundin haben, die sagt: Hör mal, wir bleiben zusammen, aber nur, wenn du mir versprichst, diese Sache da in Ordnung zu bringen. Solche impuls-gebundenen Dinge gibt es schon.

»Bis zu zehn Verträge«

wirtschaft: Viele junge Menschen haben häufig noch nicht das richtige Gespür für den Umgang mit Geld, etwa wenn es um Handy-Rechnungen geht, die schnell ins astronomische wachsen können. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Dr. Fey: Ich habe Fälle erlebt mit bis zu zehn Handy-­Verträgen. Auch hier wird es den Leuten heute leicht gemacht. Bestimmte Telefon­gesellschaften sind immer dabei. Es sind dann oft die Väter, die sagen: Junge, du hast dich an die Wand gefahren, ich gehe jetzt mit dir zur Schuldnerberatung, damit Du mal siehst, wie schön das Leben ist …

wirtschaft: Heißt das, dass Sie einem 18- oder 19-Jährigen eine Privatinsolvenz nahelegen würden?

Dr. Fey: Wenn der Sohn Schulden in Höhe von 2000 Euro hat, ist das kein Fall für die Privat­insolvenz, dann wird der Vater versuchen, es auf eine andere Art zu lösen. Wenn er allerdings meint, eine Privatinsolvenz ist eine gute erzieherische Maßnahme, weise ich darauf hin, dass es erst nach zehn Jahren wieder möglich ist, eine Schuldenbereinigung auf dem Wege der Privat­insolvenz durchzuführen. Nach meinen Erfahrungen haben übrigens Handy-Verträge eine größere Bedeutung als der Autokauf, der aber bereits an zweiter Stelle kommt. Zu meiner großen Verwunderung neigen übrigens junge Polizisten dazu, sich privat ein größeres Auto anzuschaffen.

wirtschaft: Wie sieht es mit der psychischen Seite Ihrer Beratungsaufgabe aus?

Dr. Fey: Das ist in der Tat ein Problem. Was die Schuldnerberatung so schwierig macht, ist erstens die Forderungsaufstellung und -überprüfung. Das kann zu einer regelrechten Sträflingsarbeit ausarten, die zudem noch regress-anfällig ist. Und zweitens klammern sich die Menschen auch psychisch an mich. Das darf man dann nicht zu nah an sich heranlassen. Es gilt die Devise: Mitgefühl ja, Mitleid nein.

Bild oben: Dr. Hans-Georg Fey (67) ist heute Rechtsanwalt in der Braunschweiger Kanzlei von Gronefeld & Kollegen, die von seiner Tochter betrieben wird. In seinem »früheren Leben«, wie er sagt, ist er im Innenministerium von Nordrhein-Westfalen für 120 000 Beschäftigte im Katastrophenschutz, in der Feuerwehr und im Rettungsdienst zuständig gewesen. Für die Aufgaben als Schuldnerberater hat er eine Zusatzausbildung bei der ADN Schuldnerberatung absolviert, die ihren Sitz in Oldenburg hat. Neben der ADN gibt es in Braunschweig drei weitere Schuldnerberatungen: DRK, BSS und Schuldnerberatung für Menschen in Nieder­sachsen. Dr. Hans-Georg Fey ist erreichbar unter Tel.: 0531 70222360.
geschrieben von  jh