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»Die Energiewende stärkt langfristig die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes« Montag, 11 September 2017 11:10 Foto: André Pause

»Die Energiewende stärkt langfristig die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes«

Kaum ein Thema wird so heiß, leidenschaftlich und ausdauernd diskutiert wie die Energiewende – vor allem in der entscheidenden Phase des Bundestagswahlkampfes. Das ist im Kammerbezirk der IHK Braunschweig nicht anders. Anknüpfend an den »Fakten-Check« in unserer Juli-Ausgabe haben wir mit Vollversammlungsmitglied Bärbel Heidebroek, Geschäftsführerin der Landwind GmbH in Gevensleben, und IHK-Vizepräsident Dr. Ralf Utermöhlen, geschäftsführender ­Gesellschafter der AGIMUS GmbH, gesprochen. Beide werben offensiv für die Energiewende.

wirtschaft: Warum halten Sie die Energiewende nicht nur für positiv, sondern für notwendig für die deutsche Wirtschaft?

Dr. Utermöhlen: Ganz einfach, weil erneuerbare Energien in einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung inklusive aller Folgekosten langfristig deutlich kostengünstiger sind als fossile Energieträger. Die Erneuerbaren haben eine ehrlichere Preisgestaltung und bilden Kosten verursachergerecht im Preis ab, während bei den fossilen viele Folgekosten auf die Allgemeinheit und künftige Generationen überwälzt werden. Die Energiewende entkoppelt unsere Wirtschaft von Energieimporten, was langfristig die Wett­bewerbsfähigkeit unseres Landes stärkt.

Heidebroek: Ohne Energiewende kommen enorme Kosten auf die deutsche Wirtschaft zu. Im Jahr 2016 hatten wir aufgrund von Naturkatastrophen einen globalen Gesamtschaden in Höhe von 175 Milliarden US-Dollar. Auch in unserer Region werden wir immer deutlicher die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen. Klimakatastrophen, wie das Hochwasser vor ein paar Wochen, werden sich häufen. Ganz zu schweigen von den steigenden Klimaflüchtlingszahlen, die uns bevorstehen. Die Energiewende hilft uns allerdings nicht nur, das Klima zu retten. Sie ist auch ein enormer Jobmotor. Rund 330 000 Menschen arbeiten zurzeit im Bereich der Erneuerbaren Energien. Niedersachsen führt dabei mit über 53 000 Arbeitsplätzen. In deutschen Braunkohlrevieren arbeiten heute rund 60 000 Menschen – Tendenz sinkend. Außerdem ist die Energiewende ein attraktives Karrieresprungbrett. Nicht nur Studiengänge in der Erneuerbare-Energie-Branche sind gefragt. Wir brauchen auch Ausbildungsplätze mit dem Schwerpunkt Energiewende in der Zuliefererindustrie, im Anlagen- und Maschinenbau oder bei Logistik und Spezialfahrzeugen. Außerdem sind die Erneuerbaren bereits heute deutlich günstiger als neue fossile Kraftwerke und ihr Preis wird weiter sinken (siehe Diagramm). Dass Windenergie mittlerweile zu den günstigsten Erzeugungsformen zählt, zeigte nicht zuletzt die zweite Ausschreibungsrunde im vergangenen Monat. Für Onshore-Windparks lag der durchschnittliche Zuschlagswert bei 4,28 Cent je Kilowattstunde! Auch wenn dieser Preis unter den derzeitigen Bedingungen sicherlich nur sehr bedingt wirtschaftlich erscheint, zeigt er doch die eindeutige Tendenz.

wirtschaft: Das klingt im ersten Augenblick sehr nach eitlem Sonnenschein. Kann man sagen: Alles bestens mit der Energiewende?

Dr. Utermöhlen: Absolut nicht. Zunächst mal, weil es für einige energieintensive Branchen üble Wettbewerbsnachteile gibt, solange andere Staaten nicht die Folgekosten im Energiepreis inkludieren – Frankreichs Atomnachsorge ist das beste Beispiel. Da muss man politisch gegensteuern und unseren Unternehmen weiter mit Ausnahmen helfen, solange die anderen Staaten das nicht ändern. Die Wärmewende und der Netzausbau hinken nach, auch das ist wahr. Das ist aber ein Problem auf der Zeitachse – die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt, ­welches die Energie-Infrastruktur des Landes komplett umbaut – das dauert halt und mich ärgern Verhinderungen nach dem Sankt-­Florians-Prinzip. Viele sind für die Energie­wende, aber bitte nicht in der eigenen Nähe. Auch ist nicht jedes Projekt mit Erneuerbaren Energien per se gut – mancherorts gelingen beispielsweise die Abwägungen mit dem Natur- und Flächenschutz nicht.

Heidebroek: Letztendlich haben wir noch ein ordentliches Stück Arbeit vor uns. Hinsichtlich der Stromproduktion sind wir auf einem guten Weg. Rund 35 Prozent des deutschen Strombedarfs werden aus Erneuerbaren gedeckt. Das sind jedoch nur 20 Prozent des kompletten Energiebedarfes in Deutschland. Die Sektoren Mobilität und Wärme wurden bisher total vernachlässigt. Besonders im Wärmesektor wird von der Industrie viel Energie für technische Prozesse und Verfahren benötigt. Damit die Energiewende gelingt, müssen wir die Erneuerbaren Energien nicht nur in den Strombereich, sondern auch in die Wärmeversorgung und den Verkehr integrieren, also die Sektorenkopplung vorantreiben. Natürlich dürfen wir die Kosten nicht aus den Augen verlieren. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, gibt es für die deutsche Industrie zurecht Ausnahmeregelungen bei staatlich induzierten Energie- und Strompreis­aufschlägen. Darunter fällt beispielsweise eine Befreiung/Reduzierung für energieintensive Betriebe von der EEG- oder KWK-Umlage, von Netzentgelten oder bei der Energie- und Stromsteuer. Im Jahr 2016 hatte diese Förderung ein Volumen von rund 17 Milliarden Euro.

Ich kann die Richtung der Diskussion um die Erneuerbaren nicht ganz nachvollziehen. Wir haben zurzeit keine Alternativen. Die fossilen Rohstoffe sind endlich und ihre Verbrennung hat Luftverschmutzung und Klimabelastung zur Folge. Die atomare Energiegewinnung birgt, wie wir alle wissen, unvorhersehbare Kosten und Risiken und die Entsorgung des Atommülls ist bis heute völlig ungeklärt. Durch das politische Hin und Her zwischen konventioneller und erneuerbarer Energieerzeugung gerät Deutschland ins Hintertreffen und letztlich steigen die Gesamtenergiekosten auch mittel- und langfristig enorm. Halbherzigkeit wird hier von allen Beteiligten teuer bezahlt. Deutschland kann nicht Energiewendeland sein und gleichzeitig Kohleland bleiben!

wirtschaft: Was raten Sie Unternehmern und Führungskräften in dieser Situation?

Heidebroek: Unternehmer und Führungskräfte sollten sich von alten Denkstrukturen der bisherigen Energiewelt lösen. Wir müssen flexibler und effizienter mit dem kostbaren Gut Energie umgehen. Wir sollten unsere Nachwuchskräfte dahingehend fördern, neue Wege auszuprobieren und zu erforschen. Wir brauchen intelligente Systeme und Speicher – und natürlich Menschen, die diese entwickeln. Wer das erkennt, kann sich einen Vorsprung ausbauen. Das Schöne an der Energiewende ist: Sie findet regional statt – direkt vor Ort. Jedes Unternehmen kann sich auf unterschiedliche Weise einbringen und davon profitieren.

Dr. Utermöhlen: Ich rate den Unternehmern, das zu tun, was Sie am besten können: Marktchancen suchen und nutzen. Wenn hunderte von Milliarden investiert werden, dann werden Aufträge vergeben – nicht nur an Großkonzerne. Fragen Sie sich, welchen Teil Ihres Know-hows man im Bereich der Energiewende einsetzen kann oder bauen Sie neue Kompetenzen auf, um in diesem Markt mitzumachen. Genau hierzu bietet übrigens unsere regionale Energieagentur, an der wir als IHK beteiligt sind, am Mittwoch, 27. September von 13 bis 16 Uhr einen Workshop »Marktchancen durch Energiewende und Klimaschutz« an. Nähere Informationen finden Sie unter https://klima.regionalverband-braunschweig.de/anmeldung.

Bild ganz oben: Vollversammlungsmitglied Bärbel Heidebroek und Dr. Ralf Utermöhlen, Vizepräsident der IHK Braunschweig, halten die Energiewende für notwendig.

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