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Study Tour – Auf den ­Spuren der ­israelischen Berufs­bildung Freitag, 15 September 2017 10:50 Foto: oh

Study Tour – Auf den ­Spuren der ­israelischen Berufs­bildung

Seit 1969 kooperieren Deutschland und Israel in einem bilateralen Förderprogramm, um in erster Linie die Berufsbildung in den jeweiligen Ländern weiter zu entwickeln und gleichzeitig die vielseitigen deutsch-israelischen Beziehungen zu unterstützen. Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen stehen beide Länder vor ähnlichen Herausforderungen: Fachkräftemangel, inklusive Ausbildung, mangelnde Durchlässigkeit in der Berufsbildung oder starker Akademisierungstrend. Das Programm ermöglicht einen jährlich stattfindenden Austausch zwischen Fachexperten beider Länder, um mögliche Lösungsansätze für die großen Fragen der Berufsbildung zu finden. Die Organisation und Finanzierung dieser traditionsreichen Kooperation wird von dem israelischen Ministerium für Arbeit und Soziales und dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) übernommen. Seit 2013 ist die Nationale Agentur für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung durchführendes Organ der Study Tours.
 

In jedem Jahr reisen die beiden Delegationen zu wechselnden fachlichen Themen durch das jeweils andere Land. 2017 stand die Study Tour im Zeichen der Inklusion von Menschen mit Behinderung in der beruflichen Bildung. Die Inklusionsberaterin der IHK Braunschweig, Anneke Reich, zählte zu den zwölf Programm-Teilnehmern, die sich im Juni auf den Weg nach Israel gemacht haben.

wirtschaft: Frau Reich, mit welchem Gefühl sind Sie nach Israel geflogen?

Reich: Zum einen wollte ich diese Gelegenheit unbedingt wahrnehmen – ich finde es wahnsinnig spannend zu beobachten, wie in anderen Ländern und unter anderen Voraussetzungen mit dem Thema Inklusion umgegangen wird: Gibt es Parallelen zu meiner Arbeit? Möglicherweise ähnliche Herausforderungen? Zum anderen kann ich nicht leugnen, dass ich die Reise aufgrund der politischen Situation des Landes mit gemischten Gefühlen angetreten bin.

wirtschaft: Haben sich Ihre Befürchtungen diesbezüglich bewahrheitet?

Reich: In erster Linie nicht – wir haben uns überwiegend in Tel Aviv und Jerusalem aufgehalten, diese Städte sind sehr modern, westlich orientiert und touristisch geprägt. Gefahren für Touristen oder Geschäftsreisende bestehen nicht, unsere Gruppe hat sich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt. Insbesondere die Leichtigkeit der Israelis, mit der sie die immer wieder stattfindenden politischen Unruhen und sogar Anschläge bewältigen, ist ansteckend.

Dennoch haben mich auch viele Erlebnisse sehr berührt und nachdenklich gestimmt: Insbesondere den Besuch einer Fachhochschule nahe des Gazastreifens werde ich im Gedächtnis behalten. Für die Menschen in der ländlichen Umgebung ist dies der einzige mögliche Zugang zu Bildung, daher wird mit allen Mitteln versucht, den Standort zu halten. Obwohl die Fachhochschule zuletzt im Jahr 2014 70 bis 80 Mal am Tag beschossen wurde. Überall auf dem Gelände weisen Bunker auf diese nach wie vor bedrohliche Lage hin.

Ebenso einschüchternd wirkt die israelische Sperranlage, wenn man plötzlich vor ihr steht. Zum überwiegenden Teil verläuft die über 700 Kilometer lange Absperrung zwischen Israel und dem Westjordanland als ein stark gesicherter Metallzaun zum Schutz vor Selbstmordatten­tätern. In Jerusalem und Umgebung soll sogar eine bis zu acht Meter hohe Betonmauer der Sicherheit der Israelis dienen.

Berufsausbildung als ›Benachteiligten­förderung‹?

wirtschaft: Auf welche Besonderheiten sind Sie in Israel in Bezug auf die Berufsbildung gestoßen?

Reich: Besonders markant ist eine Entwicklung, die sich in Deutschland zwar andeutet, aber noch nicht so stark ausgeprägt ist: Die akademische Bildung gilt in Israel als Königsweg, während die Berufsbildung tatsächlich als »Benachteiligtenförderung« aufgefasst wird. Sie findet überwiegend außerbetrieblich in Berufsfachschulen und bei Bildungsträgern statt. Unternehmen werden zwar als Praktikums­betriebe mit eingebunden, allerdings steht dies in keinem Vergleich zu unserem System der dualen Berufsausbildung. Hinzu kommt, dass die Dauer der Ausbildungsgänge häufig einfach kürzer ist. In Israel ist die gewerblich-technische Berufsausbildung am stärksten vertreten: In speziellen Industrieberufsschulen werden beispielsweise der »Technician« (ein Jahr) oder der »Practical Engineer« (zwei Jahre) gelehrt. Dabei kooperieren diese Schulen neben großen Industrieunternehmen auch mit dem Militär.

wirtschaft: Welche Rolle spiel das Militär dabei?

Reich: Aufgrund der politischen Situation spielt das Militär grundsätzlich eine viel größere Rolle, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Für viele junge Israelis ist es eine Ehre, an der Militärausbildung teilnehmen zu können. Sie betrachten diese Zeit als einen elementaren, identitätsstiftenden Lebensabschnitt. Die Wehrpflicht besteht sowohl für Männer als auch für Frauen. Sie werden ab ihrem 18. Lebensjahr eingezogen. Männer bleiben für mindestens 32 Monate beim Militär, Frauen mindestens 28 Monate. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel ultraorthodoxe Juden oder arabische Israelis, sind von dieser Pflicht befreit. Häufig erlernen die Jugendlichen in Verbindung mit der Militärzeit sogar einen Beruf. Oftmals führt diese Zeit jedoch auch zu einem Einschnitt in der beruflichen Bildung. Wer sich nicht bereits vor oder während des Militärs beruflich qualifizieren konnte, hat aber auch im Anschluss die Möglichkeit, Berufsbildungskurse in Berufsbildungs­zentren/Industrieberufsschulen zu besuchen.

›Accessibility‹ steht im inklusiven Fokus

wirtschaft: Wie werden Menschen mit Behinderung in diesem Bildungssystem berücksichtigt?

Reich: Menschen mit Behinderung sind vom Militärdienst ausgeschlossen, wobei es spezielle, Erfolg versprechende Projekte der israelischen Armee zur Qualifizierung von Jugendlichen mit dem Autismus-Spektrum gibt. Darüber hinaus hat auch Israel die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung unterzeichnet und mit der Umsetzung begonnen. Es ist deutlich zu spüren, dass der Gedanke des inklusiven Zusammenlebens einen hohen politischen Stellenwert einnimmt. Zunächst ist man sehr darauf bedacht, auf allen Ebenen die Zugänge zu erleichtern. Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen und Nachteilsausgleiche zu schaffen, gilt dabei sowohl in der Berufsbildung als auch auf dem akademischen Bildungsweg als erforderlich. Aber auch hier steht die Einbindung von Menschen mit Behinderung in die akademische Qualifizierung im Vordergrund – derzeit beschäftigen die Verantwortlichen in den Colleges Themen wie »Universal Design for Learning (UDL)«. Die betriebliche Berufsbildung scheint an diesen Stellen zu sehr aus dem Fokus zu rücken. Bei der Zielgruppe des akademischen Bildungswegs handelt es sich darüber hinaus überwiegend um Menschen, deren Teilhabe mit der sogenannten »Accessibility« erreicht werden kann (Legasthenie, Dyskalkulie, körperliche Behinderungen). Schwerstmehrfachbehinderte oder lernbehinderte Menschen aber werden weiterhin in speziellen Einrichtungen oder Werkstätten gefördert. In dieser Hinsicht ist unsere Berufsbildung bereits weiter – dabei denke ich zum Beispiel an Fachpraktikerausbildungen als spezielle Ausbildungsform für lernbehinderte Jugendliche auf dem ersten Arbeitsmarkt. Eine ähnliche Entwicklung war in Israel (noch) nicht erkennbar ...

wirtschaft: ... soll aber in die Wege geleitet werden?

Reich: Möglich, darum geht es ja bei diesem Projekt – die deutsche Delegation konnte in Israel sicherlich die eine oder andere Idee für die Berufsbildung platzieren und ebenso verlief es andersherum. Besonders imponiert hat mir die Einbindung von israelischen Firmen: Einige Ausbildungsmodelle sind auf das Sponsoring dieser Firmen angewiesen, welche dadurch die jungen Menschen aber auch langfristig an sich binden. Wir haben außerdem besondere Fördereinrichtungen für Kinder mit Behinderung gesehen, die sich ohne Sponsoren überhaupt nicht tragen würden. Gemäß amerikanischem Vorbild werden diese Sponsoren dann auch dementsprechend an Hauswänden, Sitzbänken oder Räumlichkeiten lobenswert erwähnt.

wirtschaft: Was können wir abseits der Berufsbildung von Israel lernen?

Reich: Zum einen ist die Lebensfreude und Unbeschwertheit der Israelis nachahmenswert. Auf der anderen Seite ist ihre Hightech-Industrie uns sicherlich mehrere Schritte voraus: Wir nutzen dort entwickelte Produkte selbstverständlich, ohne ihren Ursprung zu kennen. Ein Besuch in der Außenhandelskammer (AHK) hat bei unserer Gruppe viele interessante Fakten offen legen können: Ich war überrascht zu hören, dass der USB Stick, das Chat-Programm ICQ oder die Software für Fahrerassistenz­systeme aus Israel stammen. Viele namenhafte deutsche Unternehmen investieren in israelische Start-ups. Deutschland ist Israels drittgrößter Handelspartner.

Ansprechpartnerin:
Inklusionsberaterin Anneke Reich,
Tel.: 0531 4715-221,
E-Mail: anneke.reich@braunschweig.ihk.de

Bild oben: Die Teilnehmer der Study Tour in Jaffa.
geschrieben von  wo