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»Lieber etwas Ungewöhnliches ­schaffen« Mittwoch, 11 Oktober 2017 15:56 Foto: André Pause

»Lieber etwas Ungewöhnliches ­schaffen«

Seit drei Jahren leitet der Journalist Georg Mascolo den Rechercheverbund des NDR, des WDR und der Süddeutschen Zeitung. In einem Atemzug wird der Name des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs vor allem mit der Berichterstattung über die sogenannten Panama Papers genannt. Im Rahmen eines Diskussionsabends mit dem Titel »Wertvolle Wahrheit – Journalismus im Zeitalter alternativer Fakten« sprach der 52-Jährige jetzt vor Mitgliedern des Presseclubs Braunschweig und des Marketingclubs Braunschweig.

Georg Mascolo zur ­Bezeichnung seiner selbst als Terrorismusexperte:

Mit dem Begriff des Experten kann ich selbst ehrlich gesagt gar nicht so viel anfangen. Ich bin nicht mehr so wahnsinnig jung und fast 30 Jahre in diesem Beruf. Knapp 25 davon war ich beim Spiegel. Da hat es einfach eine Reihe von Themen gegeben, die mich sehr lange, sehr intensiv beschäftigt haben. Dazu gehört ganz sicher der Bereich des Terrorismus. Meine ersten Geschichten über den islamischen Extremismus habe ich 1998 geschrieben, eine Zeit in der man seiner Redaktion noch erklären musste, wer eigentlich Bin Laden ist.

Zu den Herausforderungen journalistischer Live-­Situationen:

Eigentlich gehört zu unserem Beruf, dass wir zunächst Dinge durchdringen, sie recherchieren, verstehen und gesicherte Informationen haben. Damit treten wir dann vors Publikum und sagen: Guck mal, das haben wir in der Sache herausgefunden, dafür stehen wir mit unserem guten Namen. In Live-Situationen ist das immer ein Stück ungewöhnlich, weil man sich im Normalfall natürlich erst einmal zurückziehen würde. In solchen Situationen gibt es einen Spagat. Man muss und sollte mit den Informationen, die zur Verfügung stehen, schnell auftreten. Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass es eine besondere Vorsicht braucht. Und dass man sehr deutlich sagen muss, was man in diesem Moment weiß und was man nicht weiß, um ­Spekulationen möglichst zu vermeiden.

Über den Wert von ­Journalismus:

Je länger man diesen Beruf macht, umso demütiger macht es einen. Weil man sieht, dass bei aller Akribie und aller Sorgfalt, die man walten lässt, immer wieder Fehler passieren. Es gibt Leute in meinem Beruf, die sagen: Wir sind dazu da, die Wahrheit abzuliefern. Das glaube ich überhaupt nicht. Wahrheit ist ja ein fast religiöser Begriff. Ich finde es ehrlich gesagt schon schwer genug, die Tatsachen zu ermitteln. Was mich persönlich sehr umtreibt ist, dass Journalismus zu Beginn meines Berufslebens doch sehr viel langsamer funktioniert hat, als er das heute tut. Man ging morgens in die Redaktion, hatte Zeit, fing an zu recherchieren. Heute erleben wir eine ungeheure Beschleunigung.

»Die ständige Beschleunigung des Urteils halte ich für relativ verhängnisvoll«

Die hat eine Menge mit dem Internet zu tun, aber auch damit, dass an vielen Stellen Journalisten der Versuchung nicht widerstehen können, über Dinge zu schreiben oder zu urteilen, ohne diese verstanden zu haben. Das halte ich für einen falschen und auch für einen gefährlichen Weg. Der Wert von Journalismus ist, dass man sich auf die Einschätzungen und die vermittelten Fakten verlassen kann. Die Beschleunigung der Welt hat viele ganz wunderbare Seiten, das kann man im Handel oder im Austausch von Informationen sehen. Aber die ständige Beschleunigung des Urteils halte ich für relativ verhängnisvoll. Journalismus muss im Grunde einen Schritt zurücktreten können und die Kraft haben, gegenüber dem Publikum zu sagen: ich kann das überhaupt noch nicht beurteilen.

Zur Funktion des Recherche­verbundes:

Das ist eine sehr ungewöhnliche Konstruktion: Die Investigation der Süddeutschen Zeitung kooperiert mit der Investigation von zwei öffentlich-rechtlichen Sendern. Da gibt es keine gemeinsame Kasse, kein gemeinsames Büro. Der einzige, wenn man so will gemeinsame, Angestellte dieses Verbundes bin tatsächlich ich. Wir haben am Anfang, als ich das mal versucht habe zu skizzieren eine einfache Idee gehabt: Lass uns doch einfach mal gucken, wenn wir uns zusammentun, um gemeinsam in bestimmten Bereichen zu recherchieren, ob da dann nicht etwas Bemerkenswertes und Interessantes rauskommt – und ob die Geschichten, die wir miteinander machen, nicht besser wären, als wenn sie jeder für sich macht. Und wenn es nicht funktioniert, dann lassen wir es einfach wieder. Weil ich der einzige Angestellte bin, wäre das auch relativ einfach wieder zu beenden. Man müsste nur einen entlassen, und alle anderen machen alles wie sie es vorher gemacht haben. Das ist für eine Geschäftsabwicklung ein überschaubarer Akt.

Über investigativen ­Journalismus und seine Dimension:

Investigativ ist ein ziemlich hochtrabendes Wort. Das allermeiste hat eigentlich mit Investigation im klassischen Sinne nicht viel zu tun. Ich würde das ordentlichen Journalismus nennen – jedenfalls dann, wenn er gelingt. Investigativer Journalismus in seiner strengen Auslegung ist eine Form von Journalismus, die am Ende politik- oder gesellschaftsverändernd sein kann. Das erreicht man ja ehrlich gesagt mit den wenigsten Projekten. Die Panama-Papers, so glaube ich, verdienen genau dieses Gütesiegel, weil ich hoffe, dass, wenn wir in fünf oder zehn Jahren einmal zurückschauen, feststellen werden, es nicht mehr so viele Orte auf der Welt gibt, wo es einfach ist, sein Geld zu verstecken. Vor zehn bis fünfzehn Jahren ist es für viele Deutsche noch üblich gewesen zu sagen: Wenn ich in der Schweiz Ski fahre, dann kann ich dort auch gleich mein Nummernkonto eröffnen. Das ist vorbei, das geht nicht mehr. Heute erleben wir allerdings etwas, von dem ich finde, dass es ähnlich skandalös wenn nicht noch schlimmer ist, als die persönliche Steuerhinterziehung. Das ist eine Form von organisierter Steuervermeidung, die Unternehmen erreichen können. Wenn wir es schaffen, dass das Stück für Stück verschwindet, dass das, was Staaten oft Steuerwettbewerb nennen – was aber gar keiner ist, sondern eine Organisation, der Gemeinschaft die ihr zustehenden Steuern zu entziehen – dann würde ich das für einen großen Fortschritt halten.

Zu medialem Produktions- und Veröffentlichungsdruck:

Auch guter Journalismus funktioniert nicht, wenn er nicht regelmäßig etwas zu erzählen hat, wofür die Leute sich interessieren. Das kann etwas ganz außergewöhnlich Kluges sein, oder eine Nachricht, von der sie noch nichts gehört haben. Also stehen wir unter einem gewissen Druck, so wie andere in ihren Berufen auch. Ich würde sagen, dass es manchmal gut ist, einen Schritt zurückzutreten und lieber etwas Ungewöhnliches zu schaffen, woran die Leute sich nach einer Zeit noch erinnern.

»Ich mag die Jammerei im Journalismus nicht«

Für Ungewöhnliches interessieren sich die Menschen und an ungewöhnliche journalistische Leistungen erinnern sie sich auch. Ich glaube, dass wir es alles in allem mit einem ziemlich fairen Publikum zu tun haben. Ich mag aber die inzwischen doch ziemlich weit verbreitete Jammerei im Journalismus nicht. Und glaube auch nicht, dass sich die Leute so wahnsinnig für unsere Probleme interessieren.

Was richtig und wichtig ist, dass sich jeder journalistische Arbeitgeber – völlig egal, ob es ein Rundfunksender, eine Zeitung oder ein Magazin ist – daran erinnern sollte, dass das einzige Produktionsmittel, welches er besitzt, der Journalist ist. Und dass das Wichtigste, dass er sich im Laufe der Jahre erworben hat, die Glaubwürdigkeit seiner Marke ist. Die würde ich nicht aufs Spiel setzen. Ich weiß ganz genau, wofür meine Marke steht und deshalb weiß ich auch, welche Kompromisse ich nicht machen darf.

Über den Unterschied ­zwischen linkem, rechtem und islamistischem Terror:

Ich glaube, dass die Gesellschaft, um mal mit dem Guten zu beginnen, auf eine doch sehr ruhige, gelassene und vernünftige Art und Weise auf diese neue Form der Bedrohung reagiert. Das freut mich sehr. Mein Eindruck ist, dass die Menschen bislang gut auseinanderhalten und differenzieren, und dass jeder seinen Weg findet, mit dieser Form der Bedrohung umzugehen, was für uns alle die denkbar größte Herausforderung ist, weil dieser Terrorismus des sogenannten Islamischen Staates sich in einem wesentlichen Punkt doch von allem unterscheidet, was wir aus der Vergangenheit kannten. Der Terrorismus der RAF war schrecklich, aber wenn Sie jetzt nicht zufällig ein Wirtschaftsführer oder Politiker gewesen sind, dann konnten Sie ziemlich sicher sein, dass das eine Form von Terrorismus ist, die Ihnen nicht droht. Was es so heute schwer macht, ist die Unterschieds­losigkeit. Es ist ein Terrorismus, der inzwischen jeden Täter nimmt – und im Grunde auch jede Tat. Er setzt keinerlei Grenze. Diese Form von Brutalität von Gemeinheit, das ist etwas, dass sich mit unseren Zielen nicht verträgt. Protokoll: André Pause

Bild oben: Georg Mascolo im Gespräch mit der ­Presseclub-Vorsitzenden Claudia Gorille.
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