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Fokus Chefbüro: Julius von Ingelheim Donnerstag, 02 Februar 2017 15:22 Foto: Peter Pohl

Fokus Chefbüro: Julius von Ingelheim

Ein großes Chefbüro? Das ist Julius von ­Ingelheim nicht wichtig. »Das ›Chefmäßige‹, wie man es oft sieht, widerstrebt mir. Wir sind ein Team«, sagt der Geschäftsführer der Allianz für die Region GmbH. »Ein Büro ist für mich der Ort, an dem ich in Ruhe meine Gedanken finden und konkretisieren kann. Ansonsten bin ich wie meine Kolleginnen und Kollegen viel in der Region unterwegs. Wir möchten mit den Leuten reden und handeln. Unsere Türen sind offen.« Das ist nicht nur sinnbildlich gemeint. Seine Tür ist tatsächlich so gut wie nie geschlossen. »Unser Chefbüro besteht eigentlich mehr aus Smartphone, Laptop und Auto«, sagt der 60-Jährige, der einen Teil seiner Arbeitszeit in Wolfsburg verbringt. Er ist seit sieben Jahren in Personalunion Sprecher des Vorstands der Wolfsburg AG. Das Gemeinschaftsunternehmen von Volkswagen und der Stadt Wolfsburg wird vom selben Führungsteam geleitet wie die Allianz für Region. »Wir sind Berufspendler in einer Pendlerregion und leben Vernetzung aus Überzeugung. Was perfekt passt, da die meisten Themen und Herausforderungen nicht an Stadt- und Gemeindegrenzen halt machen.«

»Wirtschaft beginnt mit Wir«

Zu diesen Themen gehören sichere Arbeitsplätze und eine gute Lebensqualität in der Region Braunschweig-Wolfsburg – die Ziele der Allianz für die Region. »Das fängt bei der klassischen Wirtschaftsförderung und Ansiedlung an. Und verständlicherweise ist die Mobilitätswirtschaft ein zentraler Punkt«, erläutert von Ingelheim. Handlungsfelder zur Erhöhung der Lebensqualität sind Bildung, Gesundheit, Energie, Umwelt und Ressourcen sowie Freizeit. »Unsere Mannschaft in Braunschweig ist überschaubar, hochqualifiziert und vor allem hochengagiert. Damit sind wir sehr schnell, weil wir die Leute kennen und bei jedem Thema sofort wissen, wen wir ansprechen können. Die Hierarchien sind flach. Wir arbeiten stets im Team, auch an der Spitze. Wobei jeder innerhalb der Geschäftsführung seine Schwerpunkte hat.«

Um Projekte voranzubringen, setzt die Allianz für die Region auf eine strategische Verzahnung aller Akteure. »Unser Job ist das Change Management. Wir besetzen dabei nicht irgendwelche Themen. Wir unterstützen, wenn etwas auf regionaler Ebene vorankommen soll.« Die Arbeit beginnt immer in kleinen Teams, die schrittweise weitere Fachkompetenz aus der Region und bei Bedarf ­darüber hinaus versammeln. Julius von ­Ingelheim agiert dabei eher zurückgenommen. »Wichtig ist Empowerment. Mein Credo ist, auf Menschen zuzugehen und sie zu motivieren. Stehen Einzelinteressen zu sehr im Vordergrund, verlieren andere die Lust.«

»Testfeld autonomes ­Fahren: Das interessanteste Areal in Deutschland«

In den Büroräumen der Allianz für die Region wird Austausch groß geschrieben. Im Erdgeschoss gibt es Tagungsräume. »Wir haben viele Gäste«, sagt Julius von Ingelheim. »Vor Weihnachten waren zum Beispiel IG Metall-Betriebsräte hier. Der Austausch mit den Gewerkschaften in Umbruchzeiten der digitalen Transformation ist uns wichtig. Dies betrifft z. B. das autonome Fahren. Wenn das gesamte ›Testfeld Niedersachsen‹ umgesetzt wird, entsteht hier das interessanteste Areal in Deutschland. Den wenigsten ist ja bewusst, dass in Braunschweig schon im Jahr 2010 das weltweit erste innerstädtische autonom fahrende Fahrzeug unterwegs war.«

An welchen weiteren größeren Projekten arbeitet er? »Wir haben nur ›großartige‹ Projekte«, antwortet er lächelnd. Und berichtet: »Ein Anliegen, das von der Wirtschaft an uns heran­getragen wurde, ist, das Regionalmarketing voranzutreiben. Die Zuständigkeiten sind aktuell sehr zergliedert und komplex. Eine Vielzahl von Personen und Institutionen arbeitet in der Region im Marketing und der Tourismusentwicklung. Wir binden sie gezielt ein. Gerade haben wir zum Beispiel gemeinsam das ›Marken­handbuch der Region‹ erarbeitet.«

»Viele reden über die Region, kennen sie aber nicht«

»Richtungsweisend, wohltuend, bewegend – das waren die Oberbegriffe für die Marke unserer Region. Das haben wir dann noch mal verdichtet, mit einer emotionalen und einer ratio­nalen Komponente. Jede Gebietskörperschaft hat Inhalte geliefert, zusammen mit einem Resümee: Was sollen die Bürger und Besucher damit verbinden? Wen möchte man erreichen? Das war ein wichtiger Schritt.« Generell werde auch bei der Tourismusförderung nun richtig Gas gegeben, z. B. mit Blick auf den »Neuen Harz«. »Der Harz leidet unter Vorurteilen, die inzwischen längst überholt sind. Viele reden über den Harz oder die Region, kennen sie aber nicht richtig.«

»Zur Lebensqualität gehört auch die Lebenslust«

Er selbst liebt den Harz. »Der erinnert mich an meine Heimat«, so der gebürtige Franke. »Der Spessart ist allerdings nicht ganz so hoch.« Er macht gern Ausflüge, bevorzugt auf seiner Moto Guzzi. »Fährt man Richtung Süden und sieht von der Autobahn aus langsam die Berge auftauchen, da geht mir schon das Herz auf. Es gibt auch viele andere schöne Ecken, zum Beispiel den Drömling und den Elm. Ich schätze hier auch die vielen guten Restaurants. Zur Lebensqualität gehört auch die Lebenslust.« Gemeinsam mit dem Zweckverband Großraum Braunschweig (ZGB) bringe die Allianz für die Region den Ausbau der Radwege­infrastruktur voran. »Es ist einer der Schwerpunkte in dem mit dem ADFC, dem ZGB und weiteren Experten entwickelten Masterplan Fahrradmobilität.«

»Das paläon – ein Eyecatcher«

In seinem Büro hängt neben einigen Bildern auch der ZGB-Kalender 2017. »Das Thema sind diesmal Impressionen aus der Region. Das ist auch eine Form von Regionalmarketing.« Ein weiterer Eyecatcher ist ein gerahmtes Foto des paläons, in dessen Aufsichtsrat er Mitglied ist.

»Drei Aspekte machen die Region aus«

Was macht die Region aus? Aus seiner Sicht sind es drei Aspekte: das historische Erbe, die starke Wirtschaft und die hervorragende Wissenschafts- und Hochschullandschaft. Das größte Menetekel sei aktuell der Fachkräftemangel. »Ausgerechnet die wirtschaftlich erfolgreichste Region in Niedersachsen hat die schlechteste demografische Prognose.« Deshalb auch die Bedeutsamkeit des Regionalmarketings. »Viele zieht es in die Metropolen. Eine gute Nachricht in dieser Hinsicht war, dass die jüngere Generation, vor allem in der Familiengründungsphase, sagt, sie könne sich keine Metropolen leisten. Deshalb wandern viele wieder ab. Diesen Schwarm müssen wir abfangen. Wir gestalten hier einen Landeplatz, über den man sagt: Da möchte ich gerne hin. Solche Bedingungen schaffen wir aber nur mit regionalem Teamspirit – nach dem Motto ›Menschen machen Marke‹.«

»Ein hartes Ringen«

Teamspirit begleitet den Juristen durch sein ganzes berufliches Leben – und die Frage, wie man Organisationen und Menschen zu Höchstleistungen motiviert. Und dabei kann er auf eine inzwischen lange und bewegte Berufserfahrung zurückgreifen. Mehrfacher Vorstandsassistent, Geschäftsführer Personal­wesen von Volks­wagen Sachsen und Volkswagen in Portugal, Generalsekretär der AUDI AG und eine unglaubliche Vielzahl von Projekten. »Über die Lösung von ganz konkreten Problemen und ­darauf angelegten Projekten lernt man am besten, wie man mit unterschiedlichen Interessengruppen, Kompetenzen und Institutionen am Ende gemeinsam erfolgreich sein kann. Das ist oft ein hartes Ringen. Aber man hat dann auch Erfolge und Erfolgserlebnisse. Und das beflügelt.«

Seine besten Ideen hat Julius von Ingelheim »leider nachts«, erzählt er. »Block und Bleistift liegen auf meinem Nachttisch oder ich schreibe mir auf dem Handy eine E-Mail mit der Idee. Frage zum Schluss: Wie lädt der Vater von vier Kindern seine Akkus auf? »Klassisch, indem ich Zeit mit meiner Familie verbringe«, antwortet er.

Bild ganz oben: Julius von Ingelheim hat in der Region viele Hüte auf.

geschrieben von  wo