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Fokus Chefbüro: Jörg Saathoff Donnerstag, 16 März 2017 10:07 Foto: Frank Bierstedt

Fokus Chefbüro: Jörg Saathoff

Der Blick aus dem Fenster fällt auf das Irish Pub »Mc Murphy’s« und auf die Food & Drink Bar »Quartier«. Jörg Saathoff arbeitet sozusagen im studentischen Kneipenviertel der TU Braunschweig. »In meiner Anfangszeit habe ich ab und zu dort gegessen, aber das ist selten geworden«, erzählt der Leiter der Technologietransferstelle. Denn sein Büro im Bültenweg ist auch einladend und gemütlich. Gerahmte Fotos an den Wänden, kleine Besprechungsecke, Pflanzen: »Das Büro ist funktionell, aber ich lege auch Wert auf ein angenehmes Arbeitsumfeld«, so der Diplom-Ingenieur. Die zentrale Lage im Univiertel sei wichtig: »Einfach, weil wir Ansprechpartner sind. Wir sind viel unterwegs, besuchen Unternehmen, stellen unsere Arbeit vor und greifen Projekte und Forschungs­impulse aus der Industrie auf. Aber viele Unternehmen und Studenten kommen auch zu uns.«

Der gebürtige Bremer hat selbst an der TU Braunschweig studiert – Maschinenbau. Zehn Jahre arbeitete er dann im Raum Hamburg, als Systemingenieur und Projektleiter in der Analysentechnik. 1997 kehrte er nach Braunschweig zurück. Bei Zett Optics war er Entwicklungsleiter sowie später Leiter Neue Technologien im Vertrieb und in der Entwicklung.

»Eine Brücke mit ­Symbolkraft«

Die Arbeit in der Foto- und Optikbranche interessierte den 55-Jährigen auch deshalb, weil er seit langem selbst fotografiert. Im Büro hängt eine Bildcollage, auf dem zwei seiner Motive zu sehen sind. »Ich bin nicht der geborene Fotograf, der Menschen inszeniert. Meine Motive kommen eher aus der Architektur. Ein Haus oder eine Landschaft ist geduldig«, berichtet er. Ihn interessiert auch die Symbolik. Besonders einprägsam ist ein Bild der Hamburger Speicherstadt, das wie ein Stich wirkt. »Das ist von einem Schweizer Künstler. Er hat das Foto mehrfach belichtet und dann auf sehr hartes Papier kopiert. Durch die Verfremdung sieht es aus wie koloriert.«

Jörg Saathoff hat das Motiv wegen der markanten Brücke ausgewählt. »Das passt. Wir überbrücken hier ja die Innovationslücke. Auf der einen Seite gibt es die wissenschaftlichen Ergebnisse, auf der anderen Seite die innovativen Produkte. Dazwischen muss aber häufig noch viel passieren. Das ist manchmal nicht ganz so einfach. Unsere Aufgabe ist, zu vermitteln und Anstrengungen zu unternehmen, damit Transferprojekte oder Gründungen reibungsfrei auf den Weg gebracht werden.«

Ein wichtiger Teil der Arbeit ist deshalb das Netzwerken. »Wir stehen mit allen in Kontakt, die sich um Existenzgründungen und Technologietransfer kümmern, etwa mit der Allianz für die Region, mit der Braunschweig Zukunft und mit der Innovationsgesellschaft Technische Universität Braunschweig. Es gibt auch eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der IHK. Ich bin oft mit Herrn Peckedrath, dem Leiter der Innovationsberatungsstelle, im Gespräch«, so Jörg Saathoff.

»Beachtliche Gründerquote«

Ein enger Austausch wird zudem mit dem Lehrstuhl für Entrepreneurship der ­Ostfalia Hochschule und der TU Braunschweig gepflegt: »Professor Reza Asghari ist an beiden Hochschulen für Gründungslehre und -forschung zuständig. In den Vorlesungen wird der erste Impuls gesetzt. Wir übernehmen dann die praktische Betreuung und unterstützen Existenzgründungen operativ. Dazu gehört auch die Beratung über Fördergelder. Wir unterstützen bei der Beantragung. Manchmal sind wir sogar selbst die Antragsteller. Bei Bedarf kümmern wir uns auch um die wirtschaftlichen Belange und arbeiten an Angeboten und Verträgen mit.« Jahr für Jahr werden rund 40 Gründungsprojekte vorangebracht. »Ein Viertel der Interessenten gründet dann tatsächlich ein Unternehmen. Zehn Gründungen plus pro Jahr, das ist unser Ziel.«

»Beflügelter ­Technologietransfer«

Jörg Saathoff ist seit fast zehn Jahren im Amt. Bis 2015 war er zudem Sprecher der niedersächsischen Hochschultransferstellen. Wodurch zeichnet sich der Transfer der TU Braunschweig im Vergleich aus? »Als technische Universität hat man einen gewissen Vorteil«, antwortet er. »Die Ergebnisse, die aus den Ingenieurwissenschaften kommen, sind oft direkter übertragbar als Ergebnisse aus anderen Fachrichtungen, etwa der Biotechnologie. Bis dort aus einem extrahierten Wirkstoff ein Medikament hergestellt werden kann, können viele Jahre vergehen. Aus manchen ingenieurwissenschaftlichen Bearbeitungsverfahren oder Geräten hingegen kann mit etwas Anpassung schnell ein Produkt entstehen. Dass wir an der TU viele High-Tech-Forschungsprojekte haben, ist eine gute Voraussetzung.« Hinzu komme das tolle Umfeld. »Die Kontakte hier helfen wunderbar, den Wissens- und Technologietransfer zu beflügeln. Toll ist auch: Nach einer Unternehmensgründung setzt das Gründernetzwerk die Unterstützung fort.«

»Jährlich 50 Dienst­erfindungen«

Häufig sind auch »Diensterfindungen«, zum Beispiel der Professoren und Wissenschaftler, Keimzelle für den Technologietransfer und für Unternehmensgründungen. »Alle Erfindungen der TU wandern über unseren Schreibtisch«, berichtet Jörg Saathoff. »Als Arbeitnehmer ist man ja verpflichtet, Diensterfindungen zu melden. Das gilt inzwischen auch für Hochschulen. Bis 2002 waren Erfinder aus Hochschulen per se freie Erfinder. Das wurde per Gesetz geändert, mit Sonderkonditionen. Die Erfinder einer Hochschule erhalten 30 Prozent aller mit der Erfindung getätigten Einnahmen. Wir bewerten die Erfindungen und entscheiden zusammen mit externen Partnern, ob sie von der TU in Anspruch genommen werden sollten oder ob wir sie sofort den Erfindern freigeben.« Jährlich werden rund 50 Diensterfindungen beurteilt. »Im Schnitt nehmen wir dann etwa ein Drittel der Erfindungsmeldungen in Anspruch. Wir haben aber gute Erfolge bei der Verwertung. Einnahmen von mehr als 100 000 Euro sind in den letzten Jahren nicht selten.«

Neun Mitarbeiter sind derzeit in der Technologietransferstelle beschäftigt. »Das ist schon eine anständige Größe. Wir hoffen aber, dass es 2018 wieder 12 oder 13 Mitarbeiter werden. Wir haben gerade entsprechende Förderanträge gestellt«, so Jörg Saathoff.

Auf welche Ausgründungen ist er besonders stolz? Er nennt gleich drei: »Die Capical GmbH hat ein grundlegend neues Medizingerät entwickelt. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Die GATTAquant GmbH beschäftigt sich mit Technologien rund um hochauflösende Mikroskopie. Auch Fabmaker ist etwas Besonderes, in der Art wie der 3-D-Druck für Bildungseinrichtungen eingesetzt wird. Aber letztlich ist jede Ausgründung etwas besonderes.«

»Den Elfenbeinturm gibt es nicht mehr«

Ist er mit der Zahl der Ausgründungen und Projekte zufrieden? »In meinem Beruf kann man eigentlich nie zufrieden sein«, antwortet er lächelnd. »Man möchte die Quote immer steigern.« Und so hat er trotz großer Zufriedenheit mit der vielseitigen Unterstützung einen Wunsch an die Wirtschaft: »Ich würde mich freuen, wenn die Unternehmen noch stärker erkennen würden, dass der Wissens- und Technologietransfer eine große Chance bietet, um innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Bevor ich hierhergekommen bin, habe ich das selbst als Entwicklungsleiter erlebt. Da habe ich mit der TU zusammengearbeitet. Heute werden die Produktzyklen immer kürzer. Gleichzeitig wird die Produktentwicklung immer zielgerichteter. Wir haben viel zu wenig Zeit, um mal nach links und rechts zu schauen. Damals hatte ich für mich erkannt, dass Forschungsergebnisse aus der Hochschule eine echte Bereicherung für die Entwicklung sind. Den berühmten Elfenbeinturm der Forscher gibt es längst nicht mehr. Heute erkennt man mehr und mehr, dass Forschungsergebnisse wichtig für den gesellschaftlichen Wandel, wie z. B. die Digitalisierung, sind – und für die volkswirtschaftliche Weiterentwicklung. Davor verschließt sich niemand.«

Bild ganz oben: Jörg Saathoff versteht sich mit seinem hochqualifizierten Team als Brückenbauer: auf der einen Seite die wissenschaftlichen Ergebnisse, auf der anderen die innovativen Produkte.

geschrieben von  wo