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Fokus Chefbüro: Hennig Brandes Dienstag, 02 Mai 2017 12:00 Foto: Peter Pohl

Fokus Chefbüro: Hennig Brandes

Am 22. März wurde aus dem Zweckverband Großraum Braunschweig der Regionalverband Großraum Braunschweig. Zu den bisherigen Aufgaben Raumordnung und Nahverkehr kamen damit eine ganze Reihe neuer Arbeitsfelder hinzu. Was die räumlichen Kapazitäten zu deren Bewältigung anbelangt, muss sich Verbandsdirektor Hennig Brandes keine ­Sorgen machen, stehen ihm und seinen mehr als 40 Mitarbeitern doch eine ganze Etage der ehemaligen Zuckerraffinerie auf dem innenstadtnahen Artmax-Gelände zur Verfügung. Ein Gebäude, das zumindest das bisherige Kern­geschäft des Verbandes aufgrund seiner Um­widmung und hervorragenden verkehrstechnischen Anbindung gut widerspiegelt.

»Wir sind hier verwöhnt«

»Erst einmal ist es sehr schön, oder?«, antwortet Hennig Brandes rhetorisch auf die Frage, wie er sein Chefbüro in Größe einer Ein­zimmerwohnung selber findet. Dem ist schwer zu widersprechen. Durch die raumhohen Fenster kommt viel Licht, außerdem kann der Direktor des Regionalverbandes direkt in die Ateliers der Hochschule für Bildende Künste im Haus gegenüber blicken. »Wenn man aus dem öffentlichen Dienst kommt, sind wir hier im Artmax sehr verwöhnt. Ich finde, dass es sehr schöne Büroflächen sind, in toller Bausubstanz. Im Sommer ist es manchmal etwas warm, aber so heiße Sommer haben wir ja in der Regel nicht. Ich fühle mich hier persönlich sehr wohl, und gehe jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht ins Büro.«

»Kunst statt Tiertrophäen«

Das hat Hennig Brandes, der seinem Verband seit 2010 vorsteht, klassisch und schlicht eingerichtet, beim Mobiliar dominiert ein behaglich warmes Dunkelbraun. Wenig deutet allerdings darauf hin, dass hier ein passionierter Jäger sein Tagwerk verrichtet. Wer trophäenhaft präsentierte Tierköpfe erwartet, wird enttäuscht. »Ich beschränke mich jedes Jahr auf den Jagdkalender von Poortvliet, um ein bisschen die Verbindung zur Natur zu kriegen«, sagt Brandes lächelnd, »das ist Standard, weil ich die Motive mag. Der hängt dann auch vis-à-vis zu meinem Schreibtisch.« Direkt gegenüber: eine Erinnerung an die schwere Zeit im OB-Wahlkampf 2014. Den Druck mit der Schloss-Quadriga hat der damalige CDU-Kandidat aus seinem temporär eingerichteten Café am Bohlweg in die Frankfurter Straße mitgenommen.

Das auffälligste Exponat allerdings ist der Nachbau eines chinesischen Tonkriegers. Der stiehlt den schwelgerischen Motiven der gesammelten Edward-Hopper-Prints daneben glatt die Show. Ein wenig furchteinflößend sieht die fast mannshohe Figur aus. Hennig Brandes verbindet freilich etwas völlig anderes mit ihr: »Den Krieger fand ich ganz schön und beeindruckend, weil er so in sich selbst ruhend da steht und mir symbolisch auch ein bisschen den Rücken stärken soll. Ich habe hier ja keine leichte Aufgabe.«

»Viele neue ­Aufgabenfelder«

Davon ist schon deshalb auszugehen, weil die Liste der neuen Aufgaben, die zu den bisherigen Kernthemen hinzukommen, recht umfangreich ist. Von der verkehrsträgerübergreifenden Verkehrsentwicklungsplanung, der Beratung der Kommunen bei der Planung, Erschließung und Vermarktung von Gewerbeflächen, der Bereitstellung, Analyse und Bewertung von Daten zur Strukturentwicklung und der Erarbeitung von Konzepten zur Koordinierung von Berufsschulangeboten, bis hin zur Erstellung regionaler Tourismuskonzepte und Unterstützung des Regionalmarketings sowie regionalen Hochwasserschutzkonzepten reicht das erweiterte Zuständigkeitsportfolio.

»Ich persönlich hätte mir allerdings noch mehr echte Aufgabenübertragungen gewünscht. Zum einen denke ich da an die Genehmigung der ­Flächennutzungspläne, was eine wirkliche behördliche Aufgabe gewesen wäre, die bei einem Verband wie unserem Sinn gemacht hätte. Eine weitere Sache wäre die Landschafts­rahmenplanung gewesen, eine regional aufgesetzte Naturschutzfachplanung, die man regional natürlich viel besser machen kann, und die im Übrigen auch immer beim Träger der Regionalplanung liegt – in ganz Niedersachsen«, beschreibt Hennig Brandes. Die Herausforderungen für den Regionalverband Braunschweig seien gleichwohl nicht zu unterschätzen. 110 Millionen Euro beträgt der Haushalt. Darin enthalten ist neben vielen anderen Punkten ein großes Sanierungspaket von Bahnhaltepunkten. »15 Haltepunkte werden in den kommenden Jahren modernisiert. Wir hatten durch die Regio­nalstadtbahn gewisse Rückstände, weil alle immer auf den großen Knall gewartet haben. Jetzt, wo fast durchgehend neue Eisenbahnfahrzeuge im Einsatz sind, ist es wichtig, die Bahnsteige auf das Fahrzeugniveau zu bringen und die Halte­punkte modern auszustatten. Das machen wir mit der Deutschen Bahn und dem Land als Fördergeber«, so Brandes.

»Wahrnehmung erwünscht«

Generell dürfte der ÖPNV der Aufgabenbereich sein, der auch künftig bei der Pflege des Marken­bewusstseins für den Regionalverband die größte Rolle spielt. Verschiedentlich wurde, neben (vermeintlichen) Doppelstrukturen mit der Allianz für die Region, die geringe Wahrnehmung des ehemaligen ZGB in der Öffentlichkeit kritisiert. Hennig Brandes sieht das gelassen. In den 25 Jahren des Bestehens – das Anfang Mai mit einer Festveranstaltung gefeiert wurde – sei man mehr im Back-Office tätig gewesen. »Die Raumordnung ist nun mal kein Thema, das nah an der Bevölkerung ist. Es sei denn, es geht um die Ausweisung von Windenergiestandorten, dann interessiert die Leute das akut. Das Thema ist einfach nicht so sexy, weil es eher eine Restriktion für die Kommunen ist«, so der Direktor, dessen Mitarbeiter auch beim Thema ÖPNV, anders als beispielsweise Busunternehmen, im Hintergrund planen.

Nichtsdestotrotz, meint ­Hennig Brandes, wolle man als Regionalverband aber schon mehr in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung rücken: »Deswegen sind wir auch froh, dass die Mittel vom Land für den ÖPNV jetzt endlich kommen. Das war eine große Ungerechtigkeit, dass Hannover zur Expo so stark bevorteilt wurde. Jetzt werden wir den Vorsprung in den nächsten Jahren aufholen. Bis 2020 wächst das Budget um 25 Millio­nen Euro auf, das gibt uns neue Möglichkeiten im ÖPNV. Das hat dieser Raum auch verdient. Da macht die Arbeit auch mehr Spaß.«

»Ich will jede Entscheidungsvorlage aus dem Effeff kennen«

Der 59-jährige Ur-Braunschweiger versteht sich selbst als Arbeiter, der viel liest, sich mit den Vorgängen selbst sehr intensiv beschäftigt. »Es gibt ja Chefs, die das nicht so machen. Das kann man gut oder schlecht finden, aber ich mache es so. Ich bin auch kein Dienst­reisemensch und vor allem kein Besprechungsmensch. Klar, ich muss mit meinen Mitarbeitern kommunizieren, aber Besprechungen in großen Runden sind mir ein Graus«, betont Hennig Brandes, der sich jede Dienstreise sehr genau überlegt. »Es frisst Zeit, und der Schreibtisch ist immer gut gefüllt. Ich habe selbst den Anspruch, jede Entscheidungs- und jede Beschlussvorlage, die hier den Tisch verlässt, aus dem Effeff bis ins letzte Detail zu kennen, weil ich den Politkern Rede und Antwort stehen will und muss.«

Einen guten Ausgleich zur Schreibtischarbeit findet Hennig Brandes auf seinem Hof, bei seiner Familie in Querum – der 13-jährige Tim geht auf die Ricarda-Huch-Schule, seine Frau Annette ist Zahnärztin in Stöckheim. Er selbst setzt sich in seiner Freizeit gerne auf seinen Trecker, einen Carraro-Weinbau-Schlepper, den er en miniature auf seinem Schreibtisch im Artmax stehen hat. »Ein tolles Ding mit 70 PS. Wenn ich Brennholz im Wald mache, ziehe ich Bäume raus und ich bestelle auch meine Flächen als Wildäcker und zur Bienenweide«, schwärmt der studierte Forstwirt.

»Aktiv in der Natur, ­passiv beim Sport«

Die Natur, das Haus, der Hof, die Felder, Grundstücke, Brennholz, die Jagd – dies sei seine Welt. Im Sport wäre er noch nie ambitioniert gewesen: »Ich gucke mir lieber Fußball im Eintracht-Stadion an (die Eheleute Brandes haben Dauerkarten). Meine technischen Schwächen beim Fußball musste ich immer mit übertriebenem Körper­einsatz kompensieren, das kommt beim Schiedsrichter nicht so gut an«, lacht der Direktor des Regionalverbandes. »Nur das Skifahren habe ich Tim und meiner Frau zuliebe noch gelernt. Ansonsten bin ich mehr ein Arbeiter. Aber körperliche Arbeit hält ja auch fit. Außerdem gleiche ich den Mangel an Sport vielleicht durch eine gewisse Grundzähigkeit wieder aus.«

Bild oben: Hennig Brandes vor einem Druck der Schloss-Quadriga.
geschrieben von  pau