Unsere Partner
Fokus Chefbüro: Professor Dr. Anke Kaysser-Pyzalla Dienstag, 08 August 2017 10:32 Foto: André Pause

Fokus Chefbüro: Professor Dr. Anke Kaysser-Pyzalla

»Nicht in den historischen Altbau, sondern in das Forumsgebäude gegenüber. Und dann in die erste Etage«, lautet die Wegbeschreibung zum Büro der neuen Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig, Professorin Dr. Anke Kaysser-Pyzalla. Seit dem 1. Mai ist sie im Amt. Mit ihrem Raum fremdelt die Materialwissenschaftlerin und Maschinenbauingenieurin ein wenig – nicht unbedingt, weil er dort angesiedelt ist, wo man ein Präsidium aus Gründen der Repräsentanz gemeinhin kaum erwartet, sondern weil das Raumklima in den Sommer­monaten etwas abschreckt.
 


Während der Besucher heftig fächert, schmunzelt die Präsidentin: »Die Funktionalität ist durch die schwierige Lüftungs­situation schon etwas problematisch.« Nur eine kleine Kippfenster­reihe unter der Decke hat Architekt Friedrich ­Wilhelm Kraemer einst für die Sauerstoffzufuhr eingeplant. Ein weiterer Knackpunkt für Prof. Kaysser-Pyzalla ist die durchgängige Holzvertäfelung. Die mag ja Geschmackssache sein, ihren Geschmack trifft die Wandverkleidung gar nicht. Obgleich diese durchaus mit der schlichten Holz-Stahl-­Kombination des vorhandenen Mobiliars korrespondiert.

»Pragmatisch, klar und langfristig«

Hocker, Bänke, Tisch und Schreibtisch – alles kommt ohne Schnörkel daher. Ein Spiegel ihrer Persönlichkeit? »Ja, ich mag es pragmatisch, klar und langfristig. Kein Gedöns! Aber lustige Anspielungen dürfen schon sein«, skizziert die Präsidentin und deutet auf die zwei knallig TU-roten Sessel. Die haben kleine goldene Löwenfüße. Kleine Anklänge an den neuen Arbeitsort Braunschweig. Die Sitzgelegenheiten vor der Fensterfront sind die einzigen neu angeschafften Gegenstände. »Die haben wir bewusst so ausgewählt. Alle anderen Möbel habe ich aus meinem alten Büro in Berlin mitgebracht, die haben wir abgekauft, weil ich sie ganz toll finde. Die stammen aus einem kleinen Hinterhof­betrieb, der alles aus nachhaltigem Material fertigt.«

»Fast alle Strecken zu Fuß«

An den Wänden dominieren Schwarzweißbilder der Tour de France, »in erster Linie, weil sie schön aussehen, ich fahre aber selbst auch Rennrad«. Ein mehrfarbiges Werk mit Braunschweiger Stadtbildmotiven ergänzt den Reigen, und eine kleine Reminiszenz an Lüneburg, den Wohnsitz ihres Mannes Prof. Dr. Wolfgang Kaysser, der wissenschaftlicher Leiter des Helmholtz-Zentrums Geesthacht ist. Das Paar sieht sich überwiegend an Wochenenden, mal pendelt sie von ihrer Braunschweiger Stadtwohnung aus, mal macht er sich auf den Weg. »Ihm gefällt es gut hier«, freut sich Kaysser-Pyzalla, ihr gehe es ebenso: »Ich finde es großartig, dass man alle Strecken zu Fuß gehen kann. Die Stadt ist außerordentlich kompakt, und bietet dafür ein außerordentliches kulturelles Angebot. Außerdem ist es schön grün. Wenn man die Oker nicht hätte, müsste man eine anlegen.« Als angenehm empfindet die geborene Schwerterin zudem, dass Braunschweig eine »Stadt mit vielen schönen Ecken«, jedoch keine rausgeputzte »Disneyworld-Stadt« ist.

»Uni mit vielen Stärken«

Kaysser-Pyzalla kann vergleichen: Bochum, Berlin, Wien und Düsseldorf sind die weiteren Stadt-Stationen ihres Werdegangs. Bevor die 50-Jährige zur Präsidentin der TU Braunschweig ernannt wurde – zur ersten Präsidentin der Hochschule überhaupt – war sie unter anderem Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materia­lien und Energie sowie Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Auch auf fachlicher Ebene fällt ihr erstes Fazit positiv aus: »Die Uni hat viele Stärken, zum Beispiel was die Zusammenarbeit mit der Industrie anbelangt oder die enge Zusammenarbeit untereinander. Wir haben ein klares Profil und wissen wo wir stehen, weil es unter anderem einen Strategieprozess gab. Und wir haben unheimlich aktive Studierende in Vereinigungen. Da zeigt sich eine große Vielfalt des Engagements. Ob fachlich, sozial oder hochschulpolitisch: die Studierenden zeigen große Initiative.« Luft nach oben sieht die Präsidentin, was die interfakultäre Zusammenarbeit und die Sichtbarkeit in der deutschen Hochschullandschaft anbelangt. Auch Kooperationsprojekte mit der Industrie möchte sie langfristig angelegt wissen. »Ich denke, dass wir in der innovativen Lehre, wo wir viele Projekte angestoßen haben, den Erfolg auf Dauer erhalten müssen, wobei die Vorteile der Digitalisierung – das gilt auch für andere Bereiche der Universität – stärker genutzt werden sollen«, sagt Kaysser-Pyzalla, die außerdem extremen Nachholbedarf bei den Gebäuden sieht. »Da werden wir die Bauherreneigenschaft übertragen bekommen, und das Land hat uns finanzielle Unterstützung zugesagt.«

»Das Klima einer ­freundlichen Aufnahme«

Viel erreicht sei bereits beim Thema Campus-­Leben, auch wenn es sicher noch eine Reihe von Möglichkeiten gebe, die Aufenthaltsqualität auf den Plätzen weiter zu erhöhen. Die Präsidentin schaut aus den raumhohen Fenstern ihres Büros direkt auf das studentische Leben auf dem Universitätsplatz. Das sei schon genial und gefalle ihr überhaupt am besten. Ansonsten versuche sie oft »rauszukommen« und die Menschen in ihrer Umgebung kennenzulernen. »Ich finde, dass die Stadt insgesamt sehr offen ist, dass mich alle freundlich begrüßt haben. Ich habe insgesamt das Klima einer sehr angenehmen Aufnahme erlebt und in relativ kurzer Zeit viele Akteure in der Stadt beziehungsweise der Gesellschaft kennengelernt.« Durch zahlreiche Termine in der Stadt und an der TU gebe es schon ein festes Korsett, um das herum alles weitere drapiert werde.

»Sport muss sein«

Raum für interessante Abendveranstaltungen in ihrem Haus, die sie immer gerne besucht, sei schon des Öfteren. Und was ist mit Freizeit? »Ich gehe mit Vorliebe essen oder statte dem Naturhistorischen Museum, meinem Lieblingsmuseum, einen Besuch ab. Und wenn ich es schaffe, mache ich gerne Sport im Fitnessstudio. Die Zeit erkämpfe ich mir dann. Entweder gehe ich ganz früh morgens, weil ich in der Regel vor acht Uhr hier bin, oder abends«, erzählt Kaysser-Pyzalla. Eine Eislauf­halle fehle ihr in Braunschweig, meint sie zum Schluss – wenn auch nicht ganz so sehr wie mehr frische Luft im Büro.

 

geschrieben von  pau