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Fokus Chefbüro: Vanessa Ohlraun Donnerstag, 12 Oktober 2017 11:44 Foto: André Pause

Fokus Chefbüro: Vanessa Ohlraun

Gebäude 16, Raum 105 – das ist an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig der Platz für den Präsidenten respektive die Präsidentin. Anfang des Jahres hat Vanessa Ohlraun den Chefsessel übernommen, der nach dem Rücktritt von Hubertus von Amelunxen im Herbst 2013 verwaist war und zwischendurch für mehr als drei Jahre kommissarisch vom hauptberuflichen Vizepräsidenten Nikolas Lange übernommen wurde. Wir besuchen die 44-Jährige in ihrem Büro, das, wie sie lächelnd sagt, auch nach neun Monaten im Amt immer noch ein Provisorium ist.
 


Im Grunde passe das ja zu einer Hochschule, die sehr im Wandel ist, die sich im Transformationsprozess befindet – Stichwort Hochschulentwicklungsplan –, was die Strukturen der Institute anbelangt, die die bisherigen Fachbereiche ersetzen sollen, findet Ohlraun. Auch wenn es noch viel zu tun gebe, was die Umsetzung anbelangt, habe sie eine HBK vorgefunden, für die das Vorgängerpräsidium in den letzten drei Jahren unheimlich viel Arbeit geleistet hat, um die Grundlagen zu schaffen. Strukturell sei die Hochschule lange Zeit nicht gut aufgestellt gewesen, jetzt stehe sie sehr gut da: aufgeräumt, solide, bei guter Finanzlage.

Der Wandel ist überall

Für das Chefbüro, das frisch saniert wurde, gilt damit dasselbe wie für die HBK: jetzt muss Leben rein. Das sei im Falle des präsidentischen Arbeitsraumes fraglos einfacher als auf die Hochschule bezogen. Da gebe es schon einige Entwicklungen, von denen man zwar wisse, woher sie kommen, aber nicht unbedingt, wohin sie führten, so die neue Leiterin. Fest steht, nachdem das Land Niedersachsen mehreren Hochschulen Gelder aus dem Sondervermögen zur Verfügung gestellt hat, und die HBK aus diesem Topf 25 Millionen Euro (die größte Summe, die es in der Geschichte der Hochschule bisher gegeben hat) erhält, dass es einen Neubau geben wird. Und dass dieser die Konzentration zur Campusuni verstärken soll. Viel mehr allerdings auch noch nicht. Gebäude wie jene in der Frankfurter Straße werden dafür im Gegenzug in den nächsten Jahren abgemietet.

Form follows function

Das Büro von Vanessa Ohlraun wird wohl dort bleiben wo es ist. Die Präsidentin fühlt sich wohl in ihrer Umgebung. Sie sei allerdings auch jemand, der es – getreu dem Designer-Leitsatz »Form follows function« in erster Linie um die Funktion geht. »Die hat natürlich auch mit der Persönlichkeit zu tun, damit, wie jemand eine Funktion ausübt«, konstatiert sie. »Ich selber mag es zum einen hell und freundlich, das heißt, ich werde hoffentlich noch anderes Licht bekommen können, mehr indirektes oder wärmeres Licht. Es muss aber auch was die Sitzgelegenheiten anbelangt passen, weil ich unheimlich viele Treffen und Sitzungen mit verschiedensten Mitgliedern der Hochschule, aber auch mit Externen hier habe.« Derzeit steht für solche Anlässe ein von sechs Thonet-Stühlen umgebener, rechteckiger Tisch zur Verfügung. Die Sitzgelegenheiten möchte die Präsidentin demnächst um einen runden Tisch von Eiermann platzieren, bestellt sei er schon. »Ich finde, an runden Tischen lassen sich Dinge besser besprechen, man hat viel mehr Flexibilität kleine oder große Runden am Tisch zu haben, es ist nicht vorgegeben, wer die Agenda setzt und es lässt sich mehr Dynamik im Gespräch entwickeln«, skizziert Ohlraun. Besser in den Raum passe er ohnehin.

Palmen als Erinnerung an die Tropen

Etwa 70 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit – die nach eigenen Angaben zwischen 40 und 70 Wochenstunden schwankt – ist sie in der Hochschule, zwei Drittel davon verbringe sie im Büro. Unter den Außerhausterminen verbrauchten vor allem internationale Termine und die Verbandsarbeit die meisten Ressourcen. Momentan sei sie immer noch im Prozess des Ankommens, betont die in Paris geborene Halbfranzösin, die ihre Fähigkeit zur Anpassung an neue Lebensumstände im Grunde fortlaufend unter Beweis gestellt hat. Ihre Stationen detailliert wiederzugeben sprengt jeden Rahmen. Frankreich, Südafrika, Liberia, Japan, Zypern und Deutschland lernte sie allein in der Zeit bis zum Studium (Ethnologie, Kunstgeschichte und Gender Studies), das sie in Seattle und Berlin absolviert hat, kennen. Von 2011 bis heute war Ohlraun Dekanin der Kunstakademie in Oslo, Norwegen. Zuvor hat sie den Master of Fine Art am Piet Zwart Institut in Rotterdam geleitet.

Ein Stück dieser gelebten Weltläufigkeit spiegelt sich jetzt im Interieur ihres Büros. »Das erste, was ich hier reingebracht habe, sind die Pflanzen. Ich wollte einfach ein bisschen was Grünes. Zum einen weiß man ja, dass es fürs Büroklima besser ist, weil Pflanzen den Elektro­smog binden. Die Fächerpalmen und den Bananenbaum finde ich aber auch toll, weil sie mich an meine Kindheit, an das wärmere Klima erinnern. Ich bin ja in den Tropen aufgewachsen.« Alle sonstigen Einrichtungsgegenstände, durch die Bank Designklassiker, wie die Schränke von USM-Haller, seien HBK-Mobiliar, betont die Präsidentin.

Die Baustellen der HBK

Während Vanessa Ohlraun erst jetzt so richtig damit beginnt, ihrem Büro eine persönliche Note zu verleihen, ist der Umbau der Studiengänge inzwischen komplett abgeschlossen. »Wir fahren jetzt tatsächlich auf der Spur weiter, die durch den Hochschulentwicklungsplan gelegt worden ist. Der geht bis 2020, also sind wir da im Augenblick gerade mal in der Halbzeit. Wir stehen strukturell solide da, aber vieles muss jetzt erst umgesetzt werden. Die größten Baustellen sind der Neubau und die anstehenden Berufungen. Das sind die Themen, die mich jetzt am meisten beschäftigen werden«, skizziert die Präsidentin. Viele Stellen hätten aufgrund der finanziellen Lage über mehrere Jahre nicht fest besetzt werden können. Auch die Grundordnung sei erst jetzt vom Senat verabschiedet und vom Ministerium in Hannover genehmigt worden. »Damit können wir jetzt Professoren berufen. Da starten wir in den kommenden Monaten richtig durch«, freut sich Ohlraun.

Die private Präsidentin

Dieses Programm wird ziemlich sicher dafür sorgen, dass die Wochenarbeitszeit der neuen Frau an der Spitze einen eher höheren Pegelstand erreicht. Ihre Freizeit verbringt Vanessa Ohlraun gerne im Freien: »Wir gehen viel raus, in den Parks spazieren, auch Fahrradfahren ist ganz wichtig. Ich habe ein schönes altes Hollandrad, fahre schon gerne in ordentlichem Tempo, aber nicht wirklich sportlich. Radfahren ist eine gutes Mittel, um schnell irgendwo hinzukommen und man sieht auch noch viel mehr.« Städte­reisen stünden ebenfalls regelmäßig auf dem Programm. Dass sich private und dienstliche Anlässe dabei durchaus überschneiden, sei normal, schließlich interessiere sie sich auch abseits des Berufes für die Kunst. Die beliebtesten Destinationen derzeit seien Berlin und Paris, wo die Hälfte ihrer Familie wohne. Regelmäßig gehe es zudem in die Vereinigten Staaten, denn der Ehemann von Vanessa Ohlraun stammt aus Arizona. »Es bleibt schon Zeit, privat mit Freunden und Familie unterwegs zu sein.«

So sehr das Herz der HBK-Präsidentin für die Tropen schlägt, in denen sie zum Teil ja aufgewachsen ist, sie den Aufenthalt in warmen Gegenden zu schätzen weiß: Ihre Zeit an der Kunstakademie in Oslo habe sie auch zum Ski fahren verführt. »Vor allem das Langlaufen habe ich in Norwegen sehr zu schätzen gelernt. Ich fahre zwar auch Alpin, aber das Langlaufen ist hier in der Gegend sicher einfacher«, freut sich Ohlraun schon jetzt ein wenig auf den Winter im nahgelegenen Harz.

Bild oben: Im Chefbüro von Vanessa Ohlraun dominieren klare Formen. Das Mobiliar besteht beinahe ausnahmslos aus Design-Klassikern.
geschrieben von  pau