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Zukunftsatlas der Regionen – Kein Ranking ohne Neben­wirkungen Freitag, 14 Juli 2017 09:32 Foto: oh

Zukunftsatlas der Regionen – Kein Ranking ohne Neben­wirkungen

Alle drei Jahre erscheint seit 2004 der von der Prognos AG erstellte »Zukunftsatlas der Regionen«, der die deutschen Landkreise und kreisfreien Städte im Hinblick auf ihre Zukunftschancen bewertet. Stets gibt es einen entsetzten Aufschrei, sofern der eigene Landkreis schlecht abgeschnitten hat. So geschehen auch im Landkreis Goslar, als dieser im »Prognos-Zukunftsatlas 2016« auf dem unerfreulichen Platz 338 (von insgesamt 402) eingestuft wurde. Diskussionen werden aufgeworfen und bisherige Maßnahmen in Frage gestellt. Nebenwirkungen eines Rankings, dessen Aussagekraft durchaus hinterfragt werden darf.

Während die Prognos-Experten dem Landkreis Goslar wenige Zukunftschancen einräumen, herrscht in der Region gefühlt Aufbruchsstimmung. Der Tourismus ist im Aufwind, neue Millionenprojekte stärken die Urlaubsregion und auch die Industrie im Landkreis glänzt mit einer hohen Investitionsquote. Die Arbeitslosenquote ist über die letzten sechs Jahre stark gesunken, die Studentenzahl an der TU Clausthal ist auf ein historisches Hoch gestiegen. Dies sind nur einige der Fakten, die für eine gute Entwicklung im Landkreis Goslar sprechen.

Wie ist mit einer Studie umzugehen, die allen Bemühungen eines professionellen Standort- und Regionalmarketings zuwiderläuft? Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen ­Studie und subjektivem Empfinden erklären? Diesen Fragen sind regionalpolitische Akteure aus dem Landkreis Goslar im Rahmen eines Workshops nachgegangen. Statt aber die Studie zu zerreißen oder die Ergebnisse schön zu reden, wurde hinter die Kulissen geschaut, um Handlungsfelder für zukünftige regionalpolitische Aktivitäten zu identifizieren. Dazu wurde ein Datenprofil des Landkreises Goslar mit immerhin 72 statt 29 (Prognos) Indikatoren zur Einschätzung der Zukunftschancen erfasst und dieses mit vier Vergleichsregionen aus ganz Deutschland in Beziehung gesetzt.

Während einige der Schwächen des Landkreises bekannt und kaum zu beeinflussen sind, wie die negative demografische Entwicklung oder ein fehlender ICE-­Anschluss, lagen der ­Studie mehrfach auch falsche Daten zugrunde. Ein Beispiel dafür ist die Schulabbrecherquote, die im Landkreis Goslar derzeit bei fünf Prozent und nicht – wie bei Prognos unterstellt – bei 9,3 Prozent liegt. Zudem ließ sich über den Abgleich mit den Daten der Vergleichsregionen, die allesamt im Ranking besser lagen als der Landkreis ­Goslar, das schlechte Abschneiden der Wirtschaftsregion Goslar nicht erklären.
Das Aufdecken statistischer Schwächen der Prognos-Studie sorgte im Teilnehmerkreis des Workshops für eine intensive Diskussion. Dabei wurden einige Ansätze zur Verbesserung des Status-Quo identifiziert, ohne dadurch aber die generelle strategische Ausrichtung des Landkreises in Frage zu stellen. Soweit zum positiven Effekt der Prognos-Studie. Die Kehrseite: Das auf teilweise zweifelhafter Datenbasis aufgestellte »Ranking der Regionen« vermag regionalpolitische Akteure leicht dazu zu verleiten, sich von gut begründeten ­Zielen und Strategien grundlos zu verabschieden und stattdessen auf blinden Aktionismus zu setzen. Dies ist eine Nebenwirkung der Studie, die es unbedingt zu vermeiden gilt.

Sie können Michael Beck auch eine E-Mail schreiben: joerg.assmann@wirego.de

Bild oben: Dr. Jörg Aßmann, Geschäftsführer der Wirtschafts­förderung Region Goslar GmbH & Co. KG, findet, dass die Entwicklung im Landkreis Goslar besser ist, als es das ­Ergebnis der »Prognos-Studie« vermuten lässt.

geschrieben von  wo