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Nur 20 Prozent haben einen Organspendeausweis Mittwoch, 01 August 2012 10:58 Foto: oh

Nur 20 Prozent haben einen Organspendeausweis

Die Liste ist lang, sehr lang: Bundesweit warten rund 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan, davon etwa 8000 auf eine Niere. Bei vielen von ihnen verschlechtert sich der Gesundheits­zustand. Täglich sterben durchschnittlich drei Patienten, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ zur Verfügung steht. Und das, obwohl in Umfragen häufig die Bereitschaft zur Organentnahme nach dem Tod erklärt wird. Drei Viertel der Deutschen sind dazu bereit. Doch nur rund 20 Prozent haben einen Organspendeausweis.

Um diese Lücke zu schließen, hat der Bundestag Ende Mai fraktionsübergreifend eine Änderung des Transplantations­gesetzes beschlossen. Das Ziel: mehr Menschen dazu bringen, eine Entscheidung zur Spendenbereitschaft zu treffen und diese auch zu dokumentieren.

Die Initiative für die Einführung der so genannten Entscheidungslösung ging unter anderem von den beiden Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD, Volker Kauder und Frank-Walter Steinmeier, aus. Steinmeier brachte das Thema einer breiten Öffentlichkeit nahe, als er vor zwei Jahren seiner Frau eine Niere spendete.

»Die Angehörigen sind meistens überfordert«

Mit der Neu­regelung soll die Entscheidung über eine Organspende ins Leben geholt werden. Denn nach wie vor ist das, was im Transplantationsgesetz als Ausnahme vorgesehen ist, in den Krankenhäusern die Regel. Da entscheiden nämlich in neun von zehn der in Frage kommenden Todesfälle die Angehörigen. Das führt zu einer sehr belastenden Situation, die die Angehörigen nicht selten überfordert.

koepfe_520.jpgKern des Gesetzes ist ein zweistufiges Verfahren. Zunächst werden im ersten Jahr nach Inkrafttreten alle Bürger ab 16 Jahren durch ihre Krankenkasse angeschrieben. Sie werden über die mögliche Organspende informiert, aufgefordert, sich im Hinblick auf ihre Spendenbereitschaft zu entscheiden und diese auf einem beigelegten Ausweis zu dokumentieren. Weitere Aufforderungen werden dann künftig regelmäßig durch die gesetzliche Krankenversicherung und die privaten Krankenversicherungsunternehmen verschickt – voraussichtlich alle fünf Jahre.

Neben der Information zur Organspende werden die Kassen auch über das Verhältnis der Organspendeerklärung zu einer Patientenverfügung informieren. Auch die Behörden sollen Aufklärungsmaterial zur Verfügung stellen – bei der Ausgabe neuer Pässe, Personalausweise und Führerscheine. Bei den Bundesbehörden wird insbesondere die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verpflichtet, über die Möglichkeit der Organ- und Gewebespende aufzuklären.

bericht_745.jpgIn einer zweiten Stufe wird die Entscheidung zur Organspendebereitschaft auch auf der elektronischen Gesundheitskarte dokumentierbar sein. Die für die Entwicklung zuständige Gesellschaft für Telematik erhält den Auftrag, ein Verfahren zu erarbeiten. Zum Auftrag an die Gesellschaft für Telematik gehört auch die Entwicklung eines niedrigschwelligen Rückmeldeverfahrens der Versicherten an ihre Krankenkasse. Auf Wunsch der Versicherten kann die Entscheidung von der Kasse auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden.

Das Gesetz zur Entscheidungslösung will mit einer Kombination aus Information, Aufforderung und Hilfe bei der Dokumentation die Entscheidungsfindung erleichtern – ohne Zwang und ohne eine Richtung vorzugeben. Denn jede dokumentierte Entscheidung hilft. Eine Entscheidung für die Organspende kann Leben retten. Und selbst eine Entscheidung gegen die Organspende hilft. Sie befreit die Angehörigen von der Last der Entscheidung in einer Situation der Überforderung.

Bild ganz oben: »Bei der Organspende gibt es kein Alters-Limit«, sagt die Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Dr. Carola Reimann, »die älteste Spenderin ist 98 Jahre alt gewesen und hat ihre Leber und ihre Nieren gespendet. Beide Organe waren noch voll funktionsfähig.« Reimann weist darauf hin, dass der Organspendeausweis auf www.organspende-info.de direkt heruntergeladen oder bestellt werden kann.

geschrieben von  Dr. Carola Reimann