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Eine neue Langzeitstudie zur ­Erforschung der Volkskrankheiten Freitag, 11 November 2016 08:46 Foto: Jörg Scheibe

Eine neue Langzeitstudie zur ­Erforschung der Volkskrankheiten

Seit Jahren werden die deutschen Frauen aufgefordert, zum Mammografie-Screening zu gehen. Dann wurde eine norwegische Langzeitstudie bekannt, die nach zwanzig Jahren Bilanz zog. Ergebnis: Durch das Screening hat sich die Lebenserwartung der Norwegerin um zwei Monate verlängert. Was folgt daraus? Nicht mehr zum Screening gehen? Fragt man Dr. Silja Samerski vor allen Dingen eines: Verunsicherung. Die Kulturwissenschaftlerin und Soziologin an der Universität Bremen gehörte zu den Teilnehmern der Diskussionsrunde »Gesundheits­studien – Was habe ich davon?«, die am 20. Oktober im Braunschweiger Haus der Wissenschaft stattfand. Weitere Diskussionsteilnehmer unter der Leitung des Wissenschaftsjournalisten ­­Jens ­Lubbadeh waren Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und der Neurologe Dr. Christos Pantazis, Mitglied des Niedersächsischen Landtages.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen allerdings keine Screenings, sondern die bislang größte deutsche Gesundheitsstudie, die unter dem Namen NAKO 2014 startete und in die Krause als Epidemiologe einbezogen ist. 200 000 Probanden zwischen 20 und 69 Jahren sollen bis 2030 medizinisch untersucht und befragt werden. Der Schwerpunkt liegt auf Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Teilnehmer werden nach dem Zufalls­prinzip vom regionalen Einwohnermeldeamt ausgewählt und mit der Bitte um Teilnahme angeschrieben. Wer sich zur Verfügung stellt, gibt unter anderem Blut-, Urin-, Speichel- und Stuhlproben ab und muss alle zwei bis drei Jahre auch Fragebögen ausfüllen, die über den persönlichen Lebensstil Auskunft geben: Welcher Beruf, wo gelebt, wie gelebt? So entsteht über die Jahre eine Fülle an Daten (die selbstverständlich anonymisiert und verschlüsselt werden), von denen sich die Forscher neue Erkenntnisse über die Gründe der Entstehung der komplexen Volkskrankheiten erhoffen. Die Eingangsuntersuchung wird dann alle vier bis fünf Jahre wiederholt unter der Fragestellung: Was hat sich verändert?

»NAKO: die bislang größte Gesundheitsstudie Deutschlands«

Krause: »Wir leben in einer Zeit, in der wir dauernd durch die Medien mit medizinischen Annahmen und auch Aussagen konfrontiert werden, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben. Die NAKO-Studie dagegen ist dazu da, besser zu verstehen, wie Krankheiten entstehen, wie Krankheiten vermieden und auch besser behandelt werden können.« Pantazis: »Worauf müssen wir achten? Welche Risikofaktoren gibt es? Kann man bestimmte Muster erkennen?« Er erhofft sich auch Erkenntnis­gewinne für die Politik. Die Ergebnisse der Studie könnten konkrete Hinweise liefern, manche Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf Gesundheitsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen.

200 000 Probanden, Laufzeit 20 Jahre, das ergibt Big Data. Samerski: »Die Auswertung kann Jahrzehnte dauern.« Und entsprechen die Aussagen und das in den Fragebögen Angegebene auch den Tatsachen? War die Erinnerung unscharf? Wurde bewusst gelogen? Krause sieht es als methodische Herausforderung: »Es gibt diese Ungenauigkeit. Mit der müssen wir umgehen. Wir können unsere Probanden nicht täglich kontrollieren.«

»Ist es etwa ein Hirntumor?«

Bilden für Pantazis und Krause (»Es ist ein riesiger Schatz«) die Fülle der Daten die grundsätzliche Basis für die große Aussagekraft der Studie, sieht Samerski Big Data grundsätzlich kritisch: »Als Soziologin schaue ich mir an, was sich in der Gesellschaft verändert. Ich frage, welche Auswirkungen haben solche Studien auf das Arzt-Patienten-Verhältnis? Meine Erkenntnis ist, dass medizinische Erfahrungen immer mehr von statistischen Untersuchungen überlagert werden. Statistische Studien entfernen sich von Menschen, anstatt sich ihnen zuzuwenden.« Heute lebten besonders die Schwangeren im Schatten der Risiken. Die »gute Hoffnung« von früher sei heute zur »schlechten Erwartung« erodiert. Als weiteres Beispiel führte sie genetische Beratungssitzungen an, an denen sie als Beobachterin teilgenommen hatte. »Da ging es zum Beispiel um Brustkrebs. Aufgrund des Stammbaums wurde etwa gesagt: ›Wenn Sie das Gen haben, haben Sie ein 60-prozentiges Risiko, an Brustkrebs zu erkranken‹. Die Menschen saßen da und waren total verunsichert.«

»Fakten und Gesundheits­risiken müssen sensibel kommuniziert werden«

Kann es also sein, dass Ängste durch Gesundheitsstudien und Warnungen vor Risikofaktoren erst geschürt werden, anstatt Information und Sicherheit zu bieten? »Beobachtungen in den Notaufnahmen zeigen, dass die Leute Tag und Nacht und an den Wochenenden kommen, weil sie mit einem grippalen Infekt nicht umgehen können. Den hätte man früher auf dem Sofa auskuriert. Oder sie können mit Kopfschmerzen nicht umgehen. Ist es etwa ein Hirntumor?«

Dass es sich hierbei um elementare Unsicherheit handeln könnte, wurde von Krause und Pantazis vehement bestritten. Krause: »Ich teile Ihre Bedenken in dieser Hinsicht nicht.« Pantazis: »Die kommen in der Nacht und am Wochenende, weil die Praxen zu sind.« Krause: »Zu mir kam einmal ein Patient in die Notfallaufnahme mit einer Kernspinaufnahme, die zwei Wochen alt war. Er wollte wissen, ob es sich um einen Bandscheibenvorfall handele. Er hatte auf Monate keinen Termin beim Orthopäden bekommen.« Immerhin konnte man sich auf eines einigen: Es geht nicht darum, wissenschaftliche Studien abzuschaffen oder gar die Bandbreite der Gesundheitsinformationen zu stoppen, um das Problem »Verunsicherung« aus der Welt zu schaffen. Es geht darum, Fakten sensibel zu kommunizieren.

Hannover ist einer von 18 Standorten, an denen die NAKO-Untersuchungen seit 2014 stattfinden. Finanziert wird die Studie vom Bund, den Ländern und der Helmholtz-Gemeinschaft.

 

»Legen Sie sich doch mal 20 Minuten aufs Ohr!«

Im deutschen Mittelstand sind solche Worte sicher noch selten von der Chefin oder dem Chef zu hören. Wenn, würde man dahinter womöglich Ironie oder Sarkasmus vermuten. In Japan sieht das ganz anders aus. Wenn der Blick in einen Raum Menschen in Anzügen zeigt, die regungslos mal auf, mal unter dem Schreibtisch oder quer darüber liegen, dann ist das kein Szenario aus einem Katastrophenfilm, sondern ein Büro nach dem Mittagessen in Tokio. Das sogenannte Powernapping, ein Kurzschlaf außerhalb der normalen Nachtschlaf-Phase, ist dort fast schon ein Standard zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit – und das zu Recht. Aber dieses Powernapping ist nur eine Möglichkeit, Energie zu tanken. Relaxen, Bewegen, aber auch das Gefühl, die Arbeit im Griff zu haben, das alles hilft gegen Stress und Überbelastung am Arbeitsplatz, schreibt der Universum Verlag in einer Presseinformation.

Bild oben: Von links nach rechts: Dr. Christos Pantazis, MdL, Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums, Dr. Silja Samerski, Soziologin an der Uni Bremen, und Moderator und Wissenschaftsjournalist Jens Lubbadeh.

geschrieben von  maru