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Medizinischer Check zum sportlichen ­Wiedereinstieg – muss das sein? Dienstag, 19 September 2017 13:09 Foto: Jörg Scheibe/Klinikum BS

Medizinischer Check zum sportlichen ­Wiedereinstieg – muss das sein?

»Sport ist Mord« wird von Sportmuffeln immer wieder angeführt, um sich selber ein reines Gewissen zu schaffen. Dabei ist nach­gewiesen, dass regelmäßige sportliche Betätigung das Risiko unter anderem für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder auch Krebs senkt, aber auch Krankheitsverläufe positiv beeinflusst. Dies trifft übrigens auch für übergewichtige Menschen zu. Die Verknüpfung von Sport und Medizin ist heute mehr denn je gegeben. Im Hochleistungssport haben regelmäßige sportmedizinische ­Leistungskontrollen unlängst Einzug gehalten. Selbst sportlich sehr gut Trainierte müssen sich hin und wieder einer Art Unbedenklichkeitsuntersuchung unterziehen, um an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Soll sich aber wirklich jeder auf Herz und Nieren prüfen lassen, der nach einer längeren »unsportlichen Phase« im Leben wieder mit Sport beginnt?

Bevor die deutsche Football-Nationalmannschaft bei den Worldgames Ende Juli in Breslau antrat, haben alle Spieler eine umfassende sport­ärztliche Untersuchung durch Mannschaftsarzt Dr. ­Christian Modrejewski erhalten. Den Allgemeinzustand der vier Nationalspieler aus dem Kader der New Yorker Lions – Jan ­Hilgenfeldt, David Müller, Harald Binczek und Tissi Robinson – kontrollierte der Mediziner in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische ­Chirurgie am Standort Holwedestraße. Der internistische Oberarzt Dr. Dirk Müller unterstützte Dr. ­Modrejewski bei der Prüfung des Allgemeinzustandes der Spieler. Eine solche sport­ärztliche Untersuchung mit EKG und Blutbild soll Herz- und Nierenprobleme im Vorfeld erkennen und eventuell Auffälligkeiten des Allgemein­zustandes anzeigen.

Check-up vor allem für über 35-Jährige sinnvoll

Bei den Profis liegt alles im grünen Bereich – aber wie sieht es bei jemandem aus, der viel arbeitet und unter Bluthochdruck und Rückenschmerzen leidet? Hier ist der medizinische Check sinnvoll. Vor allem Sport-Einsteiger über 35 Jahren sollten vor dem Einstieg zu einem Check-up beim Arzt, meint der Leiter der Sport­orthopädie aus der Klinik für Unfall­chirurgie und Orthopädische Chirurgie in der Holwedestraße und leitender Mannschaftsarzt der New Yorker Lions, Dr. Götz Kawalla. Denn ab diesem Alter ist Arteriosklerose die häufigste Ursache für einen Herzinfarkt. Die grund­legende Untersuchung wird von jedem Hausarzt durchgeführt. Ab dem 35. Lebensjahr wird dieser sogenannte »Gesundheits-Check-up 35+« sogar von den gesetzlichen Kranken­kassen als kostenlose Vorsorgeuntersuchung angeboten. Ob ein Risiko bei ihnen besteht, sollten künftige Sportler vor Trainingsbeginn klären lassen. Über 60-jährigen Untrainierten wird in jedem Fall zur ärztlichen Untersuchung geraten, wenn sie neu mit Sport beginnen. Eine erste Orientierung, ob eine sport­ärztliche Vorsorgeuntersuchung nötig ist, liefert beispielsweise der PAR-Q-Fragebogen (Physical Activity Readiness Questionnaire). Anhand ­einiger einfacher Fragen kann jeder abschätzen, ob ein Check vor dem Start angebracht ist.

Der PAR-Q-Test

Die Fragen des Test, der von der Canadian ­Society for Exercise Physiology entwickelt wurde:

  • Hat ihnen jemals ein Arzt gesagt, Sie hätten etwas am Herzen und Ihnen Bewegung und Sport nur unter ärztlicher Kontrolle ­empfohlen?
  • Hatten Sie im letzten Monat Schmerzen in der Brust in Ruhe oder bei körperlicher Belastung (Anstrengung)?
  • Haben Sie Probleme mit der Atmung in Ruhe oder bei körperlicher Belastung?
  • Sind Sie jemals wegen Schwindel gestürzt oder haben Sie schon jemals das Bewusstsein verloren?
  • Haben Sie Knochen- oder Gelenkprobleme, die sich unter körperlicher Belastung verschlechtern könnten?
  • Hat Ihnen jemals ein Arzt ein Medikament gegen hohen Blutdruck oder wegen eines Herzproblems oder Atemproblems verschrieben?
  • Kennen Sie irgendeinen weiteren Grund, warum Sie nicht körperlich/sportlich aktiv sein sollten?

Wer eine oder mehrere Fragen mit »Ja« beantwortet hat, sollte vor Aufnahme aller sportlichen Aktivitäten den Arzt aufsuchen, ihm die Antworten auf die Fragen des PAR-Q-Tests mitteilen und sich untersuchen beziehungsweise beraten lassen. Für alle, die dagegen alle Fragen mit nein beantwortet haben, ist Bewegung gut – die richtige Herangehensweise vorausgesetzt. »Einmal in der Woche mit drei bis vier Stunden Krafttraining zu beginnen, wäre der falsche Einstieg«, meint Dr. Götz Kawalla. Sein Rat: »Wichtig ist, dass man sich am Anfang nicht gleich übernimmt. Die besten Sportarten zum Einstieg sind ­Wandern, Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen. Laufen (Joggen) ist nur für schlanke oder gering übergewichtige Menschen ohne orthopädische Probleme zu empfehlen.«

Training richtig dosieren

Auch die richtige Dosierung aus Krafttraining und Ausdauersport sei wichtig, so der Mediziner. Ebenso sollten übermäßige Belastungsänderungen vermieden werden. Diese könnten insbesondere zu Problemen an den Gelenken und Sehnen führen. Hier helfe die Sportorthopädie durch gezielte Therapien, die Sportfähigkeit zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Denn eines sei klar: Ein schmerzendes Gelenk sollte niemals Anlass sein, seine sportliche Aktivität einzustellen. Hier würde man direkt in die Abwärtsspirale einsteigen. Der richtige Sport in der richtigen Dosierung wirkt sich positiv auf unseren Bewegungs- und Halteapparat aus und verzögert das Fortschreiten einer Gelenkdegeneration (Arthrose), meint Dr. Götz Kawalla, der an alle Sportler appelliert, nicht über längere Zeit in den Schmerz hinein zu trainieren, sondern Hilfe in der Sportorthopädie zu suchen.

Die Gesundheit positiv beeinflussen

Zufriedenheit, gute Ernährung, genügend Schlaf und Bewegung gelten als wesentliche Faktoren, die die Gesundheit positiv beeinflussen. Das wissen alle. Dennoch trainieren nur 13 Prozent der Deutschen regelmäßig drei Mal die Woche eine halbe Stunde lang. Die Mehrheit sitzt sich durchs Leben – vor dem Fernseher, am ­Computer, am Kaffeetisch. Frauen verbringen pro Tag etwa 6,7 Stunden, Männer 7,1 Stunden im Sitzen. Dabei ist Sport äußerst förderlich: für die Gefäße, für Herz und Kreislauf, für die ­Muskeln, die Gelenke und das Gehirn.

Die gute Nachricht: Selbst wenn bereits erste Krankheits-Anzeichen aufgetreten sind, kann man durch Sport und Bewegung noch viel bewirken, und zwar in allen Alterklassen – auch wenn ein medizinischer Check dann natürlich besonders wichtig ist. Sport in der richtigen Dosierung stärkt die Leistungsfähigkeit von Herz und Kreislauf, verhindert die Verkalkung von Gefäßen und Arterien, bringt den Stoffwechsel in Schwung, baut Muskeln und Gelenkflüssigkeit auf. »Gönnen Sie also auch Ihrem Körper regelmäßig eine Inspektion. Und dann nichts wie raus«, rät Dr. Götz Kawalla, der selbst gerne regelmäßig Sport treibt und mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt.

Bild ganz oben: Dr. Dirk Müller überprüft die Leistungs­fähigkeit von New Yorker Lions-Spieler David Müller beim EKG.

geschrieben von  pau