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Stress und Burn-out rechtzeitig ­erkennen und reagieren Freitag, 06 Oktober 2017 11:37 Foto: oh

Stress und Burn-out rechtzeitig ­erkennen und reagieren

Begriffe wie Arbeitsstress, Freizeitstress oder Urlaubsstress haben sich sukzessive in den allgemeinen Sprachgebrauch geschlichen. Heute werden die ­Vokabeln wie selbstverständlich verwendet. Was aber bedeuten sie konkret für uns, und vor allem: Wann ­sollten wir hellhörig werden? Arbeitsverdichtung auf der einen sowie ­steigende Erwartungen und Aufgaben im privaten Bereich auf der anderen Seite führen nicht selten zu Überforderungen, die uns stark beeinträchtigen oder sogar krank machen können. Laut einer repräsentativen Untersuchung der Techniker Krankenkasse zum Thema Stress im Jahr 2016, fühlen sich 46 Prozent der Deutschen durch Schule, Studium und Beruf belastet. Studien zufolge arbeitet jeder dritte Berufstätige am Limit und fühlt sich stark erschöpft oder gar ausgebrannt. Jeder fünfte Erwerbstätige erlebt Burn-out ähnliche Phasen. Gesundheitsexperten und Krankenkassen schätzen, dass bis zu 13 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland von Burn-out betroffen sind. Zu dieser Thematik haben wir mit Katrin Watzlawek, Diplom-Sozialpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, gesprochen.


Frau Watzlawek, was versteht man unter Stressreaktionen und was ist Burn-out?

Stressreaktionen sind psychische und physische Reaktionen auf besondere äußere Reize und Situationen. Diese müssen per se nicht immer negativ sein. Wie jeder Einzelne Stressfaktoren erlebt und mit diesen umgeht, ist individuell sehr verschieden. Stressfaktoren sind nicht objektiv messbar. Wichtig ist, gelernt zu haben, wie man mit besonderen Situationen umgeht und wie man mögliche Konflikte konstruktiv für sich lösen kann. Als Burn-out-Syndrom bezeichnet man den Zustand emotionaler Erschöpfung (»ausgebrannt sein«) mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Dabei kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen und den eigenen Leistungsressourcen. Bei der Entstehung wirken individuelle Faktoren, Arbeitsbedingungen und das gesellschaftliche Umfeld zusammen. Diagnostisch unterscheidet man zwischen psychischen Symptomen wie Antriebslosigkeit, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Konzentrationsproblemen, verlangsamtem Denken, Nervosität oder aggressiven Impulsen und körperlichen Symptomen wie verringerter Leistungsfähigkeit, Kopfschmerz, Übelkeit, Appetitverlust, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen, Herzbeschwerden oder sexuellen Problemen. Erholungsphasen (Wochenende oder Urlaub) reichen nicht mehr aus, um sich zu entspannen und hinterher gestärkt zu fühlen.

Inwiefern sind diese Symptome für andere Personen sichtbar?

Häufig zeigen die Betroffenen Verhaltensänderungen. Sie sind dann zum Beispiel ungewöhnlich aktiv, unruhig, unorganisiert oder neigen zu vermehrtem Alkoholkonsum. Arbeitsaufgaben fallen zunehmend schwerer und es wird mehr Zeit benötigt. Auch Zynismus, Gleichgültigkeit oder Pessimismus sind zu beobachten. Konsequenzen in sozialen Beziehungen können Rückzug und Entfremdung von Familienangehörigen und Freunden sein. Häufig sind Betroffene anderen gegenüber auffällig ungeduldig und unbeherrscht.

Ab wann ist die Gesundheit ­gefährdet?

Von einem krankheitsrelevanten Burn-out-Syndrom spricht man, wenn die genannten Symptome über mehrere Monate anhalten. Bei einem Verdacht sollte auf jeden Fall Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden, auch um andere körperliche Erkrankungen auszuschließen.

Was kann jeder einzelne tun?

Es ist von besonderer Bedeutung, seine individuellen Stressoren und eine vielleicht weniger günstige persönliche Lebenssituation zu erkennen. Des weiteren ist es wichtig, neue Stressbewältigungsformen zu entwickeln, diese zu erlernen und in seinem Leben zu verankern. Wenn jemand mehr Fähigkeiten hat, sich selbst besser einzuschätzen und über mehr Handlungsstrategien verfügt, mit Stress zu umgehen, ist die Gefahr, einen Burn-out zu erleiden deutlich geringer.

Welche Rolle spielen die sozialen Kontakte?

Soziale Kontakte tragen zu einer emotionalen Stabilisierung bei und fördern die Gesundheit. Einsamkeit ist für viele Menschen ein großer Stressfaktor. Probleme lassen sich häufig nicht allein bewältigen. Familie, Freundschaften oder auch Gruppenzugehörigkeit sind von großer Bedeutung. Partner und Freunde bei Problemen mit einzubeziehen ist wichtig, damit diese Sie besser verstehen und unterstützen können.

Was sollte im Berufsleben ­beachtet werden?

Erhöhte Arbeitsanforderungen oder Konflikte im Arbeitsbereich können sehr belasten und auch wütend machen. Aus Wut heraus zu reagieren, ist meist kontraproduktiv. Oft hilft es bereits, eine Situation mit mehr Abstand zu betrachten und sich zunächst zu beruhigen. Wichtig ist dann, über die Problematik zu sprechen. Unterstützend kann sein, sich Hilfe bei Ansprechpartnern, beispielsweise Vertrauensmitarbeitern, dem Betriebsrat oder Vorgesetzten, zu holen. Es gibt aber auch Situationen, die sich nicht sofort ändern lassen. Auch hier ist es wichtig, emotional Abstand zu gewinnen. Es kann helfen, Gegebenheiten anzunehmen anstatt mit ihnen ständig zu hadern. Hilfreich ist auch, sich mit Kollegen über Probleme am Arbeitsplatz auszutauschen. Anderen geht es häufig ähnlich. Der Austausch schafft Erleichterung und gemeinsam kann man Probleme oft besser angehen.

Halten Sie es für sinnvoll, Arbeit und Freizeit zu trennen?

Auf jeden Fall! Wichtig ist, sich (mehr) Freiräume zu schaffen. Man muss nicht immer erreichbar sein. Dienstliche Angelegenheiten und E-Mails nach Feierabend oder im Urlaub zu erledigen, sollte vermieden werden. Auch wenn das Internet und die sozialen Netzwerke aus unserer heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken sind, so ist es doch wichtig, sich auch hier mal bewusst zurückzuziehen, eine Pause zu machen und mal »offline« zu sein.

Wie sorgt man darüber hinaus am besten für das gute persönliche Wohlbefinden?

Jeder sollte herausfinden, was er in seiner Freizeit wirklich gerne macht und was zur Entspannung beiträgt. Entspannen Sie sich bei einem guten Buch, bei einem Spaziergang in der Natur, beim Sport, in der Sauna, bei einem warmen Wannenbad oder einfach beim Nichtstun auf dem Sofa. Das Erlernen von Entspannungsverfahren wie Yoga, Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung kann hilfreich sein. Am wichtigsten ist jedoch, in sich hinein zu horchen und herauszufinden, was einem selbst gut tut.

Was ist zu tun, wenn ein Mensch das alleine nicht schafft?

Schafft man es nicht allein, die Problematik zu erkennen und/oder eine Verhaltensänderung herbeizuführen, kann man sich Unterstützung bei einem Psychologen oder Psychotherapeuten holen. Diese können dabei helfen, die eigenen Stärken wieder bewusst zu machen. Durch verschiedene Methoden kann das Erkennen von Stressfaktoren geschult, innere Blockaden aufgelöst sowie das Entwickeln von persönlichen Strategien zu Stressbewältigung erarbeitet werden. Stressfaktoren sind heute nicht mehr einfach auszublenden, aber der richtige Umgang und das Hören auf die innere Stimme kann vor einer Erkrankung schützen.
www.ent-spannendes-leben.de
 

geschrieben von  wo