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Von der Angestellten zur Chefin Montag, 27 März 2017 14:34 Foto: Jörg Scheibe

Von der Angestellten zur Chefin

Wie war das, als sie völlig unerwartet das Angebot bekam, Unternehmerin zu werden? Als sie das erste Mal mit dem Gedanken spielte, in Zukunft nicht mehr angestellte Apothekerin zu sein, sondern Chefin? »Ich habe nicht gleich Hurra geschrien«, erinnert sich Anja Schmidt. Weil sie sich im Klaren war: Dieser wichtige Schritt muss genau überlegt sein. Heute besitzt sie nicht nur eine Apotheke, sondern zwei. Und ist zufrieden damit, ihrem Berufsleben eine neue Richtung gegeben zu haben.
 


Seit 1. Februar ist Anja Schmidt Inhaberin der Moorbusch-Apotheke in Cremlingen und der Apotheke Mascherode. Apotheker ist ein reiner Verkaufsberuf? Von wegen: Die Apothekerin und ihr Team geben Tipps zur Gesundheitsvorsorge und messen Blutdruck und -zucker, sie kontrollieren die Hausapotheke, machen Vorsorgeaktionen und geben Impfempfehlungen vor Reisen. Und, na klar: Im eigenen Labor erstellen sie individuelle Rezepturen – Salben, Cremes und Kapseln, Lösungen, Tees und Suspensionen.

»Der Respekt vor der ­Aufgabe ist groß«

Dass Anja Schmidt sich nach einer Bedenkzeit entschied, das Kaufangebot ihres – heute ehemaligen und im Ruhestand lebenden – Chefs anzunehmen, sei schlussendlich nur logisch gewesen, sagt sie. Weil sie bereits mehrere Jahre eine Führungsrolle innehatte und die Entwicklung der Apotheken geprägt hatte; und weil die Position als Chefin »im Prinzip die beste Möglichkeit ist, den eigenen Arbeitsplatz zu sichern«. Der Respekt vor der Aufgabe ist groß. »Weil wir kein kleiner Betrieb sind – im Gegenteil: Ich habe 20 Angestellte.«

Die Moorbusch-Apotheke und die Apotheke Mascherode – beide sind sie grundverschieden. Die Apotheke in Cremlingen ist erst vor vier Jahren eröffnet worden; sie profitiert von ihrer Anbindung an ein Ärztehaus und den guten Einkaufsmöglichkeiten um sie herum – das sorgt für viel Laufkundschaft. Die Apotheke in Masche­rode gibt es bereits seit vierzig Jahren; sie ist eine typische Stadtteilapotheke – mit hohem Stamm­kundenanteil.

Anja Schmidt hat sich fest vorgenommen, beide enger aneinanderzubinden. »Für mich ist es eine große Herausforderung, eine gemeinsame Linie für die zwei Apotheken zu finden.« Gute Gewohnheiten will sie bewahren. »In Masche­rode haben wir viele ältere Kunden. Einige bezahlen sogar noch mit Scheck – das werden sie auch in Zukunft machen können.«

»Enormer bürokratischer Aufwand«

Verlassen kann sich die gebürtige Hannove­ranerin auf ihre beiden Mitarbeiterteams – gerade jetzt, da sie sich noch aus dem Tages­geschäft zurückhalten muss, weil in ihrem Büro auf dem Schreibtisch jede Menge Schreiben und E-Mails im Zuge der Übernahme Antwort verlangen. »Was den bürokratischen Aufwand angeht, müssen wir Apotheker sehr viel leisten. Es gibt unheimlich viele Anforderungen – allein im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen.«

»Versandapotheken sorgen für scharfen ­Wettbewerb«


Die Apotheken von Anja Schmidt sind zwei von knapp 2000 in Niedersachsen – eine Zahl, die sinkt. Nach Meinung der 40-Jährigen hat der Rückgang auch damit zu tun, dass die Versandapotheken für einen scharfen Wettbewerb sorgen und Vor-Ort-Apotheken die Konkurrenz schwerfällt. »Viele Patienten beziehen ihre Dauer­medikation mittlerweile über das Internet.«

Auch Anja Schmidt setzt auf den Versand per Mausklick – auf ihre Art. In Kürze bekommen die Moorbusch-Apotheke und die Apotheke Mascherode ihre neue Webseite. Und das nicht nur, um besondere Dienstleistungen wie die Vermietung von Milchpumpen und das Ausmessen von Kompressionsstrümpfen ins Online-Schaufenster zu stellen. Die 40-Jährige möchte ihren Kunden die Möglichkeit bieten, im Internet Medikamente zu bestellen und sie vom Apothekenboten nach Hause liefern zu lassen.

Und selbstverständlich will sie auch ihre Mitarbeiter und sich von der besten Seite zeigen. Damit Fachkräfte aus der Branche, die sich für eine Anstellung oder einen Praktikumsplatz interessieren, einen ersten Eindruck von den Apotheken und ihren Teams gewinnen können. »Für solche Informationen schaut doch heutzutage jeder ins Internet – das würde ich genauso machen«, sagt sie lachend.

»Gute Mitarbeiter zu finden, fällt leichter als anderswo«

In unserer Region fällt die Suche nach guten Mitarbeitern leichter als anderswo: Das Pharma­ziestudium ist fester Bestandteil der Technischen Universität Braunschweig; und die Dr. von Morgenstern Schulen bilden an ihrem Standort Braunschweig Pharmazeutisch-­technische Assistenten aus – die rechte Hand des ­Apothekers. »Ich habe keine Probleme, meine Praktikantenplätze zu füllen«, sagt Anja Schmidt.

»Einschneidende ­Veränderungen«

Seit acht Wochen ist sie Unternehmerin. »Ohne Unterstützung meines Mannes wäre die Selbstständigkeit kaum möglich – denn zwei Apotheken bedeuten einschneidende Veränderungen im Familienleben«, sagt die Mutter zweier Kinder. Ob sie voll und ganz hinter ihrer Entscheidung steht? »Auf jeden Fall«, betont Anja Schmidt. Zumal der Papierkrieg bald sein Ende finden wird. »Dann kann ich mich wieder mehr dem widmen, was mir am meisten Spaß macht – nämlich die Beratung meiner Kunden.«

Bild oben: Anja Schmidt beschäftigt in ihren beiden Apotheken in Cremlingen und Mascherode insgesamt 20 Angestellte.
geschrieben von  boy