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Die Luxusyacht auf Rädern Freitag, 02 Juni 2017 11:26 Foto: André Pause

Die Luxusyacht auf Rädern

Das Haus von Dr. Ulrich Gehrke-Hoog und Saskia Hoog in Evessen am Rande des Elms ist ein echtes Kleinod: raumhohe Südfenster, unverstellter Blick auf den Harz, auf der Wiese im Garten krähen die Hähne. In dieser Umgebung müssen die Gedanken ja fließen, denkt der Besucher. Das Werk des spätberufenen Gründerehepaares ist dann auch der beste Beleg dafür. Im Juli 2013 machten sich die passionierten Individualreise-Fans mit der GEHOcab GmbH selbstständig. Die von ihnen erdachte Carbon-Wohnkabine Kora ist ein echtes Nischenprodukt.



Mehr als 30 Jahre hat Dr. Ulrich Gehrke-Hoog für Volkswagen gearbeitet, war im oberen Management für bisweilen mehr als 300 Mitarbeiter verantwortlich. Ob CAD-Entwicklung für die Fertigungstechnik oder Finanzsteuerung quer durch das ganze Unternehmen: »Ich habe Produktentwicklungsprozesse in den unterschiedlichsten Facetten wirklich lange Jahre begleitet«, betont der heute 63-Jährige. Der Schritt in die Selbstständigkeit, und damit zum eigenen Produkt, wollte daher gut überlegt sein. Erste Skizzen und Knetgummimodelle der exklusiv für den VW-Amarok gefertigten Wohnkabine nahmen Ende des Jahres 2012 immer konkretere Formen an. Und so kündigte ­Gehrke-Hoog beinahe zeitgleich mit seiner Frau die Festanstellung. »Klar, man muss das abwägen. Aber wir haben gesagt: Ganz oder gar nicht. Wir haben schließlich eine Vision und glauben an das Produkt.«

»Wir sind selbst das Klientel, dass wir ansprechen«

Realisiert hat das Paar zunächst das Maximalkonzept. Das technisch machbare sollte bis an die Grenze ausgelotet werden. An einer abgespeckten Version des jetzigen Premium-Modells zum Preis von 112 000 Euro (netto) – das in der Regel als komplettes Offroad-Mobil verkauft wird – werde nun gearbeitet sagt Gehrke-Hoog, der unlängst ein Netzwerk aus hoch spezialisierten Experten und jungen Talenten aufgebaut hat. So wurden innovative Hightech-Materialen aus der Luftfahrt und edle Komponenten aus dem Yachtbau in vielen Optimierungszyklen zu dem nun serienreifen Produkt zusammenfügt. Die Vermarktung der Kora hat 2016 begonnen, die Kleinserienfertigung ist Anfang 2017 angelaufen. Käme es auch infrage, ausschließlich für einen Autobauer tätig zu werden? Der Konstrukteur wiegt den Kopf. Da müsse man realistisch bleiben, meint er: die Nische sei wohl zu klein.

»Die Wohnkabine: eine Lebensentscheidung«

Natürlich kaufe ein Produkt wie die Kora niemand mal schnell am Verkaufstresen, betont Konstrukteur Gehrke-Hoog: »Damit sind in der Regel Richtungsentscheidungen, wenn nicht sogar Lebensentscheidungen verbunden.« Einen Vorteil sieht seine Frau, die als Diplom-Ingenieurin mit langjähriger Consulting-Expertise für das Marketing und die Produktfotografie zuständig ist, neben der profunden Industrieerfahrung insbesondere im Bereich Kundenbetreuung: »Wir können absolut authentisch beraten, weil wir im Grunde selbst das Klientel sind, das wir ansprechen.« Darüber hinaus setzt das Gründer­ehepaar auf Synergieeffekte mit dem Vermietungsgeschäft, das – zunächst als Versuchsballon auf eigene Kosten – ab Juli in Island gestartet wird und positives Feedback auf Reise-Blogs.

»Die Erfüllung von ­Sehnsüchten«

Die Zielgruppe des »geländegängigen Traum­paares Amorok und Kora« (der Name der Kabine ist übrigens ein Anagramm des Fahrzeugs) im Vorfeld sehr genau durchdekliniert und definiert worden. Fast zwangsläufig unterscheidet diese sich vom reichlich strapazierten Bild des klassischen Campingfreundes früherer Dekaden. »Interessenten sind in der Regel schon Leute die etwas älter sind, meist über 50, die über genügend Geld verfügen, aber eben auch Sehnsüchte gesammelt haben, weil sie lange in einer engen Mühle waren und nun nochmal etwas von der Welt sehen möchten«, skizziert Saskia Hoog, die sich aber auch darüber freut, dass die sich im Produkt widerspiegelnden Aspekte und Motive Ästhetik, spontanes Entdecken, Freiheit und der Gedanke relativ unproblematisch an einsame Orte zu gelangen, von einer weit größeren Zahl von Menschen aller Alters- und Einkommensklassen geteilt wird.

»Wir haben schon investiert«

Was das Marktpotenzial der KORA anbelangt, sind Saskia Hoog und Dr. Ulrich Gehrke-Hoog optimistisch: »Wenn wir im ersten Produktionsjahr fünf Einheiten produzieren können, sind wir zufrieden. Mittelfristig möchten wir aber auf 20 bis 25 kommen. Das ist unserer Ansicht nach das Marktpotenzial. Neben den über 100 Anfragen aus der ganzen Welt haben derzeit gut zehn Individualisten ein konkretes Kaufinteresse und Ausstattungswünsche signalisiert. Dieses Szenario entspricht zu weiten Teilen dem Business­plan, der vorsieht in spätestens drei Jahren zehn Einheiten direkt zu verkaufen und drei Offroadmobile zum Ausprobieren zu vermieten.«

Die Wettbewerbssituation empfindet das Gründerehepaar dabei als durchaus entspannt. »Es gibt klassische Kabinen auf Pickups, mit denen wollen wir uns aber gar nicht vergleichen. Wir bieten ja eher ein Offroad-Wohnmobil als eine klassische Wohnkabine«, sagt Saskia Hoog. »Eine Luxusyacht auf Rädern«, ergänzt ihr Mann lächelnd.
Ein zweites Standbein haben sich die Gründer außerdem mit der zeitgleich zur Kabinenkonstruktion auf den Weg gebrachten Firma Hoog und Partner Management Consulting geschaffen. Diese sei, das gibt Ulrich Gehrke-Hoog unumwunden zu, derzeit noch die Cash-Cow. Dennoch befruchteten sich beide Unternehmen immer mehr gegenseitig. »Wir gestalten alle unsere Beziehungen im Kooperationsnetzwerk auf Augenhöhe: vom Design-Studenten über innovative Materialentwickler bis zu den Fertigungspartnern. So erleben wir enorme Synergien und entwickeln uns mit unseren Partnern gemeinsam weiter. Wenn Sie so wollen, leben wir den Spirit der neuen Arbeitswelt«, ergänzt Hoog. Dies gebe die entscheidende Motivation.

»Gegenseitige Befruchtung«

Daher stehe GEHOcab oft Modell für die Beratungsdienstleistungen. »Wir leben von der Unternehmenskultur über die Strategie und Produktentwicklung bis hin zur Business-­Case-Rechnung letztlich alles vor«, skizzieren die neugierigen und lernwilligen Eheleute. »Wir müssen selbst natürlich flexibel reagieren, und immer schauen, was der Markt macht, in welche Richtung sich das entwickelt. Wenn es nötig ist, positionieren und erfinden wir uns auch jedes Jahr neu«, sagt Ulrich Gehrke-Hoog und ergänzt: »Was uns unter dem Strich fast am meisten begeistert ist, dass wir bei unserer Arbeit viele sehr interessante Menschen kennenlernen, das ist wirklich sehr inspirierend.«

Bild oben: Dr. Ulrich Gehrke-Hoog und Saskia Hoog mit einem Schaumstoffmodell ihrer Luxus-Wohnkabine.
geschrieben von  pau