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Gensicke: »Ein Drittel des Weges haben wir hinter uns« Donnerstag, 27 Oktober 2016 10:23 Foto: Frank Bierstedt

Gensicke: »Ein Drittel des Weges haben wir hinter uns«

Wirtschaft 4.0 bei Bosch in Salzgitter

Bei der konstituierenden Sitzung des Arbeitskreises »Wirtschaft 4.0«, den die IHK zusammen mit den Arbeitgeberverbänden Region Braunschweig und Harz am 28. September im Kongresssaal der IHK gegründet hat, gab Michael Gensicke, der Technische Geschäftsführer von Bosch in Salzgitter, vor 120 Teilnehmern einen eindrucksvollen Erfahrungsbericht. Sein Fazit: »Ein Drittel des Weges haben wir hinter uns.«



wirtschaft: Herr Gensicke, Bosch in Salz­gitter ist Leitwerk für weltweit 11 Werke, die Steuergeräte für Verbrennungsmotoren produzieren. 1500 Mitarbeiter fertigen im Jahr fünf Millionen Motorsteuerungen bei einem Umsatz von 400 Millionen Euro. Wie hat sich die Digitalisierung auf ihre Produktionsprozesse ausgewirkt? Wie weit sind Sie mit Wirtschaft 4.0?«

Gensicke: In einem Produktionsbetrieb wie Bosch geht es im Wesentlichen um drei große Bereiche: die Zulieferung, die Fertigung und die Logistik. Diesen Wertstrom haben wir in den letzten Jahren schon sehr gut für Wirtschaft 4.0 vorbereitet.

wirtschaft: Wie sind Sie vorgegangen?

Gensicke: Wir nennen es MES: Manufacturing Execution System. Schon vor Jahren haben wir konzernweit dafür gesorgt, dass unsere Anlagen Daten aufnehmen, weitergeben und verarbeiten. Das Scannen von Barcodes klingt trivial, aber damit hat es begonnen.

wirtschaft: Wie weit sind Sie in Salzgitter?

Gensicke: Irgendwo im Mittelfeld, aber es gibt eine Besonderheit. In Salzgitter gibt es das Center of Competence für IT-Infrastruktur in der Fertigung für den Geschäftsbereich Automotive Electronics. Das versetzt uns in eine besondere Lage. Wir spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie man die Anlagen weltweit vernetzt. Uns ist wichtig, dass die Maschinen online miteinander verbunden sind.

wirtschaft: Das heißt, Sie haben jederzeit einen genauen Überblick über die Produktion in den 11 Werken.

»Kompetenz kann man sich zukaufen«

Gensicke: Genau, ich kann jeden Morgen auf Knopfdruck die Produktionsdaten sehen, Produktivität, Qualitätszahlen usw., die wichtigsten operativen Kenndaten eben. Wir lassen allerdings noch keine Planungsdaten einfließen. Wir vergleichen die Zieldaten mit dem Ist-Stand. Das Entscheidende ist aber, dass wir die Daten nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern Maßnahmen daraus ableiten. Wenn ein Werk Probleme hat, zum Beispiel mit einem Maschinenpark, werden wir als Leitwerk um Unterstützung gebeten, wenn man es nicht selber lösen kann. Wir versuchen dann, die Kennzahlen so schnell wie möglich zu verbessern. Diese Vernetzung gibt es bei uns seit zwei Jahren.

wirtschaft: Bei der Ermittlung der Kennzahlen spielen Sensoren eine entscheidende Rolle.
Gensicke: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. An den Anlagen gibt kein Mensch mehr Daten ein. Welches Produkt mit welchen Stückzahlen dort läuft, wird automatisch über Scanner und Barcodes eingelesen. Die Informationen sind dann für uns über das MES verfügbar. Das ist eines der Kernelemente.

wirtschaft: Aber was machen kleine und mittlere Unternehmen, die noch über keine Erfahrungen mit Sensoren verfügen?

Gensicke: Ich verstehe, dass es Berührungsängste gibt, weil die KMU davon ausgehen, dass man beim Thema Sensoren eine riesige Kompetenz braucht. Aber Kompetenz kann man sich zukaufen, auch in kleinem Stil, oder man kann sich Partner suchen, die über diese Kompetenz bereits verfügen.

»Mit Sensoren mutig ­experimentieren«

Bei der IHK-Veranstaltung gab es im Besonderen von kleineren Betrieben viele interessante Fragen zu diesem Thema. Darüber hinaus hat die Veranstaltung dazu geführt, dass ich mich in den nächsten Wochen mit fünf Interessierten zu Gesprächen treffe. Der direkte Erfahrungsaustausch ist der beste Weg.

wirtschaft: Ihre Empfehlung im Umgang mit Sensoren heißt also, mutig zu experimentieren?

Gensicke: Ja, unbedingt! Man muss ja nicht gleich 15 Sensoren in eine Maschine integrieren, sondern beginnt erst mal mit zwei, etwa Feuchtigkeit und Beschleunigung. Am besten, man sucht sich ein Unternehmen, das bereits Erfahrungen mit der Integration von Sensoren und der Neukonfigurierung der Maschine hat. Im Übrigen ist es aus meiner Sicht gar nicht so schwer, die Themen Sensorik und Automation in die Ausbildungsberufe zu adaptieren.

wirtschaft: Was raten Sie dem Geschäftsführer mit 20 Mitarbeitern, der sich keinen Automations-Experten leisten kann?

Gensicke: Seine 20 Mitarbeiter haben mit Sicherheit gute Ideen, was Anwendungsbeispiele angeht. Die Kunst besteht jetzt darin, die Vernetzung mit Firmen herzustellen, die etwas mehr IT-Know-how haben und es gern teilen wollen.

»Produktivitätsschub durch Wirtschaft 4.0?«

Vor einem Jahr habe ich, ebenfalls bei einer Veranstaltung in der IHK zum Thema Wirtschaft 4.0, mit einem Vertreter des Wolfsburger Softwareunternehmens H & D diskutiert, was machen die, was machen wir, wo können wir uns vernetzen? H & D hat viel Erfahrung mit Automatisierungsprozessen und der Handhabung von Steuerungselementen. Davon haben wir nichts gewusst, obwohl wir eigentlich Nachbarn sind. Und H & D wusste nicht, dass es in der Region ein Leitwerk gibt, das international aufgestellt ist. Wir werden jetzt gemeinsam ein erstes Experiment in Angriff nehmen. Das Schöne ist: In dieser Phase sprechen wir beide nicht über Geld. Es geht uns darum, voranzukommen, eine Vision auszuprobieren.

wirtschaft: Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, gut vernetzt zu sein.

Gensicke: Dazu nutzen wir auch Messen und Werksbesuche. Unsere Netzwerke sind ziemlich gut ausgebaut und werden ständig erweitert. Seit zwei Jahren setzen wir uns auch mit Scouting und Start-ups etwas stärker auseinander, vor allem, wenn es um die Bereiche Service und Lösungsfindung geht. Die ersten kleinen Pilotprojekte mit Start-ups haben wir bereits begonnen, leider allerdings noch nicht in unserer Region.

wirtschaft: Rechnen Sie durch Wirtschaft 4.0 mit einem Produktivitätsschub?

Gensicke: Im Moment verbinden wir nur Teilsysteme miteinander. Aber sobald wir auf der Basis einer Plattform und offener Standards genau wissen, was wann wo passiert, sind wir in der Lage, Prognosen vornehmen zu können. Damit ist dann der viel größere finanzielle Nutzen verbunden. Denn wenn wir sehen können, was demnächst geschieht, lassen sich die Aufgaben von Mensch, Maschine und Logistik entsprechend optimieren.

»Trend zur ­Höherqualifizierung«

Zu unserem Geschäftsbereich Automotive Electronics gehört auch die Fachabteilung Analytics, die für die Software und die Algorithmen verantwortlich ist. Kommt es nun bei einer Produktionslinie zu Schwierigkeiten, werden Millionen Datensätze ausgewertet, so dass wir sagen können, was wohl demnächst passiert, zum Beispiel, wann die Maschine gewartet werden muss. Noch sind wir überwiegend »reaktiv« unterwegs, das wird sich aber ändern, wenn wir auf der Grundlage von in Echtzeit erhaltenen Daten vorhersagen können, was die nächsten Stunden und Tage passiert.



wirtschaft: Welche Produktivitätsziele wären dann realistisch?

Gensicke: Wir rechnen mit drei Prozent. Das klingt auf den ersten Blick nicht viel, aber wenn das bei allen 11 Werken der Fall ist … und wir sind ja noch nicht in der Vollvernetzung.

wirtschaft: Wie wird sich das auf die Arbeitsplätze auswirken? Ist Wirtschaft 4.0 auch ein Rationalisierungsinstrument?

Gensicke: Der Trend geht eindeutig zur Höherqualifizierung. Wir haben uns bei Bosch einiges einfallen lassen, um bei den Mitarbeitern Berührungsängste mit dem Thema Wirtschaft 4.0 abzubauen, etwa durch Ausprobieren oder indem wir die Zahl der Features einer neuen Anlage zunächst begrenzen. Außerdem investieren wir viel in die entsprechenden ­Weiterbildungen.

wirtschaft: Wie sieht für Sie der ideale Mit­arbeiter aus?

Gensicke: Wir suchen Facharbeiter, die über ihre Ausbildung hinaus eine etwas höhere Kompetenz mitbringen, idealerweise indem sie bereits mit Sensoren gearbeitet haben.

Beim Ingenieur wäre es begrüßenswert, wenn ein gewisser Background im IT-Bereich vorhanden wäre. Wir suchen Ingenieure, die IT-­Projekte leiten können. Die meisten Mitarbeiter meines Teams sind Maschinenbauer, auch Elektrotechniker haben wir viele, dann noch Betriebswirte und Wirtschaftsingenieure. IT-­Experten sind in den Betrieben normalerweise unterrepräsentiert.

wirtschaft: Wie gelingt es Ihnen, dass alle eine Sprache sprechen?

Gensicke: Wir erwarten von unseren IT-Experten, dass sie ihre Fachausdrücke so übersetzen, dass auch ein Maschinenbauingenieur oder ein Mechaniker sie versteht. Umgekehrt erwarte ich von einem Meister, der ein Problem an der Produktionslinie hat, dass er dieses so beschreiben kann, dass das IT-Team es versteht.

wirtschaft: Werden die deutschen Unternehmen rechtzeitig die Kurve kriegen?

Gensicke: Keine Frage! Jeder, der den Nutzen erkennt, will Wirtschaft 4.0 umsetzen. Insgesamt hat sich Deutschland sehr gut auf den Weg gemacht. Auch Bosch bringt sich in Foren, Partnerschaften usw. bei der Suche nach neuen Lösungen stark ein.

wirtschaft: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Zulieferern in einer Wirtschaft 4.0-Welt aus?

Gensicke: Normalerweise sorgen wir für das Design eines Produktes und der Zulieferer fertigt es. Wenn er nun zu uns sagen würde, dass er seine Prozesse an der Maschine optimieren kann, wenn wir unser Design in einer bestimmten Weise verändern, hätten wir bereits den ersten Fortschritt. Ideal wäre es natürlich, wenn alle Produktionsdaten in beiden Häusern bekannt wären. Wenn er unsere Planungsdaten bekommt, dann könnten wir den gesamten Wertstrom optimieren, damit wäre für beide Seiten ein großer Nutzen verbunden. Am Ende dieses Prozesses steht eine komplette Vernetzung.

wirtschaft: Wie aufgeschlossen sind die Zulieferer für eine solche Datentransparenz?

Gensicke: Noch sind viele nur eingeschränkt offen, weil es Befürchtungen gibt. Was macht Bosch mit unseren Daten? Werden sie weitergegeben? Wird Druck gemacht? Auch hier geht es daher zunächst ums Experimentieren. Aber ich sage auch: Diejenigen Firmen, die das intensiv mit uns machen wollen, haben natürlich einen Vorteil, denn sie profitieren ja selbst von den Daten, die da gewonnen werden.

wirtschaft: Auch in der Logistik werden Sensoren unweigerlich Einzug halten.

Gensicke: Wo ist die Ware? In welchem Zustand? Sensoren sind auf unseren Straßen bereits im Einsatz, aber diese Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen.

»Wo die Reise hingeht«

wirtschaft: Wie viele Daten können über Sensoren gemessen werden?

Gensicke: Unendlich viele! Der Engpass ist heute noch das Speichermedium, aber das wird durch Server- und Cloudstrukturen immer günstiger und bald kein Hindernis mehr sein. Für uns ist es entscheidend, herauszufinden, welches sind die wirklich wichtigen Daten, damit wir aus Korrelationen und Prognosen unsere Schlüsse ziehen können.

Langfristig werden alle Produkte, alle Prozesse vernetzt sein, nach meinem Eindruck haben wir erst ein Drittel des Weges hinter uns.

Die Ergebnisse aller Thementische und die Vorträge zu den einzelnen Themen finden Sie auf der Internetseite der IHK Braunschweig unter Artikel-ID 12784.
geschrieben von  jh