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Menschliche Antikörper machen ­Tierversuche überflüssig Donnerstag, 01 Dezember 2016 11:12 Foto: Jörg Scheibe

Menschliche Antikörper machen ­Tierversuche überflüssig

Technologietransferpreis der IHK für vier Braunschweiger Wissenschaftler

Menschliche Antikörper sind hoffnungsvolle Wirkstoffe gegen sehr viele Krankheiten wie Krebs, viele Autoimmunerkrankungen und Infektionserkrankungen. Für den Transfer der Technologien der Antikörper-Generierung in die Wirtschaft erhielten vier Braunschweiger Wissenschaftler am 4. November den mit 10 000 Euro dotierten Technologietransferpreis der IHK: Professor Stefan Dübel, Dr. André Frenzel, Professor Michael Hust und Dr. Thomas Schirrmann vom Institut für Biochemie, Biotechnologie der TU Braunschweig. Technologieaufnehmendes Unternehmen ist die Yumab GmbH, Braunschweig.

Der Technologietransferpreis wurde in diesem Jahr zum 32. Mal verliehen. Insgesamt sind 83 Preisträger mit 39 Transferobjekten und einer Preissumme von mehr als 280 000 Euro ausgezeichnet worden, freute sich IHK-­Präsident Helmut Streiff. Mit den Erfindungen, die für die Unternehmen häufig mit einer weltweiten Alleinstellung verbunden waren, seien beachtliche Markterfolge erzielt worden.

Antikörper sind die große Hoffnung der ­Medizin. Aus ihnen können maßgeschneiderte Medikamente entstehen, die unter anderem Krankheitserreger abwehren bzw. bekämpfen. Bereits heute werden erste monoklonale Antikörper gegen verschiedene Krebserkrankungen oder Rheuma eingesetzt. Bislang ist die Entwicklung dieser Eiweißmoleküle indes noch zu teuer für eine breite Nutzung. Die große Herausforderung ist, die richtigen Antikörper zu identifizieren und für die jeweilige Erkrankung maßzuschneidern. »Wir haben zu jedem Zeitpunkt 100 Millionen Antikörper im Körper, um gegen jeden Krankheitserreger ein Gegenmittel zu haben. Mit einigen hundert Antikörpern könnte man bereits die großen lebensbedrohlichen Krankheiten behandeln, etwa lebensbedrohliche Infektionen, gegen die es noch keine Impfung gibt«, berichtet Professor Stefan Dübel.

Die Yumab GmbH generiert nun mit der Phagendisplay-Methode Antikörper nach Maß. Sie erzeugt menschliche Antikörper komplett im Reagenzglas. Das Prinzip: Die genetische Sequenz verschiedener menschlicher Antikörper wird in Bakterien kloniert. Nach und nach wird eine komplexe Genbibliothek aller menschlichen Antikörper-Sequenzen hergestellt. Aus dieser riesigen Vielfalt an Anti­körpern muss dann im nächsten Schritt der eine, passende Antikörper ausgewählt werden. Dies ermöglicht das Anti­körper-Phagendisplay. Dazu wird jeder Anti­körper der Genbibliothek an die Oberfläche eines Bakterien-Virus (Phage) gekoppelt, der genau die DNA enthält, die diesen speziellen Antikörper kodiert. In einem Selektionsprozess im Reagenzglas werden nun die Antikörper-Phagen angereichert, die spezifisch an die Zielstruktur, z. B. ein Tumormarker oder ein Virusprotein, bindet. Huckepack trägt dieser Antikörper-Phage die genetische Information für diesen Antikörper, die dann nachfolgend gentechnologisch an die jeweilige Anwendung angepasst werden kann.

Die Arbeitsgruppe von Professor Stefan Dübel hat bereits 2005 in einem vom BMBF geförderten Großprojekt als »Antibody Factory« Anti­körper nach Maß geliefert. Zu dieser Zeit stieß auch Thomas Schirrmann zu der Gruppe. Ende 2012 wurde aus der ehemals akademischen Dienstleistung ein kommerzielles Antikörper-­Phagendisplay-Projekt: die Wirkstoffmanufaktur-Neugründung Yumab GmbH mit Dr. Thomas Schirrmann als Geschäftsführer. Das Unternehmen arbeitet heute mit entsprechenden Lizenzen und Technologien aus der TU Braunschweig im Auftrag internationaler Pharmaunternehmen an der praktischen Entwicklung neuer Wirkstoffkandidaten gegen Krebs, Infektionserkrankungen und Auto­immunstörungen wie Rheuma oder Morbus Crohn. Innerhalb von drei Jahren hat das Spin-off weltweit 67 Aufträge von 32 Kunden aus sieben Ländern gewonnen. Die Yumab GmbH gibt aber auch Forschungsimpulse an das TU-Institut für Biotechnologie zurück, so dass auch für die Zukunft beide Seiten profitieren.

»Bei Yumab sind 14 Arbeitsplätze ­entstanden«

Die maßgebliche Innovation, die die Gründung der Yumab GmbH ermöglichte, war, die bisher für Einzelfälle sehr aufwändig durchzuführende Methode zu industrialisieren, miniaturisieren und hochdurchsatzfähig zu machen, und sie damit einem sehr viel breiteren Kundenkreis schneller und für sehr viel weniger Kapitaleinsatz verfügbar zu machen. Der Aufgabe lagen große Unterschiede und ein enormer Entwicklungsaufwand zugrunde, damit die Technologie kommerziell nutzbar wurde. Mittlerweile wurden 14 neue hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Die derzeitige Geschäftsplanung rechnet in 2017 mit circa 20 Mitarbeitern.

Ein besonderes integrales Element des Produktes ist der Tierschutzaspekt. Die Standard­methode benötigt zur Herstellung der meisten weltweit genutzten Antikörper Versuchstiere, insbesondere Mäuse und Kaninchen – weltweit bis zu 500 000 Tiere jährlich. Die Technologie der Yumab könnte diese Verwendung von Tieren auf null reduzieren. Braunschweig ist bereits als eines der führenden Zentren dieser Tierversuchsersatzmethode weltweit bekannt.

Der Jury-Vorsitzende Professor Werner Gramm skizzierte den Lebensweg der vier Forscher und stellte den Transfer in die Wirtschaft vor. Die Festansprache hielt Professor Gerd Müller-Lorenz. Der selbstständige Dirigent sprach zum Thema »Führung durch Resonanz«.

(Bitte beachten Sie zu diesem Bericht auch unseren Standpunkt.)

Dokumentation zur Verleihung des Technologietransferpreises der IHK Braunschweig am 04.11.2016

 

Führung durch Resonanz

Kaum etwas ist bereichernder, interessanter, aber auch komplexer und herausfordernder als das menschliche Miteinander in Arbeitswelten wie Firmen, Unternehmen und Orchestern. Wann immer Menschen gemeinsam an einer Sache arbeiten, tauchen unweigerlich Fragen zu ­Hierarchie, Struktur, Zielsetzung, Aufgabenteilung, Interessenausgleich, Effektivität, ­Kreativität und Motivation auf. Im Zusammenwirken eines Dirigenten mit seinem Orchester und der ­Musiker untereinander zeigen sich diese Aspekte gemeinschaftlichen Handelns in einer besonderen Deutlichkeit und Klarheit. Darauf machte in der Festansprache zur Verleihung des Technologietransferpreises der selbstständige Dirigent Professor Gerd Müller-Lorenz aufmerksam.

Das Orchester besteht aus vielen verschiedenen Gruppen, Einzelspielern und Solisten. Sie folgen nicht dem Wettbewerbsgedanken, indem jeder etwa versucht, den Anderen hinsichtlich Tempo oder Lautstärke zu übertreffen. Vielmehr stehen alle über Auge und Ohr in engem Kontakt. Es gilt wahrzunehmen, was »der Andere« tut und darauf zu reagieren. Zugrunde liegt das Prinzip der Kooperation: das Wichtigste ist immer der Andere! Für den Dirigenten oder die Führungskraft bedeutet das, sich nicht bei jedem Detail einzumischen und auf diese Weise bereits organisch funktionierende Vorgänge und Arbeits­abläufe zu unterbrechen bzw. zu stören. Er hat die zentrale Führungsposition inne und gleichzeitig die Aufgabe, wohl abgewogen zu entscheiden, wo er aktiv eingreift, gestaltet, Impulse setzt, und wo er der Professionalität der Kollegen und dem damit zusammenhängenden internen Prozess vertraut und besser einen großen Schritt zurücktritt. Nicht alles kann, muss und darf dirigiert werden!

Was macht nun einen besonders guten Dirigenten aus? Dirigieren leitet sich sowohl vom Lateinischen »dirigere« ab und bedeutet »lenken« als auch vom Lateinischen »conducere«, dem »zusammenführen«. Die beiden Wörter machen einen gravierenden Unterschied in der Perspektive auf das Führungsverhalten deutlich: streng hierarchisch zum einen und kooperativ auf Augenhöhe zum anderen. Der italienische Dirigent Claudio Abbado zum Beispiel integriert sich bewusst in sein Orchester und erzeugt auf diese Weise ein Zusammengehörigkeits­gefühl. Er spricht von »wir Musiker« statt »das Orchester« und er gesteht sich selbst ein, dass er nicht allein auf der Bühne sein kann. Hier wird besonders das kooperative Prinzip erkennbar. Das Wichtigste ist immer der Andere und der Applaus kommt als Wertschätzung nur allen gemeinsam zugute. Eine steil hierarchische Form der Orchesterführung ist demgegenüber vollkommen chancenlos. Das gleiche gilt für eine solche Unternehmensführung!

»Nonverbale ­Sprache ist viel weniger ­missverständlich«

Außerdem kommuniziert ein guter Dirigent weitgehend nonverbal. Als nonverbale Ausdrucksmittel stehen Auge, Gesicht, Körpersprache und -haltung sowie die sogenannte Schlagtechnik zur Verfügung. Sie verdeutlicht Takt, Tempo, Rhythmus und Dynamik und wird mittels Mimik und Gestik wiedergegeben. Wirkung entfaltet sie nur über die eigene Person oder besser Persönlichkeit. Nonverbale Sprache verstehen alle Menschen unmittelbar, ob Musiker oder nicht. Sie ist – anders als die gesprochene Sprache – viel weniger missverständlich. Der Körper spricht, ob es recht ist oder nicht. Körpersprache kann im Sinne eines Resonanzphänomens große Wirkung auf Menschen entfalten, wie es am Beispiel begeisterter und lachender Kinder besonders eindrucksvoll erlebbar ist. Diesen Zusammenhang machen sich gute Dirigenten nutzbar, um Musiker und Publikum zu gewinnen und zu begeistern. Für gute Führungskräfte gilt dies ebenfalls im Umgang mit Kollegen, ihrem Team und ihren Kunden!

Als Musterbeispiel eines guten Dirigenten zeigte Professor Gerd Müller-Lorenz Leonard Bernstein, der es verstand, allein mit der Gesichts-Mimik zu dirigieren.

Dokumentation zur Verleihung des Technologietransferpreises der IHK Braunschweig am 04.11.2016

Bild ganz oben: Nach der Preisverleihung (von links): Dr. Thomas Schirrmann, Professor Michael Hust, IHK-Präsident Helmut Streiff, Dr. André Frenzel und Professor Stefan Dübel.

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