Unsere Partner
Streiff: »Den Brexit sehe ich ­kritischer als die Herausforderung durch Trump« Montag, 30 Januar 2017 13:51 Foto: Jörg Scheibe/Frank Bierstedt

Streiff: »Den Brexit sehe ich ­kritischer als die Herausforderung durch Trump«

Zurückhaltend optimistisch schätzt IHK-Präsident Helmut Streiff die Chancen der deutschen Unternehmen in den USA unter dem neuem Präsidenten Donald Trump ein. Der Abschied Großbritan­niens aus dem europäischen Binnenmarkt sei dagegen wesentlich kritischer zu sehen, da er mit vielen Unwägbarkeiten verbunden sei, »zumal auch die politische Großwetterlage in Frankreich und Italien nicht ungetrübt ist.« Die EU stehe vor ihrer stärksten Herausforderung. »Die Idee des europäischen Wirtschaftsraumes ist die wesentliche Errungenschaft des letzten Jahrhunderts. Das Schicksal der EU sollte uns nicht gleichgültig sein«, sagte Streiff am 17. Januar vor 600 Gästen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik beim IHK-Neujahrsempfang in der Goslarer Kaiserpfalz. Ministerpräsident Stephan Weil sprach anschließend über die zwei großen D’s: Digitalisierung und Demografie.

Ebenso wie die Idee eines politisch vereinten Europa erodiert, geschieht dies nach den Worten Streiffs leider auch auf dem Bildungssektor. Der sogenannte Bologna-Prozess mit den Universitätsabschlüssen Bachelor und Master habe die damit verbundenen Ziele weit verfehlt – auch das Ziel eines Auslandssemesters mit der Förderung des EU-weiten Austausches. Streiff: »Die Realität sieht heute bei dem verschulten Bachelor- und Masterstudium leider völlig anders aus.« Der überwiegenden Mehrzahl der Studenten fehle schlicht die Zeit für ein Auslandssemester. Er bedaure es nachdrücklich, dass der deutsche Markenartikel »Diplom-­Ingenieur« leichtfertig geopfert worden sei.

Darüber hinaus plädierte der IHK-Präsident mit Blick auf die Forschungs- und Wirtschaftsschwerpunkte der Region für die Bezeichnung »Ingenieurregion«. Er sei beunruhigt, dass aufgrund einer aktuellen Studie nur 15,3 Prozent aller Schüler in Deutschland sich mit 30 Jahren in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf sehen. Dies sei der vorletzte Platz vor Dänemark, aber weit hinter Mexiko (40,7 Prozent), Brasilien (38,8) und den USA (38,0).

Neben den Themen »Wirtschaft 4.0« und »Autonomes Fahren« ging Streiff im Besonderen auf die E-Mobilität ein und erneuerte seinen Appell, neben der Batterieforschung in Braunschweig und Goslar auch die Fertigung von Batteriezellen der nächsten technischen Generation ins Auge zu fassen. Er freue sich über den Ansatz von Volkswagen, hier mit einer Pilotstudie zu starten. Da die Batteriezellproduktion außerordentlich energieintensiv sei, forderte der IHK-Präsident die Politik dazu auf, nach Möglichkeiten zu suchen, stromintensive Industrien in Deutschland von Sonderlasten zu befreien. (Siehe dazu auch den Standpunkt.)

»Weil zu Digitalisierung und Demografie«

Ministerpräsident Stephan Weil nannte in seiner kompakten Rede »die zwei großen D‘s« als besondere Herausforderungen der nächsten Jahre: Digitalisierung und Demografie. »Wir erleben eine Revolution. Das iPhone ist gerade zehn Jahre alt geworden. Was haben die Smartphones unser Leben beeinflusst. Es gab keine technische Innovation, die unser Leben in einer solchen Breite und mit einer solch hohen Geschwindigkeit verändert hat.« Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen gebe es indes viele Fragezeichen beim digitalen Wandel. Wie geht man damit um? Wirtschaftsminister Olaf Lies arbeite deshalb intensiv am Aufbau einer Beratungsstruktur, berichtete Weil. »Das Zentrum wird in Hannover sein, aber die Beratung wird ausgerollt über das ganze Land. Wir bieten Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln, aus denen man Lehren für das eigene Unternehmen ableiten kann. Wichtig dabei: Die Beratungsangebote sind nicht von Bürokraten erdacht worden, sondern von Praktikern.« Erklärtes Ziel sei, dass Niedersachsen bei der Digitalisierung im Bundesvergleich an der Spitze stehen wird. »Mit dem Breitbandausbau kommen wir aktuell bereits gut voran.«

Beim demografischen Wandel liegt dem Ministerpräsidenten neben familienfreundlichen Maßnahmen vor allem ein Thema am Herzen, machte er deutlich: die Integration junger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. »Bis jetzt sind noch nicht viele Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Ohne deutsche Sprache wird man kaum Chancen haben, Fuß zu fassen. Deswegen sind derzeit tausende Menschen in Sprachfördermaßnahmen. Die werden im Lauf des Jahres auslaufen. Dann kommt es darauf an, dass wir die jungen Männer nicht sich selbst überlassen. Wir müssen sie möglichst schnell in den Arbeitsprozess integrieren. Dafür arbeiten wir mit der Arbeitsverwaltung und den Kommunen an einem effizienten System, das auf regionaler Basis funktionieren kann.« Er bat die Gäste darum, Chancen zu geben – »auch in dem Bewusstsein, dass es nicht leicht wird und dass man in dem ein oder anderen Fall eine Pleite erlebt. Aber in den Fällen, in denen es klappt, integriert man gut ausgebildete Arbeitnehmer, an denen man hoffentlich noch viele Jahre seine Freude haben wird.«

»So stark war ­Niedersachsen noch nie«

In der Rückschau auf 2016 hob Stephan Weil die positiven Nachrichten in Niedersachsen hervor: »ein anständiges Wachstum, Beschäftigung auf Rekordniveau, eine so niedrige Arbeitslosigkeit wie seit 25 Jahren nicht mehr, steigende Bevölkerung und höhere Geburtenzahlen«. Seine Bilanz: »So stark wie heute war Niedersachsen noch nie – auch mit Blick auf unsere Sanierung des Landeshaushaltes. Seit es Niedersachsen gibt, gab es noch keinen Landeshaushalt ohne neue Schulden. Den haben wir nun für 2017 und 2018 beschlossen. Die schwarze Null wurde sogar schon im Haushaltsjahr 2016 erreicht. Das ist ein Fortschritt, den ich vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Konkret gesagt: Es gibt eine Schuldenuhr vom Bund deutscher Steuerzahler. Die wird für Niedersachsen um 480 Millionen Euro zurückzudrehen sein, weil man sie vor der Zeit hochgedreht hat. Auf das Ereignis freue ich mich schon.« Die Entwicklung gebe dem Land Handlungsfähigkeit. »Aus einer Position der Stärke heraus ist es leichter, große Herausforderungen anzugehen.«

»… und zum Ausbau der Infrastruktur«

Auch der Ausbau der Infrastruktur sei auf einem guten Weg. »2016 kam der Durchbruch bei der A 39. Die Landesregierung wird intensiv daran arbeiten, dieses Riesenprojekt so zügig wie möglich zu realisieren.« Zudem wurden die ­Voraussetzungen für die Realisierung der Weddeler Schleife geschaffen. »Das ist gut für die gesamte Region.«

»Weil: VW steht vor zwei Herausforderungen«

Am ausführlichsten sprach Stephan Weil über Volkswagen. »Olaf Lies und ich hatten in den letzten eineinviertel Jahren Gelegenheit, vertiefte Erfahrungen zu machen. Wir haben uns nicht gewünscht, alle zu machen«, kommentierte er. Und ergänzte: »Man muss nüchtern feststellen, dass nicht absehbar ist, wann das letzte Dieselgate-Verfahren abgeschlossen sein wird. Und es ist nicht auszuschließen, dass bis dahin immer mal wieder ungute Nachrichten die Runde machen. Aber 2016 ist es gelungen, bei der Aufarbeitung der schweren Fehler große Fortschritte zu erzielen.« Er sei sicher, »dass Volkswagen dieses sehr unselige, unrühmliche Kapitel seiner Unternehmensgeschichte bewältigen wird. Volkswagen hat eine starke wirtschaftliche Substanz, wird sich seiner Verantwortung stellen und kann auch in Zukunft seine entscheidende Aufgabe für die Region fortführen.«

»Die Region wird zum ­Zentrum der IT-Aktivitäten von VW«

Entscheidend sei nun, den grundlegenden technischen Wandel durch Elektrifizierung und Digitalisierung zu gestalten. »Auch in dieser Hinsicht habe ich 2016 als markanten Fortschritt empfunden. Mit dem von Vorstand und Betriebsrat vereinbarten Zukunftspakt sind die Ziele definiert worden.« Damit verbunden sei indes ein Rückgang der Industriearbeitsplätze in nicht geringer Zahl. »Man kann sich vorstellen, dass eine Landesregierung reiflich überlegt, ob sie einen solchen Kurs mitträgt. Aber wir wissen, dass jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Auf dieser Grundlage wird die Zukunft gut sein. Wir reden nicht nur über einen Abbau von Arbeitsplätzen und Kapazitäten, sondern vor allem auch über einen Aufbau von zukunftsfähigen Strukturen. Die Region wird zum Zentrum der IT-Aktivitäten des weltgrößten Automobilkonzerns. Das ist eine enorme Chance. Das gilt auch für die enormen Anstrengungen bei der Digitalisierung und dem autonomen Fahren. Für all das wird Niedersachsen das Zentrum der Volkswagen-Aktivitäten sein.«

»Stöbich dankt den ­Sponsoren«

Ausgerichtet haben den Neujahrsempfang eine Reihe von überwiegend Harzer Unternehmen, darunter als einer der Hauptsponsoren neben der Tessner Holding KG und der Sympatec GmbH Dr. Jochen Stöbich. Der IHK-Vizepräsident, der in Goslar ein Brandschutzunternehmen betreibt, dankte darüber hinaus für ihr Sponsoring: Rockwood Lithium GmbH, Med-X-Press e. K., Harzer Kartonagenfabrik Fritz Nickel GmbH & Co. KG, Wilhelm List Nachfolger GmbH & Co. KG, Sparkasse Goslar/Harz, Clavey Automobil Dienstleistungs GmbH & Co. KG, Deutsche Bank, IDL Crack Europe GmbH, Kloster Wöltingerode Brennen & Brauen GmbH, Junicke & Co. und der Stadt Goslar.

Bitte beachten Sie auch unser Bild des Monats.

Bild ganz oben: Hoher Besuch in der Goslarer Kaiserpfalz (v. l.): Der Goslarer Unternehmer Dr. Jochen Stöbich, Wirtschaftsminister Olaf Lies, Wissenschafts­ministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajic, Ministerpräsident Stephan Weil, IHK-Präsident Helmut Streiff und der Clausthaler Unternehmer Dr. Stephan Röthele.

geschrieben von  wo