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Schmidt-Kupplung: In Europa 90 ­Prozent Marktanteil Dienstag, 28 März 2017 10:40 Foto: Frank Bierstedt

Schmidt-Kupplung: In Europa 90 ­Prozent Marktanteil

Im Vorgespräch erzählt Geschäftsführer Ulrich Bosse von einem Anruf: »Gerade heute hat jemand ein Ersatzteil bestellt. Die Schmidt-Kupplung wurde 1977 eingebaut.« »Und schon kaputt?«, fragt der geschäftsführende Gesellschafter Walter Haarmann verwundert. Ein Dialog, der die Langlebigkeit des Produktes verdeutlicht. Die Schmidt-Kupplung, die in Wolfenbüttel montiert und ­vertrieben wird, ist weltweit bekannt. Der Exportanteil der Schmidt-Kupplung GmbH liegt bei über 40 Prozent, mit Fokus auf Europa. Entstanden ist das Produkt einst im Rahmen der amerikanischen Raketen- und Weltraumforschung der berühmten Gruppe um ­Wernher von Braun. Im Interview berichten die Geschäftsführer über den Weg zum Hidden Champion, über Inspiration durch Kundenprobleme und den geplanten Markteinstieg in den USA.



wirtschaft: In welche Produkte wird die Schmidt-Kupplung eingesetzt?

Haarmann: Zum Beispiel in Maschinen für Holzverarbeitung, Verpackung, Blechbearbeitung oder Druck. In allen Maschinen, die mit Walzen zu tun haben. Ein klassischer Anwendungs­bereich ist auch die Bearbeitung von Füllmaterial, etwa von Windeln, Taschentüchern oder Damenbinden. Die Schmidt-Kupplung ermöglicht zum Beispiel, dass bei zwei Walzen die obere höhenverstellbar ist. Mit ihr kann man dann drucken, beschichten, prägen, schneiden oder glätten.

»11 000 verschiedene ­Artikel«

Haarmann: Die Schmidt-Kupplung ist verschiebbar und beweglich – und sie bringt 75 Prozent Platzersparnis. Das ist manchmal auch ein Argument, warum sie gekauft wird. Sie bringt, verglichen mit einer langen Gelenkwelle, Platz in Räumlichkeiten.

wirtschaft: Wie viele Variationen gibt es?

Haarmann: Theoretisch unendlich viele. Zurzeit haben wir 11 000 verschiedene Artikel. Pro Jahr verkaufen wir rund 3000 Schmidt-Kupplungen. Zum Umsatz, rund vier Millionen Euro, trägt das ursprüngliche Kernprodukt aber nur noch rund ein Viertel bei. Wir bieten heute fünf Produktlinien an – alles Kupplungen.

Haarmann: Neue Impulse auf dem Markt fließen permanent in Weiterentwicklungen ein. Durch zwei, drei kundenspezifische Anforderungen entwickelt sich ein Produkt. Man beginnt mit ein, zwei Größen, und dann entwickelt sich das. Ein anderes Herstellungsverfahren ebnete uns zum Beispiel den Weg in einen völlig anderen Bereich der Technik: vom klassischen Maschinenbau zur Sensorik. An den mechanischen Komponenten der Baureihe Controlflex sind Messwertaufnehmer, Sensoren und Drehgeber.

wirtschaft: In welche Länder exportieren Sie?

»Wird der Nichtangriffs­pakt ad acta gelegt?«

Bosse: Priorität hat Europa. Innerhalb Europas liegen die Schweiz und Italien mit deutlichem Abstand vorn. Unser Marktanteil in Europa beträgt heute rund 90 Prozent. Es gibt kaum Wettbewerber. Die USA hingegen waren bislang kein großes Thema. Als es dort noch keinen Markt für unsere Produkte gab, haben wir mit einem Anbieter ein Gentlemen‘s Agreement getroffen. Das Unternehmen baut unsere Produkte in ähnlicher Konfiguration. Inzwischen überlegen wir aber, den vor Jahrzehnten mündlich geschlossenen Nichtangriffspakt ad acta zu legen. Wir beschäftigen uns damit, wie der Markteintritt gestaltet werden könnte. Die Möglichkeiten in den USA sind wesentlich besser als im asiatischen Raum.

wirtschaft: Was macht das Geschäft in Asien schwierig?

»China ist für uns kein Markt der Zukunft«

Bosse: Der Draht zum Kunden. Man muss präsent sein, mindestens einmal pro Quartal. Sonst kann es sein, dass Sie plötzlich vor verschlossenen Türen stehen. Ich bin ein- bis zweimal pro Jahr in China. Da erkenne ich eine Region oft nicht wieder. Neue Leute sind da, neue Firmen. Es ist erschreckend. Wichtig ist auch, dass Sie die eigenen Leute führen und kontrollieren. Sieht jemand, dass etwas erfolgreich ist, macht er es nach oder wirbt Mitarbeiter ab. Wir haben begonnen, Mitarbeiter auszubilden. Aber wenn man einige Male auf die Nase gefallen ist, wird man vorsichtig. Bei unseren Produkten ist die Kommunikation extrem wichtig, um Lösungen zu finden.

Wir arbeiten mit Leuten in China zusammen, aber wir haben nicht die Erwartung, dass das der Markt der Zukunft ist. Letztlich sind unsere Produkte dort auch Nischenprodukte. In Deutschland produziert und entwickelt, haben sie ihren Preis, ein gewisses Kosten­niveau. In China werden sie allerdings nur in Maschinen eingesetzt, die dann nach Europa und in die USA verkauft werden. Der Export ist nur möglich, wenn Markenprodukte enthalten sind. Für den Heimatmarkt kann hingegen ein chinesisches Getriebe angebaut werden. Auf Messen in China können Sie sehen, für welchen Markt eine Maschine gedacht ist, allein von der optischen Verarbeitung her. Kurzum: Das Vertrauensverhältnis ist nicht da, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht, und der Markt für unsere Produkte wächst nicht.

wirtschaft: In welchen Maschinen werden die Kupplungen in Asien eingesetzt?

»Das Zucker-in-Tüten-­Beispiel«

Bosse: Vor allem in Abfüllmaschinen. Die Unterschiede erkläre ich gern an einer Maschine zum Verpacken von Zucker in Tüten. Mal angenommen, da gäbe es 500 Hersteller weltweit. Von denen können vielleicht 200 sicherstellen, dass mindestens 1000 Gramm, aber nicht mehr als 1001 Gramm in die Tüte kommen. Und nur 10 können die exakte Füllmenge sicherstellen und eine Geschwindigkeit von 20 verpackten Tüten pro Sekunde garantieren. Nur die sind für uns Ansprechpartner.

wirtschaft: Wie sieht Ihre Zukunftsstrategie aus?

Bosse: Ein Thema ist der geplante Markteintritt in den USA. Ein anderes haben wir schon vor 20 Jahren in Angriff genommen. Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden auch Bedarf an Antriebskomponenten haben, die wir nicht anbieten. Es macht keinen Sinn, sie selbst zu produzieren, aber wir verkaufen sie nun mit.

In den 1990er-Jahren haben wir überlegt: Nehmen wir Handelsware ins Portfolio auf? Oder gründen wir ein neues Unternehmen? So entstand die Orbit Antriebstechnik GmbH, die ihren Geschäftssitz ebenfalls in Wolfenbüttel hat. Wir vertreiben in Deutschland, Österreich und der Schweiz Komponenten aus den USA und Südkorea. Das sind Kupplungen, über die wir sagen: Die sind so gut, die könnten von uns sein. Nachbauen möchten wir sie aber nicht. Die Entscheidung war gut. Etwas breiter aufgestellt zu sein, das entwickelt sich deutlich positiv. Wir schauen uns die Probleme unserer Kunden an und bieten Lösungen dafür. Der Jahresumsatz der Schwester liegt aktuell bei rund 1,3 Millionen Euro.

»Die Digitalisierung ist eine gewisse Gefahr«

wirtschaft: Ist die Digitalisierung für Sie ein Thema?

Haarmann: Abgesehen von der Komponente, die Elektronik und Mechanik verbindet, nicht. Man muss sagen: Die Digitalisierung stört uns schon. Heute wird manches digital gelöst, das wir gern mit einer Kupplung gemacht hätten. Manches kann unser Produkt ersetzen.

wirtschaft: Ist Schmidt-Kupplung in diesem Jahr auf der Hannover Messe vertreten?

Bosse: Das ist ein Reizthema. Normalerweise sind wir alle zwei Jahre dort. In diesem Jahr wären wir wieder dran. Aber wir werden mit dieser Tradition erstmals brechen. Früher war die Hannover Messe eine internationale Messe in Deutschland für Deutschland – die einzige Möglichkeit, um zu sehen, was es Neues gibt.

»Kritische Töne zur ­Hannover Messe«

Der Anteil der Konstrukteure und Kunden war sehr hoch. Man hat über Projekte gesprochen. Das hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Die Messe ist sehr imagelastig geworden. Man ist dort, um sich zu präsentieren. Unsere Hauptkundschaft sitzt in Süddeutschland, in Baden-Württemberg und Bayern. Die ist nicht mehr bereit, Mitarbeiter zur Hannover Messe zu schicken. Der Aufwand ist zu groß. Wir werden dort sein, aber wir stellen nicht mehr aus. Wir gehen auf die SPS IPC in Nürnberg und waren gerade auf der italienischen MECSPE in Parma und auf der Automaticon in Warschau. Das sind kleinere fachspezifische Messen.

»Mit Wernher von Braun in der Raketenforschung ­gearbeitet«

wirtschaft: Zum Schluss noch ein Blick zurück: auf Wernher von Braun und die Entstehung der Schmidt-Kupplung.

Haarmann: 1957, ich war 32 Jahre alt und Maschinenbau-Ingenieur, hatte mich ein Studien­freund animiert, mit in die USA zu kommen. Er war wie ich Jagdflieger und sehr an der Arbeit von Wernher von Braun interessiert. Der arbeitete zu dieser Zeit bereits bei der Army Ballistic Missile Agency. Mein Studienfreund wurde eingeladen. Am Kriegsende waren Wissenschaftler aus den Laboren von Peenemünde in die USA gebracht worden. Sie sollten dort neue Weltraumgeräte entwickeln. Wir gehörten bald zu den 200 deutschen Familien, die in Huntsville/Alabama in der Raketenforschung arbeiteten. Ich war in einer Gruppe, die viel mit Wernher von Braun zu tun hatte. Wir haben die ersten Teile des Raketentyps gebaut, der später für den Flug zum Mond verwendet wurde. In der Gruppe war auch Richard Schmidt, der auf dem Gebiet der Satellitenantriebe forschte. Die Schmidt-Kupplung entstand quasi als Nebenprodukt. Sie wurde für das System nicht benötigt. So bekam er das Patent frei. Wir trafen uns in Norddeutschland wieder. 1965 gründeten wir unsere Firma.

»Wir haben uns auch menschlich kennengelernt«

wirtschaft: Wie haben Sie Wernher von Braun erlebt?

Haarmann: Er war ein Mann, der mit allen gut reden und umgehen konnte. Und er konnte sich gut verkaufen. Was er sagte, galt überall. Wir haben uns auch menschlich kennengelernt. Das wurde durch Einladungen ermöglicht, bei denen unsere Frauen dabei waren. Meine Frau hat ihn dann mal in der Stadt getroffen. Sie sagte geradeheraus, sie hätte eine Idee, ob sie ihn mal einladen dürfe. Sie ist sehr keck in dieser Beziehung. Er sagte tatsächlich zu. Er sagte: Ich komme gern. Wissen Sie was? Uns lädt hier keiner ein.




Persönliche Fragen an Ulrich Bosse und Walter Haarmann

Wie sieht Ihre private Welt aus?

Ulrich Bosse: Ich lebe in Wolfenbüttel, bin verheiratet und habe eine Tochter und einen Sohn, 25 und 20 Jahre alt. Inzwischen sind beide aus dem Haus. Meine Frau arbeitet als Ärztin in Wolfenbüttel. Das Familienleben ist mir sehr wichtig. Wir verbringen viel Zeit zusammen. Ansonsten spiele ich gern ­Tennis – schlecht, aber leidenschaftlich. Und ich bin Oldtimeraffin. Etwas mit den Händen zu machen, das ist für mich der Reiz daran. Mechanik ist mein Ding. Heute sieht man in Autos oft einen schwarzen Kasten, aus dem ein Kabel rein- und rausgeht. Die Computertechnik fasziniert mich nicht. Bei einem alten Auto hingegen bewegt sich etwas, es klickt und klackt. Ich fahre auch selbst einen Oldtimer.

Walter Haarmann: Ich werde im Mai 92 Jahre alt. Da bleibt natürlich nicht mehr alles so im Kopf wie früher. Aber ich bin ganz zufrieden, dass der Ofen noch läuft. So viele Freunde haben leider das Leben aufgegeben. Ich interessiere mich für die große Politik und für Probleme im näheren Umfeld. Das ist eigentlich mein Hobby. Ich gehöre noch zu denen, die die Klappe aufmachen. Bei Bedarf bin ich sehr deutlich. Einiges lässt sich ja auch durch kleine Zuschüsse bewegen. Verheiratet bin ich nun seit 60 Jahren. Ich habe zwei Töchter und sechs Enkel. Meine Frau und ich leben seit 50 Jahren in Wolfenbüttel. Die Stadt bietet wirklich alles, was man sich wünscht. Wir können schön spazieren gehen, mit wenig Aufwand überall einkaufen, die Stadt ist überschaubar, und es gibt nette Leute hier. Ich freue mich jeden Tag von Neuem darüber.

Bild oben: Walter Haarmann, der im Mai 92 wird, und Ulrich Bosse (57).
geschrieben von  wo