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Aus dem Bastelkeller in die ganze Welt Freitag, 07 Juli 2017 10:35 Foto: André Pause

Aus dem Bastelkeller in die ganze Welt

Als Dietmar Wendt vor 25 Jahren im Keller seines Privathauses die Wentronic GmbH gründete, war nicht abzusehen, in welche Dimensionen das Unternehmen einmal vorstoßen würde. Der ursprünglich kleine aber feine Großhändler für Elektronikbauteile hat sich zu einem prosperierenden mittelständischen Familienunternehmen entwickelt. 200 Mitarbeiter sind Stand jetzt am Braunschweiger Hauptsitz des mittlerweile global tätigen Distributors für Consumer Elektronik beschäftigt. Mit etwa 48 Millionen Euro Jahresumsatz rechnen die Brüder Michael und Marcus Wendt, die seit 2003 zu ihrem Vater in die Geschäftsführung aufgerückt sind und heute als zweite Generation in der betrieblichen Verantwortung stehen, für das laufende Geschäftsjahr. Während des Gespräches im betriebseigenen Restaurant dringt die Stimme des britischen Sängers Morrissey aus den Lautsprechern: »The More You Ignore Me, The Closer I Get«.


wirtschaft: Ausgesprochen gute Musik spielen Sie hier beim Essen. Ein toller Song ...

Michael Wendt: Das erinnert mich an meine Diskothekenzeit im »Jolly Joker«. Ich bin überhaupt ein absoluter Musikfan. Heute Abend geht es zu Coldplay nach Hannover, da freue ich mich schon drauf.

wirtschaft: Sie wirken bei diesem Thema sehr enthusiastisch.

»Wir sind dem Wesen nach unterschiedlich«

Marcus Wendt: Das ist generell ein Vorteil, dass wir dem Wesen nach so unterschiedlich sind. In der Summe ergänzt sich das sehr gut. Mein Bruder ist extrem begeisterungsfähig. Für mich, der eher analytischer aber auch vorsichtiger an die Dinge herangeht, ist das manchmal ein bisschen schwierig zu verstehen. Allerdings ist das umgekehrt wahrscheinlich auch so, weil er mit mir so einen Bedenkenträger-Klotz hinten hängen hat. (lacht)

wirtschaft: Sie führen die Geschäfte von ­Wentronic zu zweit?

Michael Wendt: Wir sind zu dritt. Den wesentlichen Teil teilen wir uns, unser Vater steht als Berater aber immer noch zur Verfügung.

wirtschaft: Die Unternehmensnachfolge ist in vielen Fällen ein Knackpunkt. Bei Ihnen läuft es quasi geräuschlos. War es für Sie immer klar, dass Sie dem Ruf Ihres Vaters folgen würden?

Marcus Wendt: Tendenziell hat sich das so ergeben. Direkt nach meiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Firma Perschmann war ich arbeitssuchend. Unser Vater hatte gerade ein Jahr zuvor gegründet und sagte: zuhause rumsitzen gibt es nicht. Ich habe mich dann im Lager um den Wareneingang und Warenausgang gekümmert, kommissioniert. Danach hat sich alles immer weiter entwickelt.

Michael Wendt: Ich bin ebenfalls Kaufmann im Groß- und Außenhandel, wollte das im Gegensatz zu meinem Bruder aber immer schon machen. Ich hatte früh erkannt, dass ich Interesse und Talent beim Thema Vertrieb und Marketing habe. Nach der Bundeswehr, die damals noch verpflichtend war, habe ich meine ersten Meter im Computergroßhandel bei Frank und Walter gemacht. Im Anschluss an diese recht erfolgreichen vier Jahre bin ich 1994 bei Wentronic eingestiegen. Hier habe ich mich im Wesentlichen als einziger sofort dem Vertrieb gewidmet, habe neue Leute eingestellt und den Bereich sukzessive entwickelt. Heute arbeiten in dieser Abteilung knapp 40 Mitarbeiter.

wirtschaft: Stand die Aufgabenteilung »Vertrieb, Marketing, Personal« auf der einen Seite und »Einkauf, Finanzen, Logistik« auf der anderen Seite von Beginn an fest?

Michael Wendt: Ich habe meinem Vater damals gesagt, dass meine Stärken ganz klar im Vertrieb liegen. Und ich habe ihm gesagt, dass es keinen Sinn macht – egal wie klein wir sind – dass ich mich mit Dingen beschäftige, die uns nicht maximalen Erfolg bringen. Als ich mich schließlich noch um die Themen Marketing und Personalwesen kümmern wollte, hat er gesagt: Das sind doch nur Kosten! (lacht) Dazu muss man sagen: Damals hat mein Vater den Katalog noch selbst »geschnitzt«, mit Schere und Lineal, hat Papierschnipsel aufgeklebt und als Grundlage für die Kataloggestaltung unserem Drucker gegeben. Das war die Firma Maul-Druck. Die haben uns daraus echt einen ansehnlichen Katalog geschneidert, den wir unseren Kunden in ganz Deutschland zusenden konnten. Ob die Aufgabenteilung damit feststand? Ich glaube schon. Wir hatten von Anfang an das Ziel, die Firma eines Tages von unserem Vater zu übernehmen.

»Menschlich, persönlich und verbindlich«

wirtschaft: Was nehmen Sie für sich von Ihrem Vater im unternehmerischen Sinne mit?

Michael Wendt: Unser Vater hat sich verhältnismäßig spät, im Alter von 49 Jahren, selbstständig gemacht. Das muss man ja auch erst mal wollen. Wir hatten immer schon ein extremes Vertrauen in seine Person, was seinen Leistungswillen und seine Leistungsfähigkeit anging. Er hat immer schon sehr viel gearbeitet, war immer ein Voll­blutunternehmer. Von daher haben wir unsere Zukunft an seiner Seite gesehen, wollten von ihm lernen. Das hat hier und da sehr gut, in anderen Fällen nicht so gut geklappt. Er war vielleicht nie der beste Lehrer, verfügte aber über einen natürlichen Instinkt, wie Geschäfte in allen Facetten – auf Lieferanten- wie auf ­Kunden- oder Dienstleisterseite – zu funktionieren haben. Das war sehr menschlich, persönlich und verbindlich. Gemäß unserer Firmenphilosophie war es außerdem immer wichtig, dass beide Geschäftspartner zufrieden sind. Das ist wohl das Wesentlichste, was wir von ihm mitgenommen haben.

wirtschaft: In welchen Punkten unterscheiden Sie sich von ihm?

Michael Wendt: Unser Vater hat eine absolute »Hands-on-Mentalität«. Es gibt so viele schöne Sätze, die man hier zitieren könnte. Das sind Sätze wie: Macht ihr mal eure Planung, ich fange schon mal an. Stoßt einfach dazu, wenn ihr soweit seid. Das war der Klassiker, wenn wir zu bedenken gegeben haben, eine Sache doch erst mal richtig durchplanen zu müssen, bevor wir blind drauflos laufen und jede Menge Energie, Zeit und Ressourcen verbrennen. Irgendwann wurde er immer ungeduldig.

Nach dem Motto: Bevor ich das lang und breit erkläre, mache ich es lieber selbst. Das passt wahrscheinlich perfekt zu dieser Generation, die das in der Nachkriegszeit einfach so gelöst hat. Wir sind diesbezüglich schon ein klein wenig moderner. Manchmal hinterfrage ich das aber auch. Ist das wirklich besser? Letztlich wissen wir schon, dass wir unserem Vater zu allergrößtem Dank verpflichtet sind, dass er diesen Schritt gewagt und uns die Möglichkeit gegeben hat, in das Unternehmen hineinwachsen zu können. Wir haben das ja im Grunde von Tag eins an maßgeblich mitgestaltet und unsere Verantwortung übernommen – und tragen das jetzt seit sechs Jahren, 2011 haben wir die Anteile übernommen, so weiter.

wirtschaft: Was hat der Vater umgekehrt von Ihnen gelernt?

Michael Wendt: Das ist schwer zu beantworten. Wir wissen, dass er stolz und mit unserer Entwicklung sehr zufrieden ist. Aber es war auch ein steiniger Weg dorthin, wir haben uns manches Mal ganz schön in die Haare gekriegt. So schön, wie es ist, in der Familie zusammenzuarbeiten, alles gemeinsam innerhalb und für die Familie zu tun, genauso groß ist auch die Herausforderung, weil man innerhalb der Familie eben auch Dinge sagt, die man einem Dritten so nicht sagen würde. Da begegnet man einander mit mehr Distanz.

»Innerhalb der Familie sagt man Dinge, die man einem Dritten nicht sagen würde«

wirtschaft: Also gab es schon Konflikt­potenzial?

Marcus Wendt: Pauschal kann man wohl sagen, der Weg ist das Ziel. Es ist halt blöd, wenn es zwei Wege gibt …

Michael Wendt: Es sind die normalen Generationskonflikte. Das ist natürlich auch bei uns nicht so leicht gewesen. Wir haben das sogar selbst als sehr schwierig empfunden – der Vater, wir aber auch. Ich habe ihn 1994 gefragt: Wo wollen wir denn mal hin? Da sagte er: Zwölf Leute, vielleicht 15. Größer sollten wir nicht werden, das wäre dann ein enges Team, da macht jeder alles und man hat ein gegenseitiges Verständnis. Da sitzt Du zusammen und schmiedest am Freitagabend bei einem Bierchen Pläne für die nächste Woche und dann geht es Montagmorgen gleich volle Kanne los. Da haben Marcus und ich uns angeschaut und gesagt: Wir würden gerne schon ein bisschen mehr wachsen. Mal gucken, was geht.

wirtschaft: Jetzt beschäftigen Sie 200 Mitarbeiter.

Michael Wendt: Wir sind hier am Standort 200 Mitarbeiter, haben in Italien sechs Mitarbeiter, eine Vertriebsniederlassung in UK, eine Mitarbeiterin, die in Polen für uns in Sachen Vertrieb aktiv ist, und wir haben natürlich unsere ­China-Operation mit einem 14-Mann-Team in Hongkong sowie weitere 15 Personen in ­unseren Einkaufsbüros in China selbst. Anfang des Jahres haben wir außerdem die Mehrheitsanteile einer australischen Distributionsgesellschaft gekauft, mit knapp 67 Prozent sind wir dort eingestiegen, das sind noch einmal knapp 60 Leute. Insgesamt liegen wir bei knapp 300 Mitarbeitern und erwirtschaften pro Jahr etwa 48 Millionen Euro – ­Australien und Neuseeland einbezogen noch etwas mehr.

wirtschaft: Was hat für dieses extreme Wachstum gesorgt, und welche Meilensteine in der Entwicklung würden Sie selbst hervorheben?

Michael Wendt: Als ein extremes Wachstum würde ich es nicht bezeichnen. Es ist kein ­lineares aber schon konsequentes Wachstum über all die Jahre.

Marcus Wendt: Wesentliche Punkte waren ab 2000 die Eröffnung der Einkaufsbüros in China und die Niederlassungsgründung in Hongkong im Jahr 2005. Das hat uns einen Wettbewerbsvorteil gebracht und uns geholfen, schneller und ­flexibler zu sein, weil wir dichter an unsere Lieferanten herangerückt sind.

»Die Niederlassungsgründung in Hongkong hat uns nach vorne geschossen«

Michael Wendt: In punkto Qualitätssicherung und dem Verhandeln von Einkaufspreisen hat uns das erheblich nach vorne geschossen. Die Niederlassung hat auch einen Vertriebsauftrag. Da haben wir anfangs viel Lehrgeld bezahlt, inzwischen ist es aber eine ganz elementare Einheit, die unsere internationalen Distributionsambitionen vertritt. Letztes Jahr sind wir Distributor für HP-Computerzubehör geworden. Das ist ein unheimlich attraktives Sortiment, das wir in aktuell sechs verschiedenen Ländern in Südostasien exklusiv vertreiben, momentan davon ausgehend, dass wir den Markt, den wir bedienen sollen noch weiter ausbauen. Da laufen gerade Gespräche. Wir haben noch ein weiteres Distributionsthema, das wir durch die Niederlassung in Hongkong gerade forcieren, was uns mit einem globalen Vertriebsauftrag ganz neue Möglichkeiten eröffnen wird. Der letzte große Schritt bislang war die Sicherung der Mehrheitsanteile des Unternehmens Cellnet in Australien und Neuseeland am 12. Januar. Die Firma ist dort der führende Distributor für Mobilfunkzubehör.

wirtschaft: Sie vertreiben Ihr Produktsortiment an Groß-, Versand-, Online- und Einzelhändler sowie Industrieunternehmen in der ganzen Welt. Wie bringen Sie das unter einen Hut?

Marcus Wendt: Wir sind im Wesentlichen Großhändler. Unser Geschäft ist die Distribution, an dieser Stelle auch Mehrwertdistribution. Wir beliefern keinen privaten Haushalt oder Endabnehmer direkt. Unsere Kunden sind meist Wiederverkäufer oder industriell verarbeitende Betriebe. In ganz wenigen Ausnahmen sind es gewerbliche Endkunden, aber da ist das Volumen in der Regel auch größer. Somit fahren wir ein klassisches Großhandels-Distributionsmodell. Das ist gar nicht so schwierig.

wirtschaft: Sie haben etwa 12 000 Produkte im Portfolio. Nach welchen strategischen Überlegungen erweitern oder verkleinern Sie Ihr Angebot?

»Vieles ist Trial and Error«

Michael Wendt: Vieles ist »Trial and Error«. Wir haben unser Produktmanagementteam aufgeteilt in Produktbereichsverantwortlichkeiten. Ein Mitarbeiter ist zuständig für das Thema Mobilfunkzubehör, ein anderer für das Thema Audio, Video und TV-Sat, der nächste für Computerzubehör. In diesem jeweiligen Verantwortungsbereich sind diese Kollegen die Profis, die das Markt- und Produkt-Know-how haben. Die kommen mit den entscheidenden Vorschlägen für die Sortimentsentwicklung, präsentieren sie uns als Geschäftsleitung und entscheiden in vielen Fällen auch selbst.

wirtschaft: Wo viel Spezialwissen gefragt ist, fällt auch immer wieder das Wort Fachkräftemangel. Ist der für Sie ein großes Thema?

Michael Wendt: Im Prinzip finden wir immer wieder richtig gute Leute – und auch genau die, die wir brauchen. Zum Teil dauert es heute aber doch wesentlich länger als früher, weil die Quantität der Bewerber deutlich geringer ist, als noch vor zehn Jahren. Wir haben daher bewusst in die Zentrale investiert, diese als ausgesprochen attraktiven Arbeitsplatz gestaltet. Das umfasst sowohl den Arbeitsplatz als solchen, aber auch das Firmenrestaurant, dass wir ganz bewusst nicht Kantine nennen, weil der Anspruch mit täglich fünf wechselnden Gerichten doch ein anderer ist. Hier haben wir ein Ambiente geschaffen, wo die Kollegen die Batterien aufladen sollen, in klarer Abgrenzung vom hocheffizient gestalteten Arbeitsplatz.

wirtschaft: Woran arbeiten Sie aktuell und wo sehen Sie die Zukunftsthemen für Ihr Unter­nehmen?

Michael Wendt: Die sind vielschichtig. Wir verändern gerade unsere Portfoliostruktur. Wir wollen weiterhin ein Zubehör- und kein Hardwaredistributor sein, wollen unseren Handels­partnern im Elektronikbereich ein breites, leistungsfähiges Sortiment anbieten. Dazu gehört in jüngster Zeit auch ein Segment, das wir Bildungsspielzeug nennen. Da haben wir für einen Hersteller von Roboterbausätzen die Distribution in Deutschland, Österreich und der Schweiz übernommen. Aus diesen Bausätzen können sich Kinder im Alter von acht bis ­­14 ­Jahren unterschiedliche Roboter bauen. Teil dieser Bausätze sind Servomotoren und eine zentrale Steuereinheit. Über eine App, die man sich laden kann, lässt sich alles via Bluetooth steuern. Den Gelenken der Roboter können entsprechende Bewegungen zugeordnet werden. Das bedeutet, das Kind lernt an dieser Stelle von der Kreation, über die Konstruktion bis zur Programmierung auf drei verschiedenen Entwicklungsstufen.

»Zukunftsmarkt Bildungsspielzeug«

wirtschaft: Tut sich da nicht sogar ein weiterer Geschäftszweig im Bereich Wissensvermittlung auf? Zum Beispiel in Form von Partnerschaften im Bildungsbereich.

Michael Wendt: Wir bringen als Mehrwert-Distributor natürlich in erster Linie Marken in unser Vertriebsgebiet. Wir tun aber auch was immer wir können, um das Produkt gemeinsam mit unserem Händler dem Endkunden bestmöglich zu präsentieren und zu erklären. Dazu gehören bislang schon Online- oder Point-of-Sale-Maßnahmen. Dass wir Aktivitäten von Bildungsstätten unterstützen, ist daher wirklich mehr als denkbar. Messen wie die Ideen-Expo in Hannover wären eine klasse Plattform dafür. Die findet alle zwei Jahre statt, und 2019 werden wir sie wahrscheinlich auf den Radar setzen.

wirtschaft: Sie agieren weltweit. Ist der Standort Braunschweig für Sie gesetzt?

Michael Wendt: Wir hätten grundsätzlich auch kein Problem damit, im Kreis Gifhorn oder Peine zu sitzen. Aber irgendwie sind wir eben doch Braunschweiger. Wir sind hier groß geworden, haben – neben der Musik – eine Leidenschaft für die Basketballer und für Eintracht, fühlen uns da auch in Form des Sponsorings verbunden. Außerdem ist der Standort Braunschweig aus logistischer Sicht absolut attraktiv: direkt an der A 2 gelegen, im Grunde auch nah an der Nord-Süd-Verbindung mit der A 7, ein Flughafen in der Nähe. Der Arbeitsmarkt ist hier sicherlich eine Herausforderung. Unter dem Strich gibt es jedoch schon einige gute Gründe für Unternehmen, hier in Braunschweig ansässig zu sein.

Bild oben: Die Brüder Michael (l.) und Marcus Wendt führen das Distributionsunternehmen Wentronic in zweiter Generation. Vater Dietmar Wendt, der Firmengründer, steht weiterhin mit Rat und Tat zur Seite.
geschrieben von  pau