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Andreas ­Rudnicki – das Steh­auf­männchen Donnerstag, 03 August 2017 11:17 Foto: André Pause

Andreas ­Rudnicki – das Steh­auf­männchen

Es gibt Menschen, die sind einfach nicht für »Nine to Five« gemacht. Andreas Rudnicki gehört zu ihnen. Seit er denken kann, möchte der 46-Jährige auf eigenen Füßen stehen. Schon als Teenager verkaufte er Autos, die sein Vater aufbereitet hatte. Dass er gleich nach dem Abitur den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, passt da ins Bild. Seither ist viel passiert. Heute teilt er sich die Geschäftsführung der in Schloß Holte-Stukenbrock bei Bielefeld ansässigen ­Aquatuning GmbH. Ironie des Schicksals: Längst gehört zu dem als Distributor im Bereich PC-Wasser­kühlung agierenden Unternehmen auch die Braunschweiger Firma Alphacool, die Rudnicki 2003 mitbegründete und drei Jahre später als abgesetzter Geschäftsführer verließ. Doch nicht nur im geschäftlichen, auch im persönlichen Bereich beherrscht der dreifache Familienvater die Rolle des Stehaufmännchens. Gerade hat er den Paracycling Weltcup in Maniago gewonnen, ist frisch für das Nationalteam nominiert und startet nun vom 31. August bis zum 3. September bei der WM in Südafrika.
 


»Ich kann schlecht verlieren, das konnte ich noch nie«, sagt Rudnicki schmunzelnd. Dabei sei das seit etwa drei Jahren beständig härter werdende Radsport-Training mitunter doch eine Qual. Es koste schon Überwindung und mache eben nicht jeden Tag gleich viel Spaß. »Beruf und den Leistungssport zu verbinden, bedeutet immer ein stressiges Programm, bis hin zum Verzicht«, erzählt der Experte für Wasserkühl-­Lösungen. Beides befruchte sich aber auch, und letztlich ließen sich einige Parallelen nicht von der Hand weisen. Die offensichtlichste: der Anspruch, zu Führen, ist in beiden Bereichen existent. »Als Radrennfahrer will man besser sein als das gesamte Teilnehmerfeld, als Unternehmer möchte man den Markt mit seinen Produkten erobern.«

»Das Beste aus den ­Möglichkeiten machen«

Kämpfen, nicht für eine sonst wie geartete Erfolgsgeschichte im sportlichen oder wirtschaftlichen Bereich, sondern für die persönliche Gesundheit musste Andreas Rudnicki schon viel früher. Mit beidseitigem Klumpfuß-­Restzustand auf die Welt gekommen, hat er in den ersten 18 Lebensjahren 27 größere und kleinere Operationen hinter sich gebracht: »Der Fuß wurde aufgemacht und in die Spitzfuß­stellung gebracht. Fixieren, Drähte und Schrauben raus, Korrekturen und so weiter. Wenn der Fuß neu zusammengesetzt wird, muss man komplett neu gehen lernen. Man kann nicht so belasten wie man es sonst kennt.« In dieser Zeit hat Rudnicki gelernt, stets das Beste aus den ­Möglichkeiten zu machen, nicht zu hadern. Beim Fußball mit den Jugendfreunden habe er sich – an springen und schnelles Laufen war nicht zu denken – folgerichtig ins Tor oder ganz nach vorne gestellt. Die zahlreichen Krankenhaus­aufenthalte nutzte der Technikfan dazu, sich das Programmieren beizubringen.

»Das Familiending«

»Lesen war das einzige, was ich machen konnte, als ich wochenlang ans Bett gefesselt war«, zuckt Rudnicki mit den Schultern, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Gleich nach dem Abi hat er sich selbstständig gemacht, mit dem Programmieren von Stadtinformations­systemen. Die damalige Stadtinformations­systeme GbR sei ein »Familiending« gewesen, nur die Vermarktung hätten Rudnicki und sein Vater in fremde Hände gegeben. Das Produkt? »Das waren vier Touchscreen-Terminals, an denen man nach Restaurants, Straßen, Wohnungsangeboten und anderem suchen konnte. Die haben wir in Wolfsburg aufgestellt. Das war 1993/94 bevor es Google oder Google-Maps gab. Wir hatten das damals alles programmiert und auf einen Amiga übertragen. Die Touchscreen-Lösung war eine, die bis dato kein Mensch kannte. Die haben wir importiert um sie anzubieten«, blickt der Geschäftsmann zurück. Bis 1997 lief das Geschäft, dessen fundamentales Potenzial sicher bis heute vorhanden wäre. »Eigentlich hätte man das einfach verkaufen oder in andere Städte exportieren müssen, wir hatten ja die Angebote, und die Idee war gut. In Sachen Marketing hat nur der letzte Schritt gefehlt.«

»Mein eigener Chef sein«

Eine lange Pause gönnte sich Rudnicki nach diesem Aus freilich nicht. Beinahe nahtlos ging es weiter mit dem Computergroßhandel Indigo, zunächst in der Nussbergstraße, später in der Packhofpassage. Dass er selbstständig bleiben wollte, stand für ihn fest: »Ich wollte immer mein eigener Chef sein.« Das Ladengeschäft war schnell sehr beliebt und gut frequentiert. Allerdings belasteten die Schulden des GbR-­Geschäftspartners das Unternehmen nach der Umwandlung in eine GmbH so stark, dass Rudnicki 2001 einen Schlussstrich unter dieses Kapitel zog. Direkt im Anschluss folgte die im Grunde erste Festanstellung. Die Bereichsleitung Einzelhandel und die Betreuung des Onlineshops beim IT-Distributor Kosatec stand für den Selfmademan jedoch auch unter dem Motto Umorientierung: »Ich habe da eine Menge mitgenommen, aber gekündigt, als ein Freund auf mich zukam, und wir ein Konzept zur Wasserkühlung für Rechnerprozessoren erarbeitet hatten. Das hatten wir eigentlich schon für Kosatec geplant, wurde dann jedoch 2003 Alphacool.«

»Aufstieg, Ausstieg, ­Neubeginn«

Auslöser für Rudnicki und seine beiden Mitstreiter die Gründung zu wagen, war der Ärger über die Qualität der damaligen Konkurrenzprodukte. Man habe begonnen zu forschen: am Kühler selbst, an den Anschlüssen, den Schläuchen oder den Ausgleichs­behältern, »um Ende 2003 den besten Kühler der Welt auf den Markt zu bringen«. Das sei für Alphacool der Durchbruch gewesen. »Alle wollten den haben. Im November ging er online, und dann waren wir gleich die Nummer eins. Allerdings kamen wir bald mit der Produktion nicht hinterher. Worauf wir uns Investoren ins Unternehmen geholt haben. Aber wie das manchmal so ist: irgendwann hat man dann nicht mehr das größte Mitspracherecht«, schmunzelt Rudnicki. »Das war für mich so extrem, dass ich die Firma im Juli 2006 verlassen habe, obwohl ich gerade zum zweiten Mal Vater geworden bin. Als ich meiner Frau gesagt habe, dass wir wieder von vorne anfangen, hat sie nicht schlecht geguckt.« (lacht) Mit seinem Teilhaber war er sich einig, dass im Geschäftsbereich Wasserkühlung noch weitaus mehr Potenzial steckt. Gemeinsam reifte die Idee, die Produkte weltweit einzukaufen und sie über einen Kanal zu vertreiben.

»Alphacool wird Tochter der Aquatuning GmbH«

Dieser Kanal war und ist die Aquatuning GmbH, der Rudnicki 2009 als Geschäftsführer beitrat. Bereits im Folgejahr kam es zu einer Begebenheit, die getrost unter »Geschichten, die das Leben schrieb« verbucht werden darf: »Die von uns gegründete Alphacool lief nicht mehr und wurde uns zum Kauf angeboten. Daraufhin haben wir die Markenrechte sowie alle Patente erworben und die Alphacool international GmbH gegründet.« Heute ist das Braunschweiger Unternehmen eine ­hundertprozentige Tochter der Aquatuning, die mit dem Endkundengeschäft für etwa zehn Prozent des gesamten Geschäftsvolumens sorgt. Alle Unternehmensentscheidungen fallen in Bielefeld – oder durch Andreas Rudnicki in Braunschweig. Er frohlockt: »Dadurch, dass ich meinen Lebensmittelpunkt hier habe, konnte mich kein besseres Schicksal treffen. Ich habe meine Firma im End­effekt zurückgekauft.«

»Wachsendes Geschäft«

Und das Geschäft? Es prosperiere, vor allem seit man 2011 begonnen habe, den Massenmarkt zu bedienen. Der Umsatz für das laufende Geschäftsjahr falle »auf jeden Fall achtstellig aus«, meint Rudnicki. Für 2017 rechnet er mit einem Wachstum von etwa 30 bis 40 Prozent, für das kommende Jahr noch einmal mit 50 Prozent. Bewerkstelligt wird die Produktentwicklung von derzeit knapp 50 Mitarbeitern in Schloß Holte-Stukenbrock, und acht Beschäftigten in Braunschweig. »Personell wird in China derzeit mehr investiert. Da steht quasi unsere Werkbank, viele Sachen laufen direkt von dort, landen also gar nicht mehr bei uns, sondern direkt beim Kunden«, so der Geschäftsführer.

»Beruflich und privat ­aufgeräumt«

Ebenso strukturiert und aufgeräumt wie im Beruflichen geht es bei Andreas Rudnicki seit 2006 im Privaten zu: »Ich habe mir gedacht, wenn ich die Firma verliere, kann ich mein Leben allgemein verändern.« Damals habe er mehr als 95 Kilo gewogen, deshalb mit der Atkins-Diät angefangen und seine Ernährung schließlich komplett umgestellt. Irgendwann folgte er dem Vorschlag seines Vaters und begann mit dem Radsport. Die erste Zeit sei ernüchternd gewesen, berichtet Rudnicki schmunzelnd: »Er selbst ist zwischen 50 und 100 Kilometer am Tag gefahren, deshalb konnte ich ihm zunächst nicht folgen. Das hat mich aber angetrieben. Und ich habe mir gesagt: Es kann ja nicht sein, dass Dir Dein alter Herr wegfährt.«

Rudnicki blieb am Ball, startete 2008 das erste Mal an einem Jedermann-Rennen, leckte sofort Blut und trat in den RSV Braunschweig ein. Um bei Meisterschaften antreten zu können, brauchte er jedoch einen Klub, der beim ­Deutschen Behinderten Sportbund angemeldet ist. Also folgte noch vor der ersten Weltcup-Fahrt 2014 der Wechsel zum GC Nenndorf. Heute – mehr als 30 Kilo leichter als vor gut zehn Jahren – macht der dreifache Familienvater zwischen 17 und 18 Uhr Feierabend, und trainiert fünf Mal die Woche. Nur wenn das Wetter ganz schlecht ist, wechselt er auf die Rolle, die zuhause im Wohnzimmer steht. Etwa 12 000 Rad-Kilometer absolviert Rudnicki, der durch die Niedersächsische Lotto-­Sport-Stiftung gefördert wird, pro Jahr, und in den Wettkämpfen ist er so erfolgreich wie nie: Im Mai gewann er im italienischen Maniago seinen ersten Paracycling Weltcup, wurde daraufhin für mindestens ein Jahr in den Nationalkader der Handicap-­Radrennsportler berufen und startet nun bei der Weltmeisterschaft in Südafrika.

»Die Familie als Ruhepol«

Obgleich Andreas Rudnicki allen Grund hätte, auf seine beruflichen und sportlichen Erfolge stolz zu sein, nimmt er sie – so hat es für Außenstehende den Anschein – recht gelassen hin. Das »Stehaufmännchen« wirkt geerdet. Ruhe, so erzählt er, gebe ihm die Familie. Und so seien Jugendliebe Sonja, mit der er seit 15 Jahren verheiratet ist, und seine drei Töchter für ihn auch der größte Erfolg. Rückblickend bereut Rudnicki nichts: »Selbst 2006 ist im Grunde jeder Schritt richtig gewesen, auch wenn ich in der Momentaufnahme damals dachte, da hast Du drei Jahre weggeschmissen. Am Ende stimmt es aber doch: Der Erfolg ist die Summe der richtigen Entscheidungen – also passt es.«

Bild oben: Leistungssportler und Unternehmer: Andreas Rudnicki und sein achtköpfiges Team der Alphacool International GmbH in Braunschweig bieten Wasserkühl-Lösungen für Endkunden an.
geschrieben von  pau