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Die Kooperationsinitiative Maschinen­bau kämpft für die ­Integration von Flüchtlingen in ­Unternehmen Montag, 09 Oktober 2017 16:24 Foto: André Pause

Die Kooperationsinitiative Maschinen­bau kämpft für die ­Integration von Flüchtlingen in ­Unternehmen

30 mittelständische Unternehmen aus dem Großraum Braunschweig sowie der Arbeitgeberverband Region Braunschweig, die Technische Universität und die Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft gehören als gleichberechtigte Mitglieder zur Kooperationsinitiative Maschinenbau e. V. (KIM). Gemeinsam hat sich der Zusammenschluss die Standortsicherung, die Stärkung der Wirtschaft in der gesamten Region und den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen auf die Fahnen geschrieben. Seit etwas mehr als einem Jahr setzt sich die KIM verstärkt für die Integration von geflüchteten Menschen in Mitgliedsbetriebe ein.
 


Treibende Kraft hinter den Bemühungen ist neben KIM-Geschäftsführer Rainer Kupetz vor allem Klaus-Henning Terschüren. Unermüdlich klappert der ehemalige Chef des Solarheizsystem-Herstellers Solvis seit September des vergangenen Jahres auf Honorarbasis die Unternehmen ab. Er horcht in sie hinein, vermittelt, hört sich die Probleme an und versucht, diese unbürokratisch zu lösen.

Eine Idee entsteht

Vor dem Start seiner Aktivitäten hatte ­Terschüren mit dem damaligen KIM-Vorstand verabredet, Geflüchtete und die Unternehmen so gut es geht zusammenzubringen. Das Schlüsselerlebnis für den ehemaligen Manager war ein Besuch der Heinrich-Büssing-Berufsschule in der Salzdahlumer Straße. »Da gab es eine Art Speed-Dating. Alle Schüler der Sprach- und Integrationsklassen (Sprint) wurden an den Ständen der Unternehmen, die sich dort präsentierten, vorbeigeführt. Ich war ganz schnell dicht umringt. Ein Problem wurde dabei schon sichtbar: diese Menschen haben sehr wenig Vorstellung von unserem Berufsalltag, von dem, was hier wirklich abläuft. Überspitzt gesagt: Ich hatte beinahe das Gefühl, dass alle anwesenden jungen Männer Automechatroniker werden wollen, was natürlich nicht möglich ist«, skizziert Terschüren.

Die Bereitschaft der ­Unternehmen ist da

Beeinflusst durch dieses Erlebnis kam er auf die Idee, regelmäßig Firmenführungen für Geflüchtete durchzuführen. Zählen, so sagt er, könne er diese mittlerweile kaum noch. Denn die Bereitschaft in den Betrieben, sich mit Flüchtlingen zu beschäftigen, sei damals schon sehr hoch gewesen und im Grunde sei dies – der allgegenwärtige, heftig diskutierte Fachkräftemangel ist daran womöglich nicht ganz unschuldig – nach wie vor der Fall, schildert der Manager. Er verschweigt aber auch die Knackpunkte nicht, die bei ihm zu der Einsicht führten: »Der Weg ist so unbekannt. Und es ist wirklich schwer, Geflüchtete als geeignete Kandidaten zu finden, die zum Betrieb passen. Das hört sich vielleicht komisch an, gerade weil wir damals ja diese Riesenwelle hatten. Aber der Integrationsprozess dauert halt sehr viel länger, als wir alle gedacht haben.«

Erwartungen und kulturelle Unterschiede

Damals, so Terschüren, sei zum einen das formale Prozedere noch weitaus weniger geübt gewesen, als es jetzt der Fall ist: »Die Behörden, ob das jetzt die Ausländerbehörde war, die Jobcenter oder die Agentur für Arbeit, waren kaum in den Abläufen drin – und in den Betrieben schon gar nicht.« Hinzu, so der KIM-Beauftragte, kamen und kommen Hindernisse in Form von fehlenden Sprachkenntnissen, erheblichen kulturellen Unterschieden oder unrealistischen Erwartungshaltungen. In der Praxis hätten bislang in erster Linie die divergierenden Wertesysteme für Unstimmigkeiten gesorgt. »Wenn da zum Beispiel in der Familie irgendetwas ist, wird dem schlicht und einfach alles andere untergeordnet«, erzählt Terschüren. Er berichtet von einem jungen Mann, der bei der Cremlinger Hohrenk Systemtechnik GmbH bereits einen Ausbildungsvertrag unterschrieben hatte, dann aber von heute auf morgen verschwunden war. Des Rätsels Lösung: »Der Bruder des Eritreers lag in Hannover im Krankenhaus. Und wenn so etwas vorkommt, dann fahren die da hin, da kennen die gar nichts.« Natürlich handelten die Geflüchteten noch nach ihrem von klein auf gelernten Wertesystem, und vielleicht sei es in mancherlei Hinsicht sogar gut, wenn sie das weiterleben dürfen, so Terschüren: »Allerdings können wir das hier ein Stück weit nicht verstehen. Bei uns ist eben alles individuell, bei denen ist die Gemeinschaft alles.«

Interkulturelles Training

Ein optimaler Weg wäre für ihn, noch stärker als es aktuell der Fall ist, mit Landsleuten der Flüchtlinge zusammenzuarbeiten. Mit Menschen, die wissen, wie es hierzulande läuft, die aber trotzdem in der Lage sind, die Geflüchteten in ihrem Wertesystem abzuholen, eben weil sie dieselbe Kultur gelernt haben.

Nicht diesen jedoch einen ähnlichen Weg hat Jan-Peter Ewe beschritten. Der KIM-Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer der Wilhelm Ewe GmbH & Co. KG hat frühzeitig auf interkulturelles Training gesetzt. »Ich habe frühzeitig versucht, alle Mitarbeiter mitzunehmen und gedacht: bevor wir starten, holen wir uns jemanden, der uns genau sagt, auf was wir uns da eigentlich einlassen. In unserem Fall war das eine interkulturelle Trainerin, die sich erst mal mit den Führungskräften unterhalten hat, aber auch mit denen, die direkt mit dem neuen Mitarbeiter agieren sollen.« Für Ewe, der als Unternehmer seine soziale Verantwortung ernst nimmt, sei dieser Schritt ein Stück weit selbstverständlich gewesen. Jetzt erntet er die ersten Früchte.

Erfolgreiche Integration

Seit August beschäftigt der Braunschweiger Firmenchef mit dem 21-jährigen Somalier Mohamed Yahya einen Flüchtling in einer sogenannten »assistierten Ausbildung« zum Fachlageristen. Yahya ist den in vielen Fällen erfolgreichen Weg über Einstiegsqualifikation und Praktikum gegangen. Die interkulturell geschulten Mitarbeiter bei Ewe binden den neuen Mitarbeiter sowohl beruflich als auch privat in Aktivitäten mit ein. So ist er für die Organisation der nächsten Weihnachtsfeier eingeplant und wird zu Bowling-Abenden eingeladen. Bislang sei es eher so, dass Yahya verstärkt angesprochen und gefragt wird. »Das muss sich sukzessive dahingehend umkehren, dass er sich auch selbst erkundigt, wenn er etwas wissen möchte«, sagt Jan-Peter Ewe.

Wichtig ist dem Unternehmer, das sieht er ebenso wie Klaus-Henning Terschüren, dass geflüchtete Menschen nicht dem Druck durch Überforderung ausgesetzt werden (»Die Menschen brauchen Erfolgserlebnisse«). Auch er beobachte, dass viele mit falschen Vorstellungen nach Deutschland kommen. »Da muss man dann schon mal sagen: Ja, irgendwann machst Du vielleicht einen tollen Job und verdienst viel Geld, aber erst, wenn du die Leiter von unten nach oben gelaufen bist«, sagt Ewe, der diese Tendenz jedoch zuvörderst bei Leuten ­beobachte, die fundiertes Wissen und vielleicht sogar einen Hochschulabschluss aus ihrer ­Heimat mitbringen.

Scheitern als Chance

Dass es ein Einsichtsproblem geben kann, wenn es darum geht, bereits Erreichtes hintenanzustellen und noch einmal ganz unten respektive ganz von vorne zu beginnen, leuchtet ein. Cornelia Küster, Bereichsleiterin Mitarbeiter bei der Möhlenhoff GmbH in Salzgitter-Salder, hat einen solchen Fall erlebt. Ihr Unternehmen, zuhause in der Herstellung von Heizungs-, ­Lüftungs- und Klimatechnik, hat sich zeitnah zur Flüchtlingswelle für die Aufnahme eines syrischen Interessenten in die Einstiegsqualifikation entschieden. Bei dem potenziellen Mitarbeiter, der aus einer gebildeten Familie stammt und selbst ausgebildeter Lehrer ist, habe die avisierte Tätigkeit – Ausbildung zum Fachlageristen – dann wohl allzu deutlich nicht zum Anspruchsdenken der Person gepasst. »Er hat mehrfach kundgetan, dass er eigentlich am PC arbeiten wolle. Logistik stand also nicht unbedingt auf dem Wunschzettel«, sagt Küster. Was sie aus heutiger Sicht anders machen würde? Sie überlegt kurz. »Es ging ja sehr schnell damals. Wir haben ihn im Grunde nur einen Tag zur Hospitation hier gehabt. Aus heutiger Sicht würde ich immer mehr auf den Hintergrund der Person gucken. Wir haben das als nicht so gravierend eingeschätzt, diese Situation, dass er aus einer Familie kommt, die sehr gebildet ist und wir ihm einen sehr handwerklichen Beruf anbieten. Dabei schauen wir ja in anderen Fällen auch genau darauf, ob die jungen Menschen den jeweiligen Beruf wirklich erlernen möchten und sich ein Stück weit damit auseinandergesetzt haben.«

Cornelia Küster möchte diesen Aspekt künftig stärker beleuchtet wissen. Innerbetrieblich, erzählt sie, wurde bereits intensiv überlegt, was besser hätte laufen können. Abgeschrieben scheint das Thema Integration von Flüchtlingen bei Möhlenhoff also keinesfalls.

Helferjobs allein sind keine Lösung

Die Erfahrung der Firma Möhlenhoff sei kein Einzelfall, so Klaus-Henning Terschüren, der bislang fünf Geflüchtete in KIM-Mitglieds­unternehmen vermittelt hat und für Miteinander Bunt den Patenschaftsverein der Samtgemeinde Sickte mehr als 30 Beschäftigungsverhältnisse kreiert hat. Der weitaus ­größere Teil der Geflüchteten jedoch habe wenig Schulbildung und keine Ausbildung: »Diesen Personen werden wir nur Helferjobs anbieten können, aber nicht in ausreichender Anzahl. Auch wenn zu erwarten ist (und zu unterstützen), dass viele in Ihre Heimatländer zurückkehren ­wollen werden, sobald diese befriedet sind, ist es wichtig, den Flüchtlingen klarzumachen, dass Ausbildung bei uns ungemein wichtig ist, dass wir qualifizierte Leute brauchen.«

Weitere Partner gesucht

Ziel der KIM ist es daher, eine noch größere Anzahl Geflüchteter in Mitgliedsunternehmen unterzubringen und dann im gemeinsamen Austausch die zu erwartenden Hürden aus sprachlichen, fachlichen und kulturellen Gründen zu meistern. Jan-Peter Ewe geht hier mit gutem Beispiel voran. Er bietet nicht nur seinen Mitarbeitern interkulturelles Training an, sondern öffnet den Kreis für Mitarbeiter aller KIM-Mitgliedsunternehmen.

Bild oben: Jan-Peter Ewe, Geschäftsführer der Wilhelm Ewe GmbH & Co. KG, (l.) mit einem Teil seiner Auszubildenden. Bislang standen die Bereiche Groß- und Außenhandel und ­Zerspanungsmechanik/Fachrichtung Drehtechnik im Mittelpunkt. Der Somalier ­Mohammed Yahya (r.) hat jetzt eine Ausbildung zum Fachlageristen begonnen.
geschrieben von  pau