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Die Aktie wird in Zukunft noch ­bedeut­samer sein Donnerstag, 22 Dezember 2016 09:57 Foto: Jörg Scheibe

Die Aktie wird in Zukunft noch ­bedeut­samer sein

Früher fing Vermögensaufbau mit dem Sparbuch an. Heute, in Zeiten der Niedrigzinspolitik, vermehrt sich das Geld auf dem Sparkonto nicht mehr. Im Gegenteil. Die Inflation zehrt die kaum vorhandenen Zinsen auf, die Kaufkraft schwindet. Also: Wohin mit dem Geld? Aktien kaufen, Gold kaufen, in Immobilien investieren? Auf Einladung des BZV-Medienhauses hielt Chris-Oliver Schickentanz, Leiter der Anlagestrategie der Commerzbank AG, einen Vortrag, in dem er ein eindeutiges Plädoyer für den Kauf von Aktien hielt: »Ich glaube, die Aktie als ein Teil der Vermögensanlage wird in Zukunft noch bedeutsamer sein.« Zur Begründung stellte ­Schickentanz fünf Thesen auf.

These 1: Die Weltwirtschaft wird in den nächsten Jahren langsamer wachsen, als wir es gewohnt sind. Die westlichen Industrieländer hatten in den vergangenen zwei Dekaden ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent. Dieses Wachstum wurde auch getragen vom rasanten Aufschwung der Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien. Heute wird nur noch mit einen Wachstum von zwei bis zweieinhalb Prozent gerechnet. Warum? »Die westlichen Industrienationen leiden noch immer an den Spätfolgen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die öffentlichen Haushalte haben hohe Schuldenberge aufgehäuft. Das führt zu einer geringeren Bereitschaft des Staates, zu investieren, was das Wachstum bremst. Hinzu kommen die demografische Entwicklung und das Auslaufen der positiven Effekte der Globalisierung. »Mit Donald Trumps Protektionismus droht uns sogar ein sehr starker Bremsfaktor.« Aber auch in den Schwellenländern gibt es ein Schuldenproblem. »Da sind es die privaten Unternehmen, die hoch verschuldet sind.« Im Jahr 2000 lag die Verschuldung der privaten Unternehmen in China bei 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. 2015 war die Verschuldung auf 190 Prozent gestiegen. »Viele Unternehmen in China sind nicht solide durchfinanziert. Die brauchen eine Sparkur. Das wird dazu führen, dass auch in den Schwellenländern weniger Kredite vergeben werden und es weniger Wachstum gibt.«

These 2: Die Notenbanken weltweit reagieren auf das niedrigere Wachstum und halten die Zinsen deutlich länger niedrig, als das dem Sparer angenehm ist. Das hat im Wesentlichen mit den exorbitanten Schuldenbergen etlicher Staaten der Euro-Zone zu tun. »Die EZB kann gar nicht anders, als auf diese Schulden mit Niedrigzinsen zu reagieren. Höhere Zinsen würden diesen Staaten den Todesstoß versetzen.« Trotzdem kommt die Kreditnachfrage der privaten Unternehmer nicht recht in Gang. »Die großen Unternehmen haben kein Interesse daran, in große Projekte zu investieren. Das ist der EZB ein Dorn im Auge. Sie wird über weitere Maßnahmen nachdenken, um den Zins niedrig zu halten. Sie wird frühestens 2020 damit anfangen, den Zinssatz leicht zu heben. Wir können nicht darauf hoffen, vor 2025 ein Zinsniveau von etwa 3 Prozent zu erreichen. Für die Sparer sind das alles schlechte Nachrichten.«

These 3: Der konservative Anleger, der vielleicht früher in Staatsanleihen investiert hat, steht vor einem Dilemma. Konservative Wertpapiere werfen keine Rendite mehr ab. Konservative Anleger müssen bereit sein, mehr Risiken einzugehen, um überhaupt noch Rendite zu erwirtschaften. Wie könnte dieses Risiko aussehen? In Unternehmen investieren, die im internationalen Ranking mit Drei oder sogar Drei minus bewertet werden. »Die werfen eine Rendite ab, die für den Inflationsausgleich ausreicht.« Oder in offene Immobilienfonds investieren mit zwei bis zweieinhalb Prozent Rendite. »Allerdings bleibt das Geld dann für zwei Jahre gebunden.«

These 4: Die Aktie bleibt mittelfristig die aussichtsreichste Geldanlage. »In den letzten zweihundert Jahren hat die Aktie im Schnitt neun Prozent Jahresrendite erzielt. Für die kommenden fünf bis sieben Jahre rechnet man zwar nur noch mit vier bis sechs Prozent. Doch die neun Prozent wurden damals bei einer Inflationsrate von drei Prozent erzielt, die Gewinne heute von vier bis sechs Prozent bei einer Inflationsrate von einem bis eineinhalb Prozent. »Da sind die Zahlen nicht weit auseinander.«

These 5: Die Schwankungen an den Kapitalmärkten werden hoch bleiben. Die großen Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften und Stiftungen kalkulieren am Anfang des Jahres ihr Verlustrisiko. Geraten sie durch fallende Kurse auf den Aktienmärkten unter Druck, kommt es zu nervösen Zwangsverkäufen. Verstärkt wird das Auf und Ab durch sogenannte »passive Instrumente«. Das sind kostengünstige Anlagen­instrumente wie etwa Exchange Traded Funds, börsennotierte Fonds, die ganze Markt-Indizes abbilden können. Viele Anleger nutzen mit Hilfe dieser Instrumente kurzfristige Kursschwankungen für sich. »Das muss nichts Schlechtes sein. Privatanleger sollten dann zugreifen, wenn die Stimmung am Markt schlecht ist. Wer im ­Februar dieses Jahres Aktien gekauft hat, kann heute eine gute Rendite verbuchen.«

geschrieben von  wo