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Der philosophische Schatz: Niccolò Machiavelli Freitag, 13 Januar 2017 08:14 Foto: Peter Pohl

Der philosophische Schatz: Niccolò Machiavelli

Kein Zweck ­rechtfertigt das Mittel der ­Verleumdung

Der große florentinische Denker Machiavelli (1469–1527) plädierte für eine zweck­orientierte Realpolitik: »Es ist für einen Staatsmann besser, gefürchtet als geliebt zu werden, da das Schicksal eines Landes wichtiger ist, als das eines einzelnen Bürgers.« Hat Putin, der in der neuen Forbes-Liste der Mächtigsten der Welt vor Obama und Merkel auf Platz 1 steht, demnach alles richtig gemacht, Frau Karafyllis?

Die provokante Frage erlaubt mir zunächst, eingedenk der Rückblicke auf 2016 und ihrer Krisenrhetorik, daran zu erinnern, was man früher als Krisen erlebt hat. Machiavelli lebte in einer Zeit des politischen Chaos: Europa war gezeichnet von den Folgen der großen Pest­epidemie, die in Florenz nur 20 Prozent der Bevölkerung überlebt hatten. Weltliche und kirchliche Macht büßten dadurch an Autorität ein, man verfiel dem reinen Schicksalsglauben. Machiavellis Republik Florenz litt unter dem korrupten Regime der Medici, Zerwürfnissen mit diversen Päpsten, fortlaufenden Kriegen mit u. a. Venezien, Neapel und Pisa. Er selbst wurde gefangen genommen und gefoltert.

Vor diesem Hintergrund entwirft Machiavelli das Idealbild eines Herrschers, der in der Lage ist, die staatliche Ordnung wiederherzustellen und in Zukunft die Gemeinwesen auf italischem Boden zu einen. Seine Vorstellungen hat er in dem berühmten Buch »Der Fürst« zusammengefasst, das oft als Ratgeber für Machthaber missverstanden worden ist. Vielmehr schlussfolgert der Autor aus der Geschichte: Wer an der Macht bleiben will, sollte einen realistischen Blick für Notwendigkeiten haben und dabei auch Gewalt nicht scheuen, um Gehorsam und Einigkeit seiner Untertanen sicherzustellen. Dies ist nicht mit absoluter Kontrolle zu verwechseln. Der Staatsmann beherrscht vielmehr das vernünftige Spiel mit freien Kräften und bleibt dabei auf Glück und Gelegenheit angewiesen.

Also wird gar nicht erwartet, dass ein Staatsmann alles richtig macht?

Genau, denn der Herrschende ist immer auch von Fortuna abhängig, und diese Göttin fördert laut Machiavelli eher die Kühnen als die allzu Vorsichtigen. Kühnheit darf aber nicht alles. Denn moralische Grundlage des politischen Handelns ist die (ital.) virtù, die Bürgertugend, zu der der Herrscher seine Untertanen erziehen wie er sie auch selbst verkörpern muss. Für den Herrscher gilt: bereichere dich nicht an deinen Untertanen, schände nicht deren Frauen und töte nicht aus Willkür.

Über das jüngere Handeln Putins würde Machiavelli vermutlich den Kopf schütteln. Zwar muss ein Herrscher quasi schizophren Moral verkörpern und doch immer wieder brechen. Aber Machiavelli betont eben auch, dass der Zweck nicht in jedem Fall die Mittel heiligt. Insbesondere kein Zweck, der mehr Menschen das Leben kostet als er Menschen das Leben sichert.

Was können wir von Machiavelli mit ins neue Jahr nehmen?

Vielleicht seine Ansichten über die richtige Staatsform, die Machiavelli in seinen wenig gelesenen »Discorsi« darlegte. Darin wird die Republik gepriesen, in der das Volk das Sagen hat. Aber nur unter der Voraussetzung, dass es gelingt, die Ordnung zu erhalten. Dafür sei wichtig, so Machiavelli, dass die Verfassung den Bürgern die Möglichkeit der Anklage bietet. Aber auf keinen Fall dürfen sich Bürger zu Verleumdungen aufschwingen – kein Zweck heiligt dieses Mittel.

Bild oben: »Machiavellis Schlussfolgerungen werden häufig falsch interpretiert«, sagt Nicole Christine Karafyllis, Philosophieprofessorin an der TU Braunschweig.

geschrieben von  wo