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Der philosophische Schatz: Walter Benjamin Montag, 20 Februar 2017 14:13 Foto: Peter Pohl

Der philosophische Schatz: Walter Benjamin

Der Verlust der Aura:

Berlinale und Oscarverleihungen: Der Februar war der Monat des Films. Sogar ein deutsch-sprachiger (»Toni Erdmann«) gehörte zu den Nominierten. Filme und zunehmend Video-Streams haben für die Unterhaltung der Menschen eine immer größere Bedeutung. Was sagen die Philosophen zu dieser Entwicklung, Frau Karafyllis?

Das, was Walter Benjamin (1892–1940) dazu gesagt hat*, ist immer noch hochaktuell. Er sprach von einem »Verlust der Aura«.

Was meinte er damit?

Stellen Sie sich vor, Sie hören ein Konzert Ihrer Lieblingsgruppe live. Sie erfassen mit allen Ihren Sinnen zum Beispiel nicht nur die Präsenz der Musiker, sondern auch die Stimmung der Zuschauer, den Ort, an dem es stattfindet, und vieles mehr. Dann kann es zu besonderen Momenten kommen, in denen Aura** entsteht, ein flüchtiger Hauch, den man kaum beschreiben kann, der aber unter die Haut geht und den man manchmal nie mehr vergisst.

Demgegenüber ist ein Film oder ein Tonträger künstlich veränderbar, nicht nur durch Zeitlupe oder Zeitraffer. Eine Großaufnahme im Film lenkt unseren Blick auf das, was der Regisseur für wichtig hält. Wir haben keine Möglichkeit mehr, es selbst herauszufinden.

Wie verändert uns das?

Gerade hinter Massenmedien, die mit Bild und Ton operieren, steckt ein großes psychologisches Manipulationspotenzial. Denn sie wenden sich direkt an unsere Sinne und versuchen, eine Aura zu erzeugen, die das Objekt von selbst vielleicht gar nicht hat. Dabei geht es Walter Benjamin weniger um Kritik als um Bewusstwerdung, dass man angesichts der künstlichen Medien der eigenen Wahrnehmung von Realität teilweise misstrauen sollte, weil wir Realität ja zunehmend gezeigt bekommen, d. h. vermittelt durch den Blick eines anderen, des Regisseurs, der Kamerafrau etc. Damit geht ein Verlust der Aura einher, weil Menschen ihre Fähigkeiten verlieren, ein Ereignis selbst lebendig zu erleben. Vielmehr erwarten sie überall dessen schnelle Verfügbarkeit.

Dass man ein Kunstwerk nicht mehr aufsuchen und in reale Beziehung zu ihm treten muss, z. B. in einem Museum, Theater oder im Konzertsaal, verändert auch die Erwartungen an die Kunst. Umgekehrt steigen wirkliche Objekte wie Gemälde und Bücher kontinuierlich im Wert: In den Preis auf Auktionen geht die Aura ein, deren Echtheit immer eine Geschichte hat, z. B. bei einem Bild nicht nur, wer es gemalt hat, sondern auch, wer es gesammelt hat und in welchen Situationen es eine prominente Bedeutung erlangte, z. B. als Geschenk. Diese Aura des Objekts ist nicht reproduzierbar und deshalb wertvoll.

* Er publizierte 1935 den Essay »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«.
** »Aura« meint ursprünglich die Göttin der Morgenbrise.

Bild oben: »Ob Bild oder Ton, die Massenmedien haben ein großes psychologisches Manipulationspotenzial, das uns als Konsumenten bewusst sein sollte«, sagt Nicole Christine Karafyllis, Philosophieprofessorin an der TU Braunschweig.
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