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»Wir sind Weltkulturerbe« Dienstag, 08 August 2017 09:33 Foto: Frank Bierstedt

»Wir sind Weltkulturerbe«

Gräben, Rinnen, Teiche – was Ausflüglern heute als natürlicher Teil der wild-romantischen Harzlandschaft erscheint, ist in Wirklichkeit ein von Menschenhand erschaffenes, ausgeklügeltes System, um mit Hilfe von Wasserkraft in einem Erzgang Bergbau zu betreiben. Ein wichtiger Bestandteil dieser Oberharzer Wasserwirtschaft – das mit Abstand größte und bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem der Welt – ist der Rehberger Graben. Er versorgte die Andreasberger Gruben mit Energie. Da der Graben in Stand gehalten werden musste, wurde 1772 für den Grabensteiger ein Wohn- und Arbeitshaus gebaut, das seit dem 20. Jahrhundert eine Gaststätte ist. Volker Thale: »Wir sind Weltkulturerbe.«
 


Volker Thale ist ehrenamtlicher Grabensteiger und Gastwirt des Rehberger Grabenhauses. Wer ihn kennen lernt, merkt schnell: Für ihn ist die Bewirtschaftung des Hauses nicht Geschäft, sondern Berufung. Margarethe Thale: »Das Grabenhaus war immer sein Traum.« Die gelernte Krankenschwester arbeitete an der Uniklinik in Münster und machte mit einer Freundin Urlaub im Harz. Krankenschwestern wurden gesucht und die Klinik in Bad Lauterberg gefiel den Freundinnen so gut, dass sie blieben. »Dann lernte ich meinen Mann kennen.«

Volker Thale war damals Koch in der Rehberg­klinik und wollte sich selbstständig machen. Als St. Andreasberger kannte er das nur zwei Kilometer entfernte Grabenhaus, das von 1976 bis 1977 leer stand, schon als Jugendlicher. Als sich die Möglichkeit ergab, das Haus zu pachten und als Wirtshaus wiederzubeleben, griff Volker Thale zu. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte hat das Ehepaar, ab 1992 als Besitzer, mehrmals große Summen in Renovierung, Ausbau und Modernisierung des Hauses gesteckt, Investitionen, die sich gelohnt haben. Margarethe Thale: »Unsere Gäste kommen aus der gesamten Region, von Braunschweig bis Göttingen, und viele von ihnen kommen immer wieder.«

Das ist Volker Thales Küche zu verdanken (»Meine Ausbildung am Harzburger Hof war eine sehr gute Schule«), aber auch einer nicht ganz leicht zu erklärenden Magie des Ortes. Liegt es an den beiden turmhohen Lindenbäumen dem Gasthaus gegenüber? Liegt es an einer beruhigenden Wasserenergie, die ober- und unterirdisch wirkt? Liegt es an dem allee­artigen Rehberger Grabenweg, der vom Oderteich bis kurz vor St. Andreasberg führt? Tatsächlich gibt es auf der Welt Gegenden, die spontan positiv auf das menschliche Gemüt wirken. Das Rehberger Grabenhaus ist ein solcher Ort: Man kommt an und alle innere Unruhe fällt von einem ab. Margarethe Thale: »Unsere Gäste lieben die Ruhe und Stille hier.«

»Unsere Gäste lieben die Ruhe«

Leibliches Wohl bietet Volker Thales vertrauen­erweckend kleine Speisekarte: »Sie muss klein sein, sonst kann ich die Frische nicht garantieren.« Unverzichtbar ist das Rotwildgulasch. Es wird gereicht mit Waldpilzen, Preiselbeersahne, Apfelrotkohl und Butterkartoffeln. »Den Apfelrotkohl würze ich mit Lebkuchengewürz. Das schmeckt unheimlich gut.« Aber auch der Hirschbraten und die Currywurst werden gerne genommen. »An manchen Tagen verkaufen wir einhundert Stück.« Die fruchtige Sauce macht Volker Thale selbst. Fisch gefällig? Kein Problem! Margarethe Thale: »Die Forelle läuft bombig.« Kaum weniger beliebt sind die Matjesfilets nach Hausfrauenart. Als weitere Spezialitäten des Hauses gelten das Harzer Sauerfleisch und die Harzer Schmorwurst. Was Volker Thale selbst immer wieder gern zubereitet ist ein Tafelspitz mit Meerrettichsauce, Salzkartoffeln und Salat.

Alle Salate sind selbstgemacht wie auch die Suppen und Saucen. Da kommt nichts aus der Tüte. Die Wildsuppenherstellung gestaltet sich daher arbeitsintensiv. Knochen und Fleisch werden angeröstet. »Damit ziehen wir eine kräftige Wildbrühe.« Die Brühe bildet die Basis für die Suppe, die mit Pilzen und Wildfleisch gekocht und mit Sherry verfeinert wird. Das Sahnehäubchen kommt zum Schluss. Im vegetarischen Angebot sind Gemüsefrikadellen und Milchreis, den nach Aussage von Margarethe Thale hauptsächlich Männer essen.

»Unsere Harzer Wild­gerichte sind unverzichtbar«

Tausende von Stätten hat das Welterbe-­Kommitee der UNESCO seit 1975 unter Schutz gestellt, die Harzer Wasserwirtschaft 2010. Aber es gibt auch ein immaterielles Welt­erbe wie die deutsche Brotkultur. Und so sieht die Brotzeit im Rehberger Grabenhaus aus: Brot mit Schnittkäse, Brot mit Mettwurst, Brot mit rohem Schinkenspeck, Brot mit Harzer Roller, Griebenschmalz und Braunschweiger Mettwurst, Brot mit Kartoffel-­Speck-Salat und Aufschnitt vom Schweine­braten – alles total lecker.

Nächstes Jahr kann das Ehepaar Thale sein 40-­jähriges Jubiläum im Rehberger Grabenhaus feiern, doch der Abschied winkt, auch wenn es weh tut. Margarethe Thale: »Wir sind jetzt 65 und 67 Jahre alt. Wir haben unsere Rente verdient.« Volker Thale: »Wir wollen, dass das Grabenhaus für alle erhalten bleibt, auch als Waldgaststätte.« Vielleicht findet sich ein junges Paar, das diesen magischen Ort auch unternehmerisch ins Herz schließt? »Wir sind eine Harzer-­Wandernadel-Stempelstätte, bei uns kann man ein Grabenhausdiplom erwerben und die Wildfütterungen im Winter sind ein Erlebnis. Nirgendwo kommt das Wild so nah heran. Wir haben auch immer wieder Anfragen nach Übernachtungsmöglichkeiten. Das Haus hat noch viel Potenzial.«
www.rehberger-grabenhaus.de

Bild oben: Waldgaststätte und Traditionshaus nahe St. Andreasberg: Margarethe und Volker Thale in der Gaststube des Rehberger Grabenhauses.
geschrieben von  maru