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Biotechnologie mit Handbremse Donnerstag, 01 Dezember 2016 11:16 Foto: Peter Pohl

Biotechnologie mit Handbremse

»Die Biotechnologie in unserer Region ist doch kaum nennenswert«, sagte mir kürzlich jemand. Falsch! In den Lebenswissenschaften forschen in Braunschweig derzeit mehr als 2000 Menschen, die forschungsinteressierten Ärzte unserer großen Kliniken und die Medizintechnik sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Es gibt aber offensichtlich viel zu wenig wirtschaftliche Verwertung dieses Potenzials. Diese erfolgt in diesem Hightech-Bereich typischerweise durch Start-ups. Und da liegen die Probleme der Region.

Dabei haben wir anderen Ländern unser Niedersächsisches Hochschulgesetz voraus: § 3 Abs. 1 (4) NHG fordert klipp und klar: »Aufgaben der Hochschulen sind … die Förderung des Wissens- und Technologietransfers sowie von Unternehmensgründungen aus der Hochschule heraus.« Versucht man als Mitarbeiter der TU diesen Dienstauftrag umzusetzen, merkt man jedoch bald, dass die »Förderung«, die das Gesetz fordert, durchaus wahrnehmbarer gestaltet werden könnte.

Liegt das an der TU? Klares Nein! Deren Technologietransfer und auch die iTUBS sind im Prinzip hervorragend aufgestellt, Gründer zu ermutigen und ihnen den perfekten Rahmen für erste Schritte in die Welt der Wirtschaft zu bieten. Doch alle müssen mit angezogener Handbremse arbeiten – in Form eines für die Beteiligten nicht durchdringbaren Gewirrs von hemmenden und verunsichernden Rechtsinterpretationen und Vorschriften. Will man z. B. einfach nur wissen, wie denn eine Ausgründung aus einer Hochschule heraus definiert ist und was Gründer im konkreten Fall dürfen, sind selbst Juristen und die Profis aus den Verwaltungsabteilungen überfordert. Auch Punkte wie die Subventionsregeln der EU oder Hinweise auf die mögliche Meinung des Landesrechnungshofs sind für den gründungswilligen Forscher in keiner Weise durchschaubar und wirken eher bedrohlich als ermutigend.

Dem allen kann abgeholfen werden: durch klare Regeln des Landes, die es den Unis endlich erlauben würden, das Wort »Förderung« im NHG wirklich als »Förderung« umzusetzen statt nur als »Duldung«. Zum Beleg, dass hier dringender Handlungs­bedarf besteht, langt ein Blick auf vielfältige Erfolge in anderen Bundesländern …

Das vor zehn Jahren durch den Titelgewinn »Stadt der Wissenschaft« entfachte Selbstbewusstsein dürfen wir auch bei unseren Lebenswissenschaften haben. Es gibt hier längst genug kritische Masse, genug Kernkompetenz, um neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, damit neue Märkte zu erschließen und hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Die typischen Biotech-Kunden kommen zudem von Anfang an aus der ganzen Welt und bringen so neues Geld in die Region.

Fazit & face it: Die Biotechnologie wächst weltweit mindestens genauso stark wie die IT-Branche. An diesem Wachstum könnte unsere bereits jetzt bio-forschungsstarke Region sofort weit mehr teilhaben – das Land muss nur die Handbremse lösen.

Dokumentation zur Verleihung des Technologietransferpreises der IHK Braunschweig am 04.11.2016

Bild oben: Stefan Dübel erinnert an den Gesetzes­auftrag der Landesregierung, ­Unternehmensgründungen aus der ­Hochschule heraus zu fördern. Er ist ­Professor für Biotechnologie an der TU Braunschweig und Träger des IHK-Technologie­transferpreises 2016. Dübel verfügt über langjährige Erfahrungen mit dem Technologietransfer, auch aus der TU-Ausgründung Yumab (siehe dazu unsere Titelgeschichte).

geschrieben von  wo