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»Schlechte Qualität will auch in Osteuropa niemand haben« Freitag, 08 Juni 2012 10:31 Foto: Heinz Gramann

»Schlechte Qualität will auch in Osteuropa niemand haben«

Die Zahl beeindruckt: Rund 180 000 Kleidungsstücke werden wöchentlich von der Deutschen Kleiderstiftung Spangenberg, Helmstedt, gesammelt – mehr als 50 000 Kilo Textilien, Schuhe, Taschen, Decken und Accessoires. Verteilt wird die sortierte Ware u. a. an Bedürftige in Albanien, Bulgarien, Lettland, Moldawien, Rumänien und Brasilien sowie an Kleiderkammern und soziale Einrichtungen in Deutschland. Unabdingbar ist dabei Qualität. »Der gönnerhafte Blick für Ost­europa ist hier verboten«, so Geschäftsführer Ulrich Müller.

gebaeude_520.jpgSeinen Ursprung hat das Helmstedter Sozialwerk in Berlin-Neukölln. 1957 begann eine Herrnhuter Brüdergemeinde auf Initiative des Pastors, Pakete in die DDR zu schicken. Die Aktion entwickelte sich so dynamisch, dass ein Domizil gesucht wurde, um die Hilfe zu steuern. Marienborn, an der Grenze, war als Standort ideal. In den 60er Jahren wurde hier zunächst eine ehemalige Margarinefabrik genutzt. Heute steht für die Sortierung eine 1000 Quadratmeter große Halle zur Verfügung.

»Der Kern unserer Arbeit ist die Sammlung in den Kirchengemeinden«

»Wir sind bekannt als Spangenberg-Sozial-Werk e. V., benannt nach Bischof August ­Gottlieb Spangenberg. Anfang 2012 haben wir nun eine Stiftung gegründet. Wir haben uns zukunftssicher aufgestellt. In der Namensgebung wird deutlicher, was wir sind. Wir agieren und sammeln in ganz Deutschland und liefern humanitäre Hilfe weltweit«, erläutert Ulrich Müller, der vor der Übernahme der Geschäftsführung 2008 im diakonischen Bereich tätig war. Gesammelt wird von rund 2500 Kooperationspartnern: von evangelischen Kirchengemeinden ebenso wie von Diakonie und Caritas, der Lebenshilfe, Oxfam und weiteren sozialen und paritätischen Einrichtungen. »Kern sind die klassischen kirchengemeindlichen Sammlungen.

»Der Recyclinganteil der Sammelware beträgt nur         7 Prozent«

Pro Jahr geben wir ungefähr eine Million Beutel aus, immer auf die entsprechende Sammlung zugeschnitten. Wir haben auch eine eigene Druckerei, in der die Sammelaufrufe vorbereitet werden.« Die Gebrauchtkleidung wird durch Neutextilien ergänzt: Verkaufsüberhänge oder B-Ware, die Handelsketten, Outlet-Stores oder Hersteller von Textilien und Schuhen der Deutschen Kleiderstiftung überlassen.

kleiderstaender_745.jpgWie wichtig Qualität ist, weiß Ulrich Müller auch von vielen Reisen. »Der gönnerhafte Blick – zu sagen: für die ist das doch noch gut genug – macht ökonomisch wie ökologisch keinen Sinn. Ausschließlich Haushaltsauflösungen sind nicht ausreichend effektiv für humanitäre Hilfe«, betont er. Vor 20 Jahren freute man sich sozusagen über jeden Fetzen. Doch die Ansprüche seien gestiegen. »Egal, wie wenig Geld die Leute haben – vernetzt sind sie alle. Und junge Leute auch dort haben ein gewisses soziales Standing. Da zählen die Nike-Schuhe und das Adidas-Shirt, auch wenn sie zu Hause auf Sprungfedern sitzen. Sie erkennen die Armut in Osteuropa nicht auf der Straße, sondern hinter den Fassaden. Man spart als erstes an den Stellen, an denen es keiner sieht.« Liefere man schlechte Qualität, wisse man: Das will auch dort niemand haben. Die Kleidung würde dann als Heizmittel benutzt. Da Spangenberg darauf hinweist, haben die Spenden in der Regel hohe Qualität. Der Recyclinganteil der in Helmstedt sortierten Originalsammelware beträgt nur sieben Prozent.

»Kommt die Hilfe wirklich an?«

Kommt die Hilfe wirklich an? Oder wird mit den Kleiderspenden nur ordentlich Geld gemacht? Diese Fragen kennt der Geschäftsführer. »Solche Vorbehalte sind ja zu Recht da«, sagt er. Der Markt sei derzeit überhitzt: viel Nachfrage und zu wenig Originalsammelware. »Deswegen sammeln gerade auch wieder sehr viele dubiose Sammler. Und wir haben bundesweit das Problem wilder Containeraufstellung, weil der Preis gerade interessant ist.« Dies gelte besonders für Schuhe, deren Marktpreis doppelt oder dreifach so hoch sein kann wie der von Textilien. Spangenberg indes arbeitet aus­schließlich nach den ethischen Standards des FairWertung e. V. Dieses Gütesiegel für Altkleidersammlungen bedeutet: Alle Sammelergebnisse und die Vermarktung an Sortierbetriebe unterliegen einer externen Kontrolle. »Die Mitgliedschaft im Dachverband ist die erklärte Bereitschaft, sich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern regelmäßig prüfen zu lassen: Zahle ich ordentlich Löhne? Sind die Vertriebswege transparent? Ist das Müllproblem gelöst? Der Spender kann sicher sein: Wir bereichern uns nicht und sind kein Entsorger.«

»Der Bedarf für Kleiderspenden ist auch in Deutschland da«

verarbeitung_520.jpgDer überwiegende Teil der Sammelware wird zum Kilopreis an von FairWertung ausgewählte gewerbliche Textilsortierbetriebe verkauft. »Die gesammelte Menge überfordert unsere haus­eigene Sortierung. Wir brauchen aber diese Masse, um die humanitäre Hilfe zu finanzieren«, erläutert Ulrich Müller. Finanziert werden die Hilfsleistungen zudem durch Geldspenden eines Freundeskreises.

Die in Helmstedt sortierte Sammelware wird auch in einem – für jeden zugänglichen – Outlet auf dem Gelände angeboten. Mit diesen Einnahmen werden Patenschaften in Brasilien finanziert. Darüber hinaus werden Kleiderspenden regionalen Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern zur Verfügung gestellt. Was gerade fehlt, zum Beispiel Übergrößen, wird geliefert. »Überall, wo eine Tafel oder eine Kleiderkammer öffnet, sieht man: Der Bedarf ist da – auch in Gegenden, die sozial völlig in Ordnung zu sein scheinen. Schauen Sie, wie viele Einrichtungen es allein in Braunschweig gibt, in einer Stadt, der es eigentlich gut geht.«

Beschäftigt werden in Helmstedt 20 Mitarbeiter. Die sechs Neueinstellungen in seiner Zeit als Geschäftsführer habe er über AGHs – durch das Arbeitsamt vermittelte Arbeitsgelegenheiten – kennengelernt, so Ulrich Müller. »Sie bewähr­ten sich und haben nun dauerhafte Arbeitsplätze.« Im humanitären Bereich der Stiftung werden Jugendliche gefördert, selbstständig und erfolgreich ihren Arbeitsalltag zu bestehen. »Kommen sie pünktlich an? Halten sie den Arbeitstag durch? Sie lernen hier, den Tag zu strukturieren.« Auch dies eine wichtige Aufgabe.

»Wir wünschen uns noch mehr B-Ware«

Für die Zukunft wünscht sich Müller eine noch stärkere Überlassung von Verkaufsüberhängen oder B-Ware. »Wir berücksichtigen dabei den Spenderwillen. Ist ein Unternehmen in bestimmten Ländern oder Regionen tätig, wird die überlassene Ware den Hilfslieferungen dorthin nicht beigemischt.« Derzeit spendet zum Beispiel eine Supermarktkette in Sachsen-Anhalt alle Rückläufe von Wochenangeboten. »Wir haben eine Top-Logistik. Meist muss die Kleidung binnen 48 Stunden abgeholt werden. Das ist kein Problem.« Gerne ausbauen würde man auch Kooperationen mit örtlichen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zum Sammeln motivieren. »Vereinbaren könnte man zum Beispiel Aktionen für ein bestimmtes Land.« Beliebt als Zeitpunkt sei St. Martin. »Das Teilen des Mantels – ein symbolischer Tag.«

(www.kleiderstiftung.de)

Bild ganz oben: »Weil der Preis der Sammelware gerade interessant ist, sind derzeit viele dubiose Sammler unterwegs«, sagt Spangenberg-Geschäftsführer Ulrich Müller.

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