Unsere Partner
Software aus dem »Blauen Haus« in Königslutter Dienstag, 27 Dezember 2016 10:41 Foto: Jörg Scheibe

Software aus dem »Blauen Haus« in Königslutter

Eine Denkfabrik in einem »Blauen Haus«, die nach dem altägyptischen Sonnengott Aton benannt ist – das ist für Königslutter höchst ungewöhnlich. Das Softwarehaus Aton sitzt in einem kräftig hellblau gestrichenen und mit teilweise runden Fenstern optisch auffällig gestalteten Haus in einer ruhigen bürgerlichen Nebenstraße in Bahnhofsnähe. Aton entwickelt Softwarelösungen für die verarbeitende Industrie und für die Logistikbranche, die mit besonderen Visualisierungstechniken arbeiten. »Wir sind mit unseren speziellen Softwarelösungen auf Nischenmärkten spitze und benchmarken gewissermaßen die Konkurrenz«, sagt Ingenieur Ralf Uetze, der das Unternehmen vor 25 Jahren gegründet hat.

Uetze ist als Unternehmer, was seine Karriere und seine Hobbys betrifft, ebenfalls ungewöhnlich. Er ist nebenbei Musiker, fing in Jugend- und Studentenjahren an den Keyboards mit Rockmusik und später Reggae an, spielt heute Jazz. Regelmäßig tritt er mit zwei Bands in der Region auf. Passt das zusammen – Unternehmer und Jazzmusiker? Auf jeden Fall, meint Uetze: »Musik ist für mich ein Ausgleich, beides gehört für mich zusammen.« Das Denken, die Kreativität und das Improvisieren in der Jazzmusik sei auch wichtig für die Arbeit eines Software-Entwicklers. Uetzes Fazit: »Ohne Musik wäre ich kein Ingenieur mehr.«

»Ungewöhnlicher Start als Unternehmer«

Mit Geld, das er als Musiker verdient hatte, startete Uetze 1991 mit 28 Jahren das Unternehmen. Er hatte Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Wolfenbüttel studiert und dann einige Jahre als Projektabwickler bei Siemens in Braunschweig und beim Kraftwerksbauer KWU gearbeitet. Er habe sich immer aktiv in die Arbeitsabläufe eingebracht und Verbesserungsvorschläge gemacht, erzählt Uetze: »Eigentlich wollte ich schon immer selbstständig und lösungsorientiert arbeiten.«

Auch der Start als Unternehmer war ungewöhnlich: Uetze hatte weder einen Businessplan noch Startaufträge. In seinem Zimmer im Elternhaus programmierte er mit Schwerpunkt grafische Oberflächen zunächst drauf los, bildete sich mit Fachliteratur aus Bibliotheken fort – denn das Internet fing damals gerade erst an zu laufen und Google gab es noch nicht. Ein Freund vermittelte dem Einzelkämpfer den ersten Auftrag: Eine visualisierte Steuerungssoftware im Bereich der Servicelogistik, mit dem ein Hersteller seinen Reparaturservice besser organisieren wollte. Uetze nutzte die Chance und die Richtung war vorgegeben: Software für die Servicelogistik war in den nächsten Jahren ein erster Schwerpunkt des Unternehmens.

Schon bald wurden erste Mitarbeiter eingestellt und das Unternehmen zog in fünf Räume einer Eigentumswohnung um. 1991 benannte Uetze das Unternehmen in den griffigen Namen Aton und kreierte für seine wachsende Zahl von Produkten die Marke Nexum. Uetze: »Wir hatten eine Entwicklung vom passiven zum aktiven Programmieren vollzogen.« Was heißt: Es wurden leicht handhabbare Softwarelösungen entwickelt, mit denen der Kunde selbstständig ohne großes Fachwissen logistische Prozess­abläufe individuell nach seinen Bedürfnissen modellieren kann. Heute werden Softwareprodukte von Aton in der Service- und Lagerlogistik der unterschiedlichsten Branchen eingesetzt: Vom Computer-Hersteller über die Kassensysteme eines großen Fastfood-Anbieters bis zum Regallager eines Logistikers. Seit neun Jahren sitzt das Unternehmen im »Blauen Haus«.

»Software für den ­Montagebereich«

1998 war Uetze in den Automotive-Bereich eingestiegen, was weiteres Wachstum brachte. Natürlich kam der erste Auftrag von VW. Heute bietet das Unternehmen mehrere Softwareprodukte zur Schraubdatendokumentation im Karosseriebereich an. Sie wurden schrittweise immer weiter verbessert. Mit ihnen wird das hochpräzise Anschrauben von Türen, Heckklappen, Motorhauben und anderen Teilen an die Karosserie gesteuert, gemessen und zur Qualitätssicherung dokumentiert. Dabei erhält der Werker am Band eine besondere visuelle Hilfe: Auf einem Touchscreen kann er sehen, was für ein Modell als nächstes kommt und was er machen muss. Zugleich wird das Schraubwerkzeug automatisch korrekt angesteuert und die Messwerte des Schraubvorgangs präzise erfasst und ausgewertet. Bei der neuesten dritten Generation dieser Schraubdaten-Software gibt es keine Touchscreens mehr, sondern sie wird in ein größeres Visualisierungssystem eines anderen Herstellers integriert.

»Schraubdaten-Software auch für Europa, China und Mexiko«

»Mit unserer Schraubdaten-Software sind wir in der Branche vorn«, betont Uetze. Der VW-Konzern sei mit mehreren Marken der größte Kunde, die Software werde in verschiedenen Werken in Europa, China und Mexiko eingesetzt. Auch Porsche in Leipzig ist dabei. Andere Autohersteller im In- und Ausland haben die Software inzwischen ebenfalls geordert. Zudem wird sie heute auch in anderen Industriebereichen eingesetzt, erzählt Uetze: Überall da, wo geschraubt wird – von der Medizinflasche bis zum Panzer.

»Industrie 4.0 ist ein alter Hut«

Das kleine spezialisierte Softwarehaus beschäftigt derzeit 15 Mitarbeiter, darunter Software-Entwickler aus Polen und Armenien. Es gibt einige feste freie Partner in Polen, Russland und Mexiko, die das Unternehmen vor Ort vertreten. Über die aktuelle Diskussion »Industrie 4.0« wundert sich Uetze ein wenig. Das Thema sei doch überhaupt nicht neu. »Das machen wir erfolgreich schon seit 15 Jahren.«

Bild oben: »Industrie 4.0 machen wir schon seit 15 Jahren«, wundert sich Ralf Uetze über die aktuelle Diskussion.

geschrieben von  sie