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Elektrobusse aus Salzgitter: Stark steigende Nachfrage Donnerstag, 27 April 2017 09:35 Foto: André Pause

Elektrobusse aus Salzgitter: Stark steigende Nachfrage

Die Bezeichnung Hidden ­Champion trifft auf die 2014 von Murat Bozankaya gegründete Sileo GmbH gleich in zweifacher ­Hinsicht zu. Zum einen dürfte der Name des bislang einzigen deutschen Herstellers von Elektrobussen nur Insidern ein Begriff sein. Zum anderen ist der Unternehmenssitz identisch mit dem der Bozankaya GmbH im Gewerbegebiet Salzgitter-­Watenstedt. Nur ein unscheinbares Schild an der Einfahrt für Warenanlieferungen im Carl-Zeiss-Weg 6 deutet darauf hin, dass hier ein Team von etwa 100 Leuten sehr erfolgreich an Elektrofahrzeugen für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) arbeitet. 29 Elektrobusse hat Sileo, dem ersten veritablen Marktjahr, in Deutschland verkauft, 20 weitere in der ­Türkei. Dieses Jahr ­sollen es etwa 100 Fahrzeuge werden, und für 2018 ist die 200er-Marke avisiert.

Vertriebsleiter Sven Bohnstedt wirkt entsprechend stolz, wenn er über das Unternehmen spricht, dem er seit einem Jahr angehört. Zwei bis drei Tage in der Woche ist der 43-Jährige am Hauptsitz in Salzgitter anzutreffen, die übrige Zeit verbringt er unterwegs bei Interessenten oder Kunden im gesamten Bundesgebiet. Das Home-Office und die Familie in Hamburg sieht er höchstens an zwei Tagen, von Montag bis Sonntag.

Konkrete betriebswirtschaftliche Kennzahlen lässt sich Bohnstedt nicht entlocken, und auch was die Verkaufspreise der drei angebotenen Busvarianten (zehn, zwölf und 18 Meter) anbelangt, ist Orakeln angesagt. Die erst kürzlich in Wirtschaftsmedien aufgestellten Kalkulationen stimmten jedenfalls nicht so ganz. Korrekt sei allerdings die Annahme, dass ein Elektrobus etwa den doppelten Preis eines Dieselbusses hat. Was dies hinsichtlich des Umsatzes bedeute, könne ja jeder bei einem Blick in die bekannten Automobilportale überschlagen.

»Für ÖPNV-Alltag ­hervor­ragend geeignet«

Weitaus offener gibt sich Bohnstedt, was die Vertriebserfolge von Sileo – der Firmenname ist an den lateinischen Begriff für Stille, Silencio, angelehnt – anbelangt. 16 Fahrzeuge seien in Deutschland aktuell schon auf der Straße, rechnet er vor: sechs in Bonn, drei in Salzgitter, zwei in Bremen, zwei in Bad Langensalza und jeweils eines auf Sylt, in Ahlen und in Aachen. »Jetzt haben wir Hamburg, Neuss, Darmstadt und Lübeck gewonnen, für Trier haben wir ein gutes Gefühl. Das Thema nimmt immer mehr Fahrt auf, weil die Leute erkennen, dass E-Mobilität kein Scherz ist, sondern gelebte Realität. Ich gehe davon aus, dass dieses Jahr noch zehn bis 20 Ausschreibungen aufploppen werden, auf die man sich bewerben kann«, skizziert der Vertriebschef.

Woran das liegt? Eindeutig forcieren politische Restriktionen die fossilfreie Anschaffung immer mehr. Aber auch technisch ist der Elektrobus prädestiniert für den ÖPNV-Alltag. Da leistet er – neben der Schonung des Mikroklimas, der verringerten Schadstoffbelastung und der verminderten Geräuschemission – eine im Vergleich zum Dieselbus wesentlich schnellere Beschleunigung, was ein rasches Einfädeln in den fließenden Verkehr gewährleistet.

»Der Standort Salzgitter hilft im Wettbewerb«

Ein großes Plus auf dem anspruchsvollen deutschen Markt ist die derzeitige Wettbewerbssituation. Konkurrenz gibt es augenblicklich ausschließlich aus dem Ausland. Zu nennen seien hier vor allem BYD aus China, Solaris aus Polen und VDL aus den Niederlanden. »Aus Vertriebssicht betrachtet ist das gerade eine sehr schöne Zeit. Die Großen, MAN und Mercedes, sind noch nicht auf dem Markt. Wir sind jetzt vor der Welle und können beweisen, dass wir es können: Unsere Nische ausbauen, zum Massenhersteller werden«, frohlockt Bohnstedt. Als deutscher Anbieter habe man zudem den Vorteil wegfallender Sprachbarrieren und von Salzgitter aus einen relativ guten Zugang zu Aftersales-Themen. Ein entsprechendes Netz befinde sich gerade im Aufbau. »Unser Ziel ist es den Standort zu stärken«, betont Bohnstedt. Ob es bei der derzeit etwa 70-prozentigen Wertschöpfung vor Ort bleiben wird, wenn es in die Masse geht, vermag der Sileo-Vertriebschef freilich nicht zu prognostizieren.

»Klare Ansage an die Region«

Firmengründer Murat Bozankaya entwickelt seit fast 30 Jahren Karosserien für Busse. Das Gerüst der Elektrobusse wird genauso wie die von Bozankaya vertriebenen Diesel- und Gasbusse in Ankara produziert. »Wir haben dort eine Anlage für eine besondere Beschichtung gegen Durchrostung von MAN, da gibt es also Synergieeffekte«, erklärt Sven Bohnstedt. Auch die Verglasung und die Verlegung von Kabelbäumen erledigen die Mitarbeiter in der türkischen Hauptstadt. »Anschließend kommt das Fahrzeug auf dem Tieflader hierher. Die Innenausstattung, der Fahrerarbeitsplatz, Bedienknöpfe, Software, die Elektronik für die Außenanzeigen (ITCS) und die Kommunikation des Fahrzeugs, das Batteriesystem, das Antriebssystem und die Achsen kommen aus Salzgitter. Wir sind dabei, uns im Karosseriebau mit einem Partner zu verstärken. Wenn wir alles selbst aufbauen, dauert es zu lange. Wir können dann bis zu drei Karosserien am Tag herstellen und entsprechend mehr Fahrzeuge ausliefern. Sicher ist aber, dass wir den Antrieb – sozusagen das Gehirn des Busses – an diesem Standort produzieren«, liefert Bohnstedt eine klare Zusage an die Region.

»Die Batterie als Gehirn«

Das »Gehirn« ist beim Gang durch die Betriebshalle zu besichtigen. Die Augen des Vertriebsmannes und studierten Wirtschaftsinformatikers beginnen zu funkeln, als er die über den beiden mächtigen einbaubereiten Batteriebänken liegende Abdeckung zurückwirft. Noch stehen die silberfarbenen Kästen aufgebockt neben dem zu bestückenden Bus. Demnächst werden sie, weit vom Fahrgast entfernt, parallel im Dach einer bereitstehenden Karosserie verbaut. 40 Zellen sind es insgesamt, 20 pro Bank. Löst man die Schrauben, kann jede einzelne Zelle aus dem Gesamtsystem herausgezogen werden. Die Leistungselektronik, die darauf verbaut ist, sagt die Temperatur an, kontrolliert und regelt, ob die Zelle mit Gleich- oder Wechselstrom geladen wird, ob sie balanciert oder schnell geladen wird. Sie zeigt, wann die Zelle voll ist und sie schaltet die Zelle, wenn sie voll ist, aus dem Ladesystem, so dass sie weniger oder keine Leistungsverluste haben«, erklärt Bohnstedt das komplexe Konstrukt, während er über die Bänke gebeugt ist.

»Ladeinfrastruktur wird zum Schlüsselthema«

Bislang können Reichweiten von über 250 Kilometer hinaus garantiert werden. Ein Richtwert, denn ein erfahrener Fahrer schaffe durchaus 400. Und auch die Ladezeit sei individuell, hänge stark von der Leistung auf den Betriebshöfen ab. 80-Kilowatt-Geräte bräuchten lediglich zweieinhalb bis drei Stunden, allerdings seien die Voraussetzungen hierfür noch nicht überall gegeben. Bohnstedt: »Die Ladeinfrastruktur wird in Zukunft eines der wichtigsten Themen. Zwei oder drei Fahrzeuge sind nicht das Problem. Wenn man wie in Hamburg ab 2020 aber 1600 Busse laden muss, brauche ich Umspannwerke und Ideen, wie man das alles intelligent löst. Da sind wir noch im Entwicklungsprozess. Wir nennen das dynamische Ladematrix.«

Parallel dazu kommt zum Frühherbst ein neues vom Klassischen zum Futuristischen gewendetes Karosserie-Design auf den Markt. Außerdem nähert sich Sileo der nächsten Zellengeneration mit höherer Reichweite. Auch eine Wärmepumpe, die in den Fahrzeugen den Schritt von der Teil- zur Vollklimatisierung bringt, soll dann gespeist werden können.

»Keine Angst vor dem Wettbewerb mit den ­Großen«

Um auch künftig ein Garant für Innovationen und ein Pionier in Sachen E-Mobilität zu sein, setzt die Sileo GmbH neben den klassischen Ausbildungswegen im Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit den Hochschulen in der Region. So wird derzeit unter anderem ein Testfahrzeug aufgebaut, in dem Projekte der Ostfalia Hochschule erprobt und in das absolute Neuheiten implementiert werden sollen. Rund um dieses Fahrzeug können beispielsweise Bachelorarbeiten geschrieben oder neuentwickelte Software ausprobiert werden – aber auch Parameter der Sileo-Ingenieure dürften hier einfließen. Noch gebe es keinen festen Termin, aber das Fahrzeug soll in absehbarer Zeit der KVG übergeben werden, damit es im Linienbetrieb mitlaufen und valide Daten liefern kann, blickt Bohnstedt voraus. Für die Zukunft ist er zuversichtlich: »Ich denke, dass wir im Konkurrenzkampf mit den Großen sehr gut bestehen können, wenn wir auf dem Weg bleiben, den wir jetzt gehen.«


Bild ganz oben: Eine Buslänge voraus in Sachen E-Mobilität: Sileo-Vertriebsleiter Sven Bohnstedt.
 

geschrieben von  pau