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»Die Ausbildung ist ein komplexer Prozess, der professionell und verantwortungsvoll begleitet werden muss« Dienstag, 12 September 2017 10:32 Foto: André Pause

»Die Ausbildung ist ein komplexer Prozess, der professionell und verantwortungsvoll begleitet werden muss«

Mehr als 44 Millionen Menschen sind in Deutschland erwerbstätig – das ist Rekordniveau. Viele Unternehmen wollen ihr Personal weiter aufstocken, doch der zunehmende Fachkräftemangel bremst sie immer öfter aus. Ein intaktes Aus- und Weiterbildungswesen kann da ­helfen. Die Möbelhof Adersheim GmbH & Co. KG im Landkreis Wolfenbüttel hat dieses Thema 60 Jahre lang – so lange existiert das Unternehmen – immer wieder hintenangestellt. Jetzt wird dort erstmals ausgebildet.

Mit angestoßen hat diesen für Außenstehende vielleicht überraschenden Prozess des Umdenkens die Personal- und Verwaltungsleiterin Katja Krella, die ihre Ausbildereignungsprüfung vor der IHK bereits im Jahr 2006 abgelegt hat. Gemeinsam mit Marcel Bargholz der seit 2003 im Unternehmen tätig ist und seit 2015 die Geschicke des Möbelhofes als Geschäftsführer leitet, machte sich Krella Gedanken, wie dem »kleinen Generationswechsel« im Haus erfolgreich begegnet werden könnte. Für den 2014 verstorbenen Inhaber Martin Krisp (Sohn des Gründers des Unternehmens) hatte das Thema nie Priorität. »Meine Vorgänger meinten immer: Ich habe Betriebswirtschaft studiert und mache den Job seit 20 Jahren, wenn ich jetzt noch meine Eignung mit einer Ausbildereignungsprüfung unter Beweis stellen soll, dann lasse ich es halt«, so der Geschäftsführer schmunzelnd.

Zaghafte Anläufe

Die Inhaber in dritter Generation, die beiden Söhne von Martin Krisp, seien diesbezüglich aufgeschlossener. »Ich selbst habe in den Jahren davor sicher schon über Ausbildung nachgedacht und auch zaghafte Anläufe unternommen. Wir hatten sogar Bewerber hier, haben aber irgendwie nie die richtigen gefunden. Rückblickend betrachtet waren wir unter dem Strich vielleicht etwas halbherzig dabei«, skizziert Bargholz freimütig. Fahrt aufgenommen hat das Thema dann umso mehr durch die Rückkehr des Lager- und Logistik­leiters Dirk Tesch ins Unternehmen. Ihn konnte Geschäftsführer Bargholz für das gemeinsame Drücken der Schulbank in der Welfenakademie gewinnen. »Wir haben unseren Ausbilderschein dort gemeinsam gemacht. Für den Verkauf hätten wir den zwar gar nicht unbedingt machen brauchen, weil eine Mitarbeiterin ihn hat. Aber wenn man ausbildet, ist man letztlich in der Verantwortung, und ich wollte schließlich wissen, was zum Beispiel rechtlich zu beachten ist. Das wollte ich mir von der Pike auf im Kurs aneignen. Die Ausbildung ist ja ein komplexer Prozess, der jederzeit professionell und verantwortungsvoll begleitet werden muss«, findet der Chef. Die zündende Idee, als es nach bestandener Prüfung im April um die Suche des geeigneten Personals ging, hatte freilich Dirk Tesch.

Zusammenarbeit mit dem ABV

Der Lager- und Logistikleiter arbeitete bei seinem vorherigen Arbeitgeber erfolgreich mit dem Ausbildungsverbund der Wirtschafts­region Braunschweig/Magdeburg e. V. (ABV) zusammen. »Ich habe mir gedacht, dass sich das Thema Ausbildung für einen mittelständischen Betrieb wie unseren vielleicht ein bisschen leichter gestalten könnte, wenn wir einen Kooperationspartner haben, der uns in allen Belangen unterstützt«, erklärt Tesch. Er war es, der den Kontakt zu Marita Schurig herstellte. Und siehe da: die ABV-Betreuerin konnte ad hoc helfen. Der 20-jährige Justin Ruhrmann hatte seine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik bei einem anderen Betrieb begonnen, war aber unzufrieden mit den dort zu bewältigenden Aufgaben.

Weitere Auszubildende ­sollen folgen

»Als mir vorgeschlagen wurde, die Ausbildung hier im Möbelhof weiterzuführen, war ich erleichtert. Jetzt bin ich sehr zufrieden. Gute Aufgabenverteilung, nette Mitarbeiter, ein tolles Team – da passt alles«, betont Ruhrmann lächelnd. Seit Mai ist der Salzgitteraner im Unternehmen, im kommenden Jahr wird er, sofern alles planmäßig läuft, fertig. Davon gehen neben dem künftigen Lagerspezialisten auch Dirk Tesch, Katja Krella und Marcel Bargholz felsenfest aus. Genau wie die neuen jungen Kollegen Jan-Hendrik Hinzer (17), der Anfang August seine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement begonnen hat, und Franziska Wagner (20), die Kauffrau im Einzelhandel wird, soll Justin Ruhrmann nach der Ausbildung in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen werden.

Dem Fachkräftemangel ­vorbeugen

In Zukunft setzen Katja Krella und Marcel ­Bargholz auf eine Verstetigung der Prozesse. »Das ganze ist ja auch Neuland für uns«, verdeutlicht der Geschäftsführer. Allerdings solle nicht zwangsläufig in jedem Bereich mit derselben Intensität ausgebildet werden. Während es in der Verwaltung zunächst bei einer Nachwuchskraft bliebe, würden für die Bereiche Lager und Verkauf in den Folgejahren weitere Auszubildende gesucht. Dabei gehe Qualität immer vor Quantität. »Wichtig ist uns, dass die jetzigen Auszubildenden vernünftig betreut werden«, so Bargholz. Insgesamt hat der Möbelhof Adersheim derzeit 53 Mitarbeiter – zehn arbeiten in der Lagerlogistik, zehn in der Verwaltung, der Rest im Verkauf. Der, geht es um Fragen der Aus- und Weiterbildung, gerne ins Feld geführte Fachkräftemangel sei übrigens nicht alleinig der Grund dafür, dass im Möbelhof jetzt ausgebildet wird. Obschon das Rekrutieren geeigneter Mitarbeiter im Verkauf sowie im Montagebereich schon spürbar schwerer werde. »Mittlerweile arbeiten Mitarbeiter hier über das Renteneintrittsalter hinaus weiter. Im Bereich Montage erleben wir seit Jahren, dass der Markt leergefegt ist. Sobald es um qualitativ hochwertige Möbel, um Wissen und Planung geht, haben wir das gleiche Problem mittlerweile jedoch auch im Einzelhandel«, sagt Marcel Bargholz, der als Ursache dafür die vergleichsweise unattraktiven Arbeitszeiten ausgemacht hat. »Da sind viele junge Leute, die inzwischen frei heraus sagen: das sind nicht meine Zeiten.«

Veränderungen in der Branche

Überhaupt habe sich einiges verändert in der Möbelbranche der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. Die Kundenstruktur des eigenen Hauses – elf Prozent kommen aus Braunschweig, drei Prozent aus Goslar, der Rest hälftig aus Wolfenbüttel und Salzgitter – sei zwar in etwa gleich geblieben, schildert Marcel Bargholz. Stark verschoben hätte sich allerdings die Nachfrage nach einzelnen Produkten beziehungsweise Warengruppen. »Die Küche ist mittlerweile klar das Produkt Nummer Eins, die stand früher bei weitem nicht so sehr im Mittelpunkt. Dabei werden heute gar nicht zwangsläufig mehr Küchen verkauft, aber immer größere und wertigere. Sehr viel Geld wird in Deutschland auch für Polstermöbel ausgegeben. Das sind aktuell die Kernwarengruppen. Zu meiner Anfangszeit – ich kenne die Branche seit 1988 – kamen noch Leute in den Laden und haben gesagt: Ich möchte eine komplette Wohnungseinrichtung kaufen. Das gibt es heute eher seltener.«

Darüber hinaus gebe es unter den Möbelhäusern auch immer mehr kleinere Spezialisten, die nur Garnituren, Betten oder Küchen anbieten. Die extreme Verdichtung des Marktes, verstärkt durch die vermehrt ins europäische Ausland abgewanderte Produktion, habe bislang wenig Auswirkungen auf den recht stabil im mittleren zweistelligen Millionen­bereich liegenden Jahresumsatz, wohl aber auf die Ausbildung: »Damals war es Pflicht, alles zu können. Heute läuft das fokussierter. Die Warengruppen bezogene Schwerpunktsetzung erfolgt heute schon vor der Abschlussprüfung während der Ausbildung«, erklärt Geschäftsführer Bargholz.

Cross-Channel ist noch Zukunftsmusik

Relativ gelassen wird im Unternehmen unterdessen die Konkurrenz durch den Online-­Handel beobachtet. Das mag am Altersschnitt liegen, denn der klassische Möbelhof-Kunde ist zwischen 40 und 55 Jahre alt. Marcel Bargholz ist aber auch klar: »Ewig wird man sich natürlich nicht verweigern können. Wir müssen schauen, wie sich das entwickelt. Geld wird im Internet – was unsere Branche anbelangt – nicht verdient. Da ist vieles noch im Aufbau. Wenn sich das eingespielt hat, wird der Möbelhof auch mit einem Shop online gehen. Derzeit ist für uns allerdings viel wichtiger, dass wir einen ordentlichen Internetauftritt haben.« Dass der Cross-Channel-Verkauf derzeit noch Zukunftsmusik birgt womöglich auch Chancen: vielleicht lassen sich die Ausbildungsaktivitäten des Hauses ja auch auf diesen Bereich ausdehnen.

Bild ganz oben: (v. l.) Marita Schurig (Ausbildungsverband), die Auszubildenden Jan-Hendrik Hinzer und Justin Ruhrmann, Möbelhof-Geschäftsführer Marcel Bargholz, Katja Krella (Personal- und Verwaltungsleitung) sowie Dirk Tesch (Lager- und Logistikleitung).

geschrieben von  pau