Unsere Partner
»Die Stadt könnte ein ­riesiger Garten sein« Montag, 17 Oktober 2016 10:21 Foto: Frank Bierstedt

»Die Stadt könnte ein ­riesiger Garten sein«

Sein Zuhause ist es nicht, aber sein zweites Zuhause: Wenn Burkhard Bohne durch den Klostergarten in Riddagshausen führt, dann blüht er auf. Wobei der Gärtnermeister ja generell als zugewandter, unterhaltsam erzählender Experte bekannt ist. Der Technische Leiter des Arzneipflanzengartens der TU Braunschweig hält viele Vorträge, hat 2011 eine Kräuterschule gegründet und ist auch als Kolumnist und Ratgeber in TV-Beiträgen gefragt. Neun Bücher hat der 54-Jährige zudem verfasst. Zum Klostergarten indes hat er eine besonders starke Beziehung. Er hat ihn konzipiert und hat den Aufbau fachlich begleitet.

»Der damalige Pastor Thomas Hofer hatte 1995 auf der Messe Harz und Heide einen Stand neben meinem. Bei ihm sah man die Klosterkirche als Modell. Ich informierte über Klostergärten. Da war die Idee geboren«, berichtet er. Der Klostergarten entstand an historischer Stelle. Im Mittelalter befand sich hier bereits ein Garten. Zur Rekonstruktion diente eine Pflanzliste Karls des Großen von 795. »Die war sehr populär. Sie wurde oft für Landgüter und Klostergärten verwendet.« Vorbild war zudem der Gartenplan des Klosters St. Gallen.

»Pastinaken und Mangold sind wieder en vogue«

»Nach Karl dem Großen haben wir die Möglichkeit, 30 verschiedene Gemüse anzubauen. Natürlich gibt es hier Sellerie, Kohl und Radieschen, aber auch Gemüse, das nicht so populär ist, zum Beispiel Melde, das Blattgemüse, bevor man Spinat kannte. Das ist eigentlich ein Acker­unkraut und wurde dann pragmatischerweise gegessen. Eher exotisch waren zunächst auch Pastinaken und Mangold. Inzwischen ist ja beides wieder en vogue.« Ein Anliegen bei der Anlage des Gartens war, die jeweils ältesten regionalen Sorten zu finden. So gedeihen nun in Riddagshausen auch blutrote Braunschweiger Zwiebeln und Braunschweiger Spitzkohl. Innerhalb der Pflanzliste wird im Lauf der Jahre gewechselt. 18 Beete sind meist doppelt belegt.

»Eine echte Revolution«

Der benachbarte Kräutergarten kombiniert mediterrane Heilkräuter und einheimische Heilpflanzen. »Die mediterranen Heilkräuter wurden von den Römern zu uns gebracht. Eine echte Revolution. Sie waren oft viel aromatischer und wohl auch wirksamer als die bis dahin gekannten. Die Mönche haben dann ausgefeilte Anbautechniken entwickelt. Durch die Benediktinerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen sind viele einheimische Heilpflanzen dazugekommen. So gab es in Klostergärten fast alle damals bekannten Heilpflanzen – und entsprechend entwickelte sich die legendäre Klosterheilkunde.«

Welches sind seine eigenen Heilkräuter-­Favoriten? »Besonders wirksam ist der Salbei«, so Burkhard Bohne. »Der enthält ätherische Öle, die desinfizierend wirken. Aus der Volksheilkunde kennen viele Salbeitee zum Gurgeln bei Hals- und Zahnschmerzen. Aber man kann mit ihm auch kleine Wunden desinfizieren – und mit dem rauen Blatt die Zähne putzen. Das austretende ätherische Öl desinfiziert den Mundraum. Dafür gibt es kein einheimisches Pendant.«

»Besonders wirksam ist Salbei«

Sehr wirksam sei auch das Mutterkraut. »Hildegard von Bingen empfahl es bei Kopfschmerzen, Migräne und Frauenleiden – die Blätter und Blüten als Tee. Sie hat die Wirkung dokumentiert. Das wurde aber wieder vergessen. Im späten 20. Jahrhundert hat man dann in der Pflanze eine Wirkstoffkombination gegen Migräne gefunden, allerdings reicht die Dosierung als Tee nicht aus. An der Kräuterheilkunde ist viel dran. Man sollte das Wissen pflegen und es nicht nur mit Tabletten versuchen.« Knapp 50 Kräuter gibt es derzeit im 2004 eröffneten Klostergarten. Im südlichen Teil des Geländes, hinter der Siechenkapelle, wurde zudem eine Streuobstwiese mit Äpfeln, Birnen, Quitten und Mispeln angelegt.

In den nächsten Jahren soll der idyllische Klostergarten nun noch weiter wachsen. Alle Weichen für den Ausbau sind gestellt. Geplant sind unter anderem eine neue Wegeführung und vier größere Themengärten, unter anderem mit Getreide und historischem Gemüse.

Betreut wird das Areal seit 14 Jahren durch naturwerk, einem Beschäftigungsbetrieb der Stiftung Neuerkerode, und durch ehrenamtliche Kulturpaten. Wöchentlich donnerstags pflegen sie die Kräuter- und Gemüsehochbeete und bereiten Produkte zu. »In den Garten kommen auch regelmäßig Schulklassen und Umweltinteressierte. Themen wie nachhaltiger Landbau, Kräuter und altes Gemüse rücken wieder in den Fokus von vielen.«

»Bebelhof: Wer mit­gärtnert, darf miternten«

Auch am Bebelhof gibt es eine solch erfreuliche Entwicklung. Dort wurde im Frühling 2015 unter Federführung der Volkshochschule eine rund 2000 Quadratmeter große Fläche belebt. Jeder kann hier helfen, Salat, Gemüse, Obst und Kräuter anzubauen. 100 Hochbeete werden bereits betreut. In Holzkisten wachsen zum Beispiel Tomaten, Kartoffeln, Kohlrabi, Erbsen, Bohnen, Auberginen, Fenchel, Kürbis, Spinat und Rote Beete. Wer mitgärtnert, darf miternten. Burkhard Bohne bietet im Stadtgarten Bebelhof kostenlose Gartenworkshops an.

Das Konzept findet er sehr reizvoll: »Kurze Wege in der Ernährung, bessere Ernährung, eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und dazu eine nachhaltige Verbesserung des Freizeitgefüges – davon sollte es deutlich mehr geben.« Er berichtet von drei Berliner Projekten, die er mitgestaltet. »Da gibt es zum Beispiel ein Start-up von Studenten. Flüchtlinge dürfen kochen, Gäste bezahlen das Essen. Der größte Teil der Einnahmen kommt den Flüchtlingen zugute. Zwei Eingänge weiter gibt es einen Bioladen. Dazwischen haben wir ein Urban-Gardening-Projekt begonnen. Alles floriert. Man kann viel bewegen, wenn man zusammen etwas Größeres versucht.«

Auch privat hat er noch Spaß am Buddeln und Gestalten. Sein eigener Reihenhaus-Garten in Rautheim hat »eher Wildgartencharakter«, erzählt der Vater von drei Kindern. »Wir haben einen wunderschönen, historischen Boskoop-Obstbaum und eine naturgemäße Anlage, eingefriedet von einer großen Hainbuchenhecke. Ich liebe Wildpflanzen und Frühlingsblüher. Wir haben als einzige in der Neubausiedlung eine Vogelwelt um uns herum, um die uns viele beneiden.«

»Garden your city«

Ginge es nach ihm, dann würde die Stadt »ein riesiger Garten« sein. In seinem neuesten Buch »Garden your city: Wenn die Stadt zum Garten wird« berichtet er, wie man auch auf einem kleinen Flecken Grün Obst, Gemüse und Kräuter anbauen kann: auf dem Balkon, im Hinterhof, als vertikaler Garten, auf Garagen oder einer brachliegenden Fläche. Ein Thema sind auch seine Erfahrungen mit Stadtgärten. Er weiß: »Um Akzeptanz zwischen Menschen zu schaffen, ist ein Garten ein tolles Medium.« So würde er es auch begrüßen, wenn Teile von Braunschweiger Parks zu Gemüsegärten würden. »Essbare Stadt – mit diesem Konzept war Andernach erfolgreicher Vorreiter. Rund 50 Städte haben es inzwischen übernommen. Die Gärten, in denen sich Anwohner versorgen können, werden gepflegt und geliebt. Das könnte hier auch klappen. Es gibt in Braunschweig unheimlich viele naturverbundene Menschen. In jedem Viertel könnte man Flächen nutzen und damit auch Identität schaffen. Die Sehnsucht nach einem Stück Garten in der Stadt ist bei vielen unendlich groß.«

Bild ganz oben: Burkhard Bohne ist begeistert, wie nachhaltig die Mönche früher gewirtschaftet haben.

geschrieben von  wo