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Viel Herzblut für ein altes ­Fachwerkhaus Mittwoch, 11 Januar 2017 09:48 Foto: Peter Pohl

Viel Herzblut für ein altes ­Fachwerkhaus

Ich bin Mitte Dezember auf dem Weg nach Salzgitter-Ringelheim. Hier wohnt Andreas Schweiger, ­Leiter der Wirtschaftsredaktion der Braunschweiger Zeitung, mit seiner Familie. Alles, was ich über sein Privatleben weiß: Er liebt sein altes Fachwerkhaus, erbaut um 1711, an dem er gern herumwerkelt.

Fachwerk-Feeling schon beim Betreten des Grundstücks. Ich bedaure, nicht im Frühling gekommen zu sein, wenn an der linken Seite der Haustür eine gelbe hochwüchsige Edelrose blüht und an der rechten eine rote.

Fachwerk-Gemütlichkeit auch im Innenbereich, mit niedrigen Decken und Holzfußböden, zum Beispiel in der großräumigen Küche, dem Herzstück des Hauses. Es ist der Lieblingsplatz von Andreas Schweiger, seiner Frau Valea, den ­Kindern Emil (7) und dem quirligen Anton (2) sowie offensichtlich auch der Hauskatze Tiffi.

»Decke raus, Licht rein«

Wenn Andreas Schweiger über die umfangreichen Um- und Anbauten berichtet, merke ich sofort: Hier spricht jemand vom Fach, der selbst Hand anlegt. Am Beispiel der Fußböden beschreibt er präzise, wie er vorgegangen ist: Zunächst wurde einen Meter tief ausgeschachtet und der Erdboden durch eine »kapillarbrechende« Kiesschicht ersetzt, darüber eine Styropordämmung, auf der die Bodenplatte gegossen wurde. Zuletzt wurde darauf der Holzfußboden gesetzt. »Das habe ich fast alles selbst gemacht.«

Im Außenbereich des Hauses dominiert der Klinker, innen der Lehm, ein Ökobaustoff, der wieder stark im Kommen ist. Der Lehmputz, so der Bauherr, werde in drei Schichten aufgetragen. »Das ist eine Kunst, die ich mir nicht zutrauen würde. Der Lehm muss exakt die richtige Feuchtigkeit haben, sonst entstehen Risse.«

Bevor Andreas Schweiger, der in Wolfsburg aufgewachsen ist, zum Journalismus kam, absolvierte er in Obernfeld im Eichsfeld eine Ausbildung zum Tischler. Das versetzt ihn in die Lage, viele Arbeiten am und im Haus selbst übernehmen zu können und vor allem, die Phantasie zu haben, was in einem Fachwerkhaus durch das Versetzen der Wände und das Öffnen der Decken möglich ist, um trotz der niedrigen Decken für viel Licht im Haus zu sorgen.

Andreas Schweiger wurde in seiner Zeit als Redakteur bei der Salzgitter Zeitung auf das Haus aufmerksam und zog 2001 mit seiner Familie ein. Der Vorbesitzer war Seemann und hat etliches zurückgelassen, zum Beispiel Speisekarten der Deutschen Afrika-Linie aus den 30er Jahren. Eine davon hängt heute gerahmt in der Küche und zeigt, dass es am 13. Juni 1936 als Vorspeise eine Kraftbrühe und als Hauptgericht gebratenen Butt gab.
Valea Schweiger, die als Freie Journalistin unter anderem für die Salzgitter Zeitung und die Hildesheimer Allgemeine arbeitet, erzählt, dass die Ringelheimer sich nicht automatisch nach Braunschweig orientieren, sondern schon mal nach Hildesheim fahren. Den Einkauf des alltäglichen Bedarfs erledigt sie zusammen mit ihrem Mann entweder in Ringelheim oder Salzgitter-Bad. »Aber wir haben auch Goslar für uns als Einkaufsstadt entdeckt. In der Innenstadt ist viel Betrieb, und wir brauchen nur eine Viertelstunde.«

»Ein kleiner Knoten der DB«

Was Ringelheim verkehrstechnisch so sympathisch macht, sei ein kleiner Knoten der Deutschen Bahn. Die aus Herzberg und Bad Harzburg kommenden Züge würden nicht nur nach Braunschweig, sondern auch nach Hannover fahren. Die Gleise führen direkt am Grundstück der Schweigers vorbei. Die Kinder finden das ganz toll, und die viermal in der Stunde verkehrenden modernen Alstom-Triebwagen machen längst nicht mehr den Lärm alter Diesel-Loks, so dass sich keines der Familienmitglieder gestört fühlt. Andreas Schweiger hat aus einer früheren Verbindung zwei Söhne, Jakob (17) und Hans (12), die heute in Hamburg leben, aber regel­mäßig nach Ringelheim kommen. Dann wird im Garten Fußball gespielt.

»Wenn ein Wolfsburger eine Liebeserklärung an Salzgitter macht«

»Wir nehmen nicht nur durch Kindergarten und Schule rege am Dorfleben teil«, verrät Valea Schweiger, die aus Salzgitter-Lebenstedt stammt. Ihr Mann sei passives Mitglied der Feuerwehr und arbeite im Beirat des Bürgervereins mit. In dieser Funktion trägt er unter anderem zum Erscheinen des viermal im Jahr erscheinenden Bürgerblattes bei.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Wolfsburger eine Liebeserklärung für Salzgitter formuliert: Die Stadt sei ebenso wie Wolfsburg viel, viel besser als ihr Ruf. Sie biete eine tolle Lebensqualität und sei besonders im südlichen Teil der Stadt landschaftlich wunderschön. »Ich habe mich noch nirgendwo so wohl gefühlt wie hier in Salzgitter. Wir verschwenden ›Null‹ Gedanken daran, nach Braunschweig zu ziehen«, so Andreas Schweiger überschwenglich.

Aber Schweiger hebt auch mahnend den ­Finger: Die Salzgitteraner müssten mehr an ihre Stadt glauben und mehr für ihre Stadt tun. Das würde Salzgitter guttun.

»Jämmerlicher Zustand des Ringelheimer Schlosses«

Auf die Frage, was sich Valea und Andreas Schweiger für die Entwicklung von Ringelheim wünschen, müssen die beiden nicht lange überlegen: Die Wiederbelebung des Ringelheimer Schlosses und den Erhalt der Infrastruktur. »Das ist uns wirklich wichtig! Beides!«, unterstreichen sie ihre Wünsche. Der 2000-Seelen-Ort habe eigentlich alles, was man zum täglichen Leben braucht: Eine Apotheke, zwei Banken, gute Ärzte, einen Kaufmann, Handwerker sowie einen Supermarkt, der auch Backwaren anbietet. Diese Infrastruktur sei ein Kriterium gewesen, nach Ringelheim zu ziehen.

Überaus enttäuscht äußern sich die beiden zum Ringelheimer Schloss. »Es ist ein Jammer, dass man dieses Juwel so verfallen lässt.« Durch die Talsituation mit dem schönen Harz-Flüsschen Innerste sei die Schlossanlage ganz wunderbar gelegen und habe etwas Anheimelndes – nach Südosten öffnet sich der Blick zum Brocken. »Der als englischer Landschaftspark angelegte Schlosspark ist kaum noch zu erkennen. Die Teiche verlanden und versanden. Das ist einfach skandalös!«

Das Land Niedersachsen sei an dieser Entwicklung nicht schuldlos. Das Land habe sich seiner Verantwortung entledigt und das Schloss veräußert, ohne darauf zu achten, was damit passiert. »Es hat an ein Versprechen des Käufers geglaubt, das nicht eingehalten wurde. Der Vertrag enthält offensichtlich auch keine Klausel, die dem Käufer bestimmte Pflichten auferlegt. Unglaublich!« Was dabei vergessen worden sei: Das Schloss macht ein Stück der Identität Ringelheims und Salzgitters aus.

»Gejoggt wird in ganz ­Salzgitter«

Was tut ein Wirtschaftsjournalist für seine Fitness? Regelmäßig sonntags greift Andreas Schweiger zu seinen Joggingschuhen. Eine Lieblingsstrecke hat er nicht. »Wir laufen mal in ­Ringelheim, mal um die Burg Lichtenberg, um den Salzgittersee oder am Thermalsole-Bad. Immer um die sieben Kilometer. Der Klassiker!«

»Tatort in der Raum­patrouille-Orion-Ecke«

Der Fernsehkonsum von Valea und Andreas Schweiger hält sich eher in Grenzen, aber es gibt eine Konstante. Am Sonntagabend wird in einer gemütlichen Fernsehecke unterm Dach gemeinsam Tatort geguckt. An der Wand ein großes Poster der 60er Jahre-Serie Raumpatrouille Orion. Die Fernsehgeschmäcker der beiden gehen ansonsten auseinander. Die Hausherrin schaut schon mal in eine Netflix-Serie rein, während sich der Hausherr eher für Reportagen und Dokumentationen interessiert. »Vieles andere kann ich nicht ertragen.«

»Das Musikzimmer, mein ›Lebenswerk‹«

»Das ist purer Luxus«, sagt Andreas Schweiger beim Betreten des Musikzimmers, das neben einer voll ausgestatteten Musikanlage zwischen zwei- und zweieinhalb Tausend Platten und CDs beherbergt. »Mein Lebenswerk!«

Bevorzugt er eine bestimmte Musikrichtung? »Alles was gut ist, was mir gefällt. Kaum Klassik, ansonsten querbeet.« Und die Sammlung wächst immer weiter. Als letztes hat er eine Platte der amerikanischen Sängerin Jackie Lynn gekauft, die gerade erst auf den Markt gekommen ist.

Wie informiert sich Andreas Schweiger über Neuerscheinungen? »Ich lese jeden Monat die beiden Musikzeitschriften Musikexpress und Spex. Darin sind immer CDs enthalten mit Kostproben von Neuerscheinungen. Dadurch lasse ich mich inspirieren.«

Schweiger ist ein absoluter Vinyl-Fan. »Erstens gefallen mir die großformatigen Vinyl-Cover viel besser. Ich empfinde sie zusammen mit der LP als ein Gesamtkunstwerk. Und zweitens gibt es bei CDs die These, dass sie längst nicht so lange haltbar sind wie Vinylplatten, weil sie sich – so die Befürchtung – nach einiger Zeit zersetzen sollen.«

»Der meist-unterschätzte Musiker: Frank Zappa«

Nochmal die Frage an Andreas Schweiger: Haben Sie eine Lieblingsband? »Der musikalische Nukleus, also der Kern, auf den ich immer wieder zurückkomme, ist Frank Zappa.« Von ihm hat Schweiger über 30 Platten. »Zappa ist aus meiner Sicht einer der unterschätztesten Musiker des letzten Jahrhunderts. Er passt in keine Schublade, experimentiert mit ganz vielen Stilrichtungen und kommt immer wieder frisch und neu rüber«, schwärmt Schweiger, »Ende der 70er Jahre habe ich ihn bei einem Konzert in Hannover live erlebt.«

Die plakativen Bilder des Musikzimmers hat der Wolfsburger Künstler Jürgen Neumann gemalt, mit dem Schweiger befreundet ist und der auch regelmäßig in der Region mit Ausstellungen vertreten ist.

»New York Times und Guardian als Informationsmedien«

Welches sind die einflussreichsten drei Medien in Deutschland? Valea und Andreas Schweiger sind sich einig: Der Spiegel, das Fernsehen und Tageszeitungen, darunter die Bildzeitung. Die Bild sei ein gutes Medium, um sich unterwegs einen Nachrichtenüberblick zu verschaffen, da sie sehr schnell in der Informationsvermittlung sei. »Ich informiere mich auch gern bei der New York Times und dem Guardian«, fügt Valea Schweiger hinzu. Sie hat eine Affinität zur englischen Sprache, da sie in Plymouth »European Studies« studiert hat. »Für mich wäre die Lektüre der beiden Zeitungen schon eher ein Problem«, so ihr Mann.

Mit Blick auf die Region ist der Wirtschaftsteil von allen Sparten der Braunschweiger Zeitung derzeit am aufregendsten. Dem würde Valea Schweiger nicht widersprechen. »Das liegt an den Ereignissen. Wir leben in spannenden Zeiten.« Wirtschaftsthemen mundgerecht aufzuarbeiten, sei zuweilen eine Herausforderung, kommentiert ihr Mann. »Wir bemühen uns um eine einfache Sprache, um trotz der manchmal komplexen Sachverhalte möglichst viele Leser mitzunehmen.« Ob seine Berichte gelesen werden, kann er der täglichen Auswertung des Interesses der Online-Leser entnehmen, und da sind Wirtschaftsthemen immer vertreten. »Das sehe ich als ein gutes Zeichen.«

»Ein häufig gehörter ­Vorwurf an die BZ«

Im Presseseminar der IHK, das Andreas ­Schweiger seit Jahren mit seiner Kollegin ­Katharina Lohse veranstaltet, kommt von den Teilnehmern regelmäßig der Vorwurf, dass die BZ zu »VW-lastig« ist. »Dieser Vorwurf ist nicht ganz unberechtigt«, erläutert Schweiger, gibt aber zu bedenken, dass in unserer Region etwa 100 000 Menschen direkt für Volkswagen arbeiten. »Wenn man dann noch deren Familien dazurechnet und die Mitarbeiter bei den Zulieferern von VW, kommt man ganz schnell auf rund die Hälfte der hiesigen Bevölkerung.«

Bei der Berichterstattung über Volkswagen bemühe sich die Wirtschaftsredaktion um einen differenzierten Blick. »Wir wollen nichts beschönigen, aber auch nichts schlimmer darstellen als es ist. Der Abgas-Skandal bleibt ein Betrug. Punkt! Aber das ist für uns kein Grund, um jetzt alles schlechtzureden, was mitunter in den Medien passiert.« Derzeit werde oft jeder vermeintliche Anlass wahrgenommen, um Volkswagen in ein schlechtes Licht zu setzen. Die Wirtschaftsredaktion sei dagegen schon sehr bemüht, den differenzierten Blick zu behalten.

»Medienhäuser müssen alle Kanäle bespielen«

Das Spezialgebiet von Valea Schweiger ist die Lokalberichterstattung. Für die Hildesheimer Allgemeine – Auflage über 20 000 – macht sie jede Woche eine »Land + Leute«-Seite. Wie sieht sie die Zukunft der tagesaktuellen Printmedien? »Die Medienhäuser müssen heute alle Kanäle bespielen und dabei auf die Qualität achten. Das ist eine ziemliche Herausforderung«, ist sie überzeugt. Die Hildesheimer Allgemeine versorge ihre Abonnenten als besonderen Service abends mit einer aktuellen Zusammenfassung des Tages. Derartige Angebote würden immer wichtiger, genauso wie das Bespielen der Sozialen Netzwerke.

»Ein Journalist darf nicht am Schreibtisch kleben«

Das nachlassende Interesse an der Tageszeitung findet Andreas Schweiger paradox, weil die Zeitung als Qualitätsmedium in einer Zeit des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit sowie der sich weiter verschärfenden gesellschaftlichen Themen so wichtig sei wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Nach den Worten von Andreas Schweiger gibt es eine zunehmende Abkehr von bestehenden Strukturen und ein zunehmendes Misstrauen gegenüber den Eliten. »Immer mehr Menschen sind sehr unzufrieden.« Das dürfe einen Journalisten nicht ungerührt lassen. Er müsse das Ohr bei den Menschen haben und dürfe nicht nur am Schreibtisch kleben. »Auf meinen Bahn- und Busfahrten zwischen Ringelheim und Braunschweig lerne ich jeden Tag das wirkliche Leben kennen«, betont Andreas Schweiger, »wir alle müssen uns davor hüten, in einer Blase zu leben und ausschließlich den Umgang mit Menschen zu pflegen, die uns emotional, intellektuell und von den Werten her sehr nahe sind.« Dies gelte auch und gerade für den Umgang mit Facebook, ergänzt seine Frau. »Man stellt sich eine Gruppe zusammen und erhält die meisten Informationen natürlich von den Gruppenmitgliedern. Nur ganz wenige haben die Zeit und die Disziplin, außerhalb ihrer Gruppe zu agieren.«

Kritisieren Sie die journalistische Arbeit Ihres Mannes auch schon mal, Frau Schweiger? »Aber wie …, da bin ich ganz ehrlich, wenn ich etwas lesen soll, was mir nicht gefällt, dann sage ich ihm das ganz direkt und erwarte das auch von ihm, wenn er meine Texte gegenliest.«

»Vollblut-Journalist mit Handwerker-Genen«

Für Andreas Schweiger, einem Vollblut-Journalisten mit Handwerker-Genen, gibt es immer etwas zu tun. Auf meine Frage nach den Zukunftsplänen werde ich nicht enttäuscht: Ein Wintergarten wäre schön, genauso wie die Pflasterung der angrenzenden Scheune oder die Anschaffung neuer Holzbearbeitungsmaschinen, nicht zu vergessen der Einstieg in den Gemüse­anbau und die Anschaffung eines kleinen Gewächshauses.


Bild ganz oben: Valea und Andreas Schweiger mit ihrem quirligen Sohn Anton.

geschrieben von  jh