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Ein zweites Zuhause in Daressalam Freitag, 12 Mai 2017 13:23 Foto: Jörg Scheibe

Ein zweites Zuhause in Daressalam

Die Wohnlage in Wolfenbüttel ist extrem ruhig. Familie Jeremias wohnt auf einem Eckgrundstück am Wald. »Man hört höchstens, wenn mal ein Spaziergänger mit seinem Hund vorbeigeht«, erzählt Lutz Jeremias (51). Mary Agino Safari (30), die in Tansania aufgewachsen ist, musste sich an die Ruhe erst gewöhnen. »In Tansania gibt es ein quirliges Nachtleben, viel Autogehupe und Krach. Das Leben spielt sich draußen ab. Die Restaurants haben ihr Hauptgeschäft zwischen 19 Uhr und Mitternacht«, so Lutz Jeremias. »In Wolfenbüttel hingegen ist die Stadt samstagnachmittags schon dicht. Meine Frau fragte: Wo sind hier all die Leute?«

Kennengelernt haben sich die beiden vor sieben Jahren auf einer Messe in Daressalam, der größten Stadt in Tansania. Die FAS Flüssiggas-Anlagen GmbH, deren Geschäftsführer Lutz ­Jeremias mit 25 Jahren wurde, war dort mit einem eigenen Stand vertreten. »In Daressalam ist nun unser zweites Zuhause«, berichten sie. In ihrem dortigen Haus wohnt indes zurzeit eine Schwester von Mary Agino Safari. Lutz Jeremias ist inzwischen häufiger in Ostafrika als seine Frau: »Mit der Familie zu kommunizieren, ist ja mit den heutigen Möglichkeiten nicht schwer. Es gibt einen regen Austausch. Mit kleinen Kindern so weit zu reisen, ist aber kompliziert.«

Über den Kindergarten sind schnell gute Kontakte in Wolfenbüttel entstanden. Lutz Jeremias bringt zwei der drei Kinder vor der Arbeit zum Kindergarten in der Stadtmitte. Seine Frau holt sie mittags ab. Anschließend geht sie dann oft zu einem Teich oder auf einen Spielplatz und trifft sich dort mit anderen Müttern. »Hier gibt es einen pakistanischen Busfahrer. Wenn der mich mittags mit Kinderwagen sieht, hält er schon mal abseits einer Haltestelle an und fragt, ob ich mitfahren möchte«, berichtet sie. Sonntags geht die Familie ins Fitnessstudio mit Spielgruppe für Kinder oder in die Kirche – im wöchentlichen Wechsel. »Die Kirche spielt in Tansania eine wichtige Rolle. Jeden Sonntag muss man zur Kirche gehen«, erzählen die beiden.

»Unser Auto hat 20 Beulen«

Welche weiteren kulturellen Unterschiede gibt es? »Ich musste mich zum Beispiel an die gewisse Lässigkeit bei Beulen im Auto gewöhnen. Unser Auto dort hat etwa 20 Beulen. Auf einem Parkplatz schlägt jemand mit der Tür dagegen. Ein Moped streift die Seite. Das ist kein Thema«, so Lutz Jeremias. »Ich musste mich auch daran gewöhnen, dass abseits der Hauptstraßen kaum Straßennamen existieren.« Freizeitstress wie oft in Deutschland gebe es in Tansania nicht. »Die Organisation der Grundnahrung nimmt vielerorts viel Zeit in Anspruch. Es gibt lange Wege. Viele Familien müssen zum Beispiel ihr Wasser von einer Wasserstelle holen.« Ein großer Unterschied sei auch der Familienzusammenhalt: »Die Kinder kommen für die Alten auf. Das ist auch nötig, weil es keine Rentenversicherung gibt. Der Respekt der Kinder vor den Eltern ist generell viel höher als hier. Dass ein Kind seinen Vater anschreit, wäre unvorstellbar.«

»Wirtschaftsflüchtlinge: Die Probleme müssen vor Ort gelöst werden«

Lutz Jeremias ist inzwischen auch geschäftlich in Tansania aktiv. Seine Philosophie: »Man redet viel über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Wir wollen versuchen, vernünftige Lebensbedingungen vor Ort zu schaffen. Tansania hat über 50 Millionen Einwohner. Jährlich kommen rund 1,2 Millionen dazu. Wie sollen da genug Wohnungen und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen? Viele sehen keine Perspektive und kommen dann als Wirtschaftsflüchtlinge hierher. Wir müssen Bedingungen schaffen, damit sie dort bleiben. Man muss das Problem vor Ort lösen anstatt Mauern zu bauen.«

Die 1975 gegründete FAS erwirtschaftet heute mit 120 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro. Das Salzgitteraner Unternehmen ist in 50 Ländern tätig. Der Großteil des deutschen Umsatzes wird rund ums Autogas erzielt. Über 40 Prozent der hiesigen rund 7000 Autogastankstellen stammen von FAS. In Europa ist das Unternehmen Marktführer bei Verdampfer- und Mischanlagen.

Neben diesen erfolgreichen Geschäftsfeldern betreibt Lutz Jeremias nun in Tansania ein Reisebüro und ein Maklerbüro für Versicherungen und unterhält Handelsvertretungen für drei deutsche Firmen, ein Unternehmen aus Bangladesch sowie für ein rumänisches und ein amerikanisches Unternehmen. »Hier Fuß zu fassen, ist schwierig. Du musst erst mal Vertrauen schaffen und netzwerken. Man braucht drei bis fünf Jahre, um einen Markt aufzubauen. Wir vertreten unsere Partner in den Bereichen Industrie und Arbeits­sicherheit. In Kürze kommt die Vertretungen von zwei südafrikanischen Firmen für PSA hinzu. Wir möchten ein bis zwei neue Vertretungen pro Jahr gewinnen, um unserer Wachstumsziel von jährlich ca. 30 Prozent zu erreichen. Ein Fernziel ist, dass man hier auch in die Fertigung geht. Aber noch fehlt die komplette Infrastruktur.«

Rund zehn Mitarbeiter sind bereits im Auftrag von Lutz Jeremias in Tansania tätig. Die Aktivitäten werden durch seinen Schwiegervater sowie durch seine Frau vor Ort unterstützt. Einer ihrer Brüder und ein Schwager von Lutz Jeremias arbeiten in Führungspositionen. Der jüngste Bruder von Mary Agino Safari wird zurzeit bei FAS in Salzgitter zum Mechatroniker ausgebildet. Anschließend wird er dann ebenfalls in Tansania tätig sein.

»Suaheli, Englisch und Deutsch«

In einem neuen Bürogebäude sollen die Handelsvertretungen künftig angemessen präsentiert werden: »Wir planen ein dreigeschossiges Gebäude mit 20 Büroräumen in der Nähe des Flughafens – für jede Firma ein Büro plus Showroom und dazu ein Meetingraum für Schulungen.«

Tansania war einst eine deutsche Kolonie. Heute werde der Markt indes zu großen Teilen von Chinesen und Indern bestimmt, berichtet er. »Die Apotheken werden von Indern betrieben; Baumaterial kommt aus China. Europäer sind fast gar nicht mehr hier.« Wie gut spricht er inzwischen Suaheli? Er lächelt: »Ich habe mit meiner Frau eine Abmachung. Ich mache keinen Druck mit Deutsch, sie nicht mit Suaheli. Wir haben beide einen 15-stündigen Arbeits- und Familientag. 15 Stunden ist Action. Dazu noch eine Sprache zu lernen, ist nicht leicht.«

Zum Schluss noch einmal zurück ins Zuhause in Wolfenbüttel, das mit vielen afrikanischen Exponaten und Bildern dekoriert ist: Gibt es ein Lieblingsstück? Lutz Jeremias überlegt: »Wir sind sehr zufrieden, aber etwas, auf das ich lange gespart hätte oder das ich stark vermissen würde, wenn es nicht mehr da wäre, gibt es eigentlich nicht.« Er ergänzt: »Mein Lieblingsstück sind die Kinder.« Während des Gesprächs gibt es eine lebhafte Geräuschkulisse. Tochter Cataleya (4) springt im Wohnzimmer ausgelassen auf einem Trampolin. Zwischendurch zeigt sie ihrem Vater spannende Dinge, etwa einen Elefanten, den sie gerade in ein Stickeralbum geklebt hat. Der kommentiert alles interessiert und entspannt. Fürs Familienfoto im Garten mit großer Sandkiste wird dann noch ein riesiger Stofflöwe geholt. »Das ist unser Lion«, erläutert Lutz Jeremias. »Der passt auf uns auf.«

Bild ganz oben: Familienfoto im Strandkorb mit Stofflöwe »Lion«: Lutz Jeremias mit Cataleya, Ryan-Agino und seiner Frau Mary Agino Safari mit dem jüngsten Spross Kelechi Valentino.

geschrieben von  maru