Unsere Partner
Sänger, Texter, Liedermacher Dienstag, 05 September 2017 09:43 Foto: André Pause

Sänger, Texter, Liedermacher

Werner Kudla aus Schandelah ist eine regionale Berühmtheit. Er war im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung. Er hat gesungen und eigene Lieder getextet. Er hat Schlagerwettbewerbe bestritten. Er hat das Ortsjubiläum von Schandelah genauso besungen wie die Feuerwehr, Braunschweig als Kulturhauptstadt, Wolfsburg aka Golfsburg und die Biene Maja. Er hat fast ein Dutzend CDs veröffentlicht. Er ist im bürgerlichen Beruf KFZ-Meister und repariert seit über vierzig Jahren die Oldtimer der Republik. All das brachte dem Multitalent die Titelstory in der IHK wirtschaft im September 2016 ein. Doch um Autos geht es diesmal nur am Rande.

Jetzt soll das Zuhause im Mittelpunkt stehen. Das bewohnt Werner Kudla mit seiner Lebensgefährtin Marina Wittchen, die, im Herzen eine Gärtnerin, alles was grünt und blüht um das Haus herum gepflanzt hat: die üppigen Rosenbüsche, die Stauden, die Hortensien, den langen Heinrich. Sie naturverbunden zu nennen, ist beinahe eine Untertreibung. Sie macht bei jedem Wetter kilometerlange Wanderungen durch den Elm, genießt die Ruhe (»Als Altenpflegerin habe ich ja mit Menschen viel um die Ohren«) und fährt, nach Aussage ihres Lebensgefährten, Fahrrad »ohne Gnade«: Schon als Kind hat sie mit ihrem Vater an den »Kleinen Friedensfahrten« von Ost-Berlin nach Prag teilgenommen, die es neben den von der DDR seit 1948 organisierten internationalen »Großen Friedensfahrten« auch gab. Noch immer bewältigt Marina Wittchen große Deutschlandtouren, ihre bisher längste führte von der Mosel in die Eifel, 110 Kilometer an einem Tag. Manchmal ist sie mit dem Fahrrad zwei Wochen am Stück unterwegs.

Briefmarken von 1847 und böse Fische

Auf Spritztouren ist auch Werner Kudla dabei, der sich allerdings lieber am Steuer seines alten Jaguars sieht. Indes: »Wer lange in Oldtimern sitzt, kriegt Rückenschmerzen.« Dagegen helfe ihm mittlerweile das Fitnessstudio. »Ich bin jetzt 70 Jahre alt und kann das Sportstudio allen älteren Menschen nur empfehlen. Die Muskulatur muss aufgebaut und gekräftigt werden, insbesondere die Bauchmuskulatur.« Die sei schließlich auch für den Rücken zuständig.

Werner Kudla weiß sich abseits des Berufs­alltages vielseitig zu beschäftigen, das bemerkt, wer sich im Heim des Oldtimer-Experten umschaut. So besitzt er eine Modeleisenbahnanlage, die in einem Zimmer auf knapp 17 Quadratmetern Fläche aufgebaut ist: Häuser, Straßen, Tunnel – was das Herz begehrt. »Ich habe schon als Kind eine Märklin-Lok gehabt, die kleine fleißige Schwarze.« Sie ist stolze 65 Jahre alt und fährt immer noch. »Natürlich haben meine beiden Jungs (Inzwischen schon sehr erwachsen) begeistert mit der Eisenbahn gespielt. Aber heutzutage finden die Lieblingsspiele im Computer statt. Das Virtuelle verdrängt das Reale.«

Real zum Anfassen sind Werner Kudlas fünfzig Briefmarkenalben. Marina Wittchen: »Wie viele Briefmarken er hat, kann er gar nicht mehr zählen.« Die Anfänge waren bescheiden: Die Mutter schnitt für ihre drei Jungs die Briefmarken der Geschäftspost des Vaters aus oder löste sie unter Wasserdampf ab. Heute besitzt Kudla Briefmarken aus aller Welt: Portugal, Polen, Neuseeland, Ceylon, Brasilien, Bolivien. Er besitzt Marken von 1847, mit Queen Victoria drauf, kleine grafische Kostbarkeiten aus Englands Kolonien. Und er besitzt die Blaue Mauritius – wenn auch nur als Druck: »Ist mir egal, ob echt oder nicht.«

Große Freude machen ihm auch seine »bösen Fische«. Böse, weil sie ihm die Pflanzen im Aquarium auffressen. Zwanzig argentinische Barsche schwimmen dort, »immer fröhlich, immer genügsam und der Tierarzt muss nicht kommen. Wenn sie mich in meinem roten Arbeitsanzug sehen, begrüßen sie mich und wollen Futter haben«, meint er augenzwinkernd.

Der Sänger Werner Kudla

Seit 1972 ist Werner Kudla nunmehr KFZ-­Meister. Seine Werkstatt eröffnete er einst in den Gebäuden eines Bauernhofs von 1865. Das Wohnhaus gegenüber, wenn man die Dorfstraße überquert, gehört auch zum An­­wesen mit seinen tadellos in Stand gesetzten Gebäuden: Wo heute Wohnungen vermietet sind, war früher der Kuhstall, wo das Garten­häuschen steht, der Misthaufen. Ein entspanntes und womöglich auch inspirierendes Umfeld. Im Wohnzimmer ist ein Teil seiner bisherigen Musikveröffentlichungen ausgestellt. Wie hat das eigentlich mal angefangen? »Das war beim Bund«, erzählt Kudla, der am 1. Juli 1967 19-jährig zur Bundeswehr in die Braunschweiger Kaserne Heinrich der Löwe eingezogen wurde. Jung und voller Optimismus, ließ Panzergrenadier Kudla seine Stimme damals im Waschraum unter der Dusche ertönen. So wurde man auf ihn aufmerksam. Seitdem vertrat er das Bataillon als Vorsänger bei Sangeswettbewerben, bevorzugt mit dem Titel »Soll ich dir mein Liebchen nennen, Rosa heißt das holde Kind.« Damals schon gelernter KFZ-Schlosser, wurde er in die Instandsetzungsausbildungskompanie befördert und durfte den Mercedes des Hauptmanns schweißen, berichtet der Schandelaher nicht ohne Stolz und schwelgerisch: »Die Bundeswehr war eine schöne Zeit.«

Heute, mit seinen siebzig Jahren ist Werner Kudla so rege wie eh und je. Wer ihn erlebt, kann kaum glauben, dass er sich zur Ruhe setzen will und doch ist es so. Er wünscht sich einen Nachfolger, der ein bisschen so ist wie er selbst: ein Arbeitskünstler (der seinen Job aus dem Effeff versteht) und Lebenskünstler. »Das kann auch ein Diplomkaufmann sein, einer, der den Laden schmeißt und das Herz auf dem rechten Fleck hat.« Dann könne er beruhigt in Rente gehen.

Bild ganz oben: Werner Kudla und seine Lebensgefährtin Marina Wittchen leben auf einem liebevoll gepflegten, idyllisch gelegenen Hof in Schandelah. Der Elm liegt quasi um die Ecke und verlockt das Paar zum Wandern oder Radfahren.

geschrieben von  maru/pau